Darusya Daruska’s ‚Guten Tag, Freund,‘

Salut. Dating-Agentur gab mir Ihre Mailadresse. Ich gebe dir meine Fotografie. Was ist deine Meinung von mir? Gefällt dir mein Aussehen? Es ist so interessant für mich, deine Meinung von mir zu erfahren. Ich möchte unseren Dialog fortsetzen. Ich mochte dich sehr, ich würde dich gerne besser kennenlernen. Ich werde dir etwas über meinen Lebensstil erzählen. Ich hatte lange keine Beziehung zu einem Mann. Schlimmer, meine jüngsten Beziehungen waren nicht erfolgreich. Daher ist es für mich ziemlich schwierig, neue Beziehungen zu beginnen. Ich habe eine Entscheidung getroffen, das Internet dafür zu nutzen. Ich habe dich gemocht und ich habe mich entschieden, dich kennenzulernen. Ich habe keine Ahnung, was diese Korrespondenz bewirken wird, aber ich bin froh, Sie jetzt als meinen Freund zu betrachten. Sind Sie einverstanden? Auf deine Antwort wartend. Erzählen Sie mir bitte etwas über Ihre Lebensweise. Wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Wie alt sind Sie? Ich würde mich freuen, deine neuesten Bilder zu sehen. Dein Freund Darusechka!

Bin ich ein Glückspilz! Oder bin ich ein Glückspilz?
Darusechka schreibt mir und prompt bin ich ihr Freund.
Sie kennt mich nicht, hat mich aber sofort gemocht!
Oh, WOW. Das Leben ist so toll.
Endlich werde ich geliebt!
Ich könnte kotzen vor Glück!

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Den Text oben habe ich unaufgefordert zugeschickt bekommen und er wurde von meinem Mailprogramm – zurecht – als Werbung aussortiert. Naja, es ist keine Werbung, eher Romance Scam. Aber egal. Der text ist im Original auf Ausländisch gehalten. Also kopiere ich ihn, gehe zu Google Translator und lasse mir den Liebesschmalz in meine Muttersprache transformieren. Es ist immer wieder spannend:

– Wer mich anschreibt,
– was man von mir möchte,
– was Google da so übersetzt und
– wie Sinn entstellt der Inhalt ist.

Man muss sich das mal vorstellen: Google, ohnehin schon Datensammler Nummer 1, transformiert Sprache. Irgendwann sind nicht mehr Schlagworte oder meine Position das Produkt, mit dem die Datenkrake ihr Geld verdient. Meine Sprache, meine Kommunikation mit anderen Wesen und Dingen (Maschinen, Programme) wird der Quell unendlichen Reichtums für ein paar verpickelte Nerds aus USA sein. Google wird bestimmen, was ich zu hören bekomme. So wie es heute schon Facebook macht und mir zeigt, was eine – für Facebook – positive Nutzererfahrung in mir hervorruft. Schlechte Nachrichten? Die gibt es niemals von Facebook oder Google. Mit dem Mist wollen die Internetgiganten nichts zutun haben. Facebook, Instagram und Google wollen nur Positives an weiche Birnen übermitteln.

Das Dumme ist: Der faule träge Mensch macht da einfach mit. Aus Bequemlichkeit und um sich nicht sorgen oder gar anstrengen zu müssen.

Und so wird es bestimmt genügend notgeile Schwänze geben, die der Darusechka antworten. Es ist doch auch im normalen leben so: Man(n)/Frau will nicht alleine sein, also wird das nächst willige Bückstück genommen und auf heile Welt gemacht. Jedenfalls für die nächsten paar Monate. Wenn es gar nicht mehr geht, wartet Man(n)/Frau auf die nächst beste Mitfick-Gelegenheit und weiter geht es. Juhu, man darf es mit dem Zwischenmenschlichen nicht so Ernst nehmen. Mit Freund/Freundin lässt sich auch gut poppen, ist dann eben eine Freund/Freundin Plus-Nummer.

Nein, das ist – irgendwie – nicht mehr meine Welt. Ich liebe die Abgeschiedenheit meines Ateliers: Dunkel und teilweise auch lautlos; außer wenn Nachbar seine Pseudo-Taubheit mit lauter Musik pflegt.

Autor: Lichtbildprophet

Lichtbildprophet ist verbaler Größenwahn und Fotografischer Depressionismus; eine persönliche letzte totale Schlacht des einzigartigen Großmeister Lichtbildprophet gegen den Herdentrieb des Gutmenschen und die Massenverdummung des Homo digitalis. Das Held Lichtbildprophet ist die allerletzte Bastion wider dem Einheitsgeschmack unserer ach so modernen und bequemen Zeit.