Parade der Freiheit

Freiheit bedeutet für mich Verantwortung. Wie Besitz. Der bedeutet ebenso Verantwortung. Letztendlich lebe ich nicht allein auf der Erde und ohne diese Erde inklusive drum herum gäbe es mich selbst als Unfall nicht. Es ist nur logisch mit meinen Ressourcen so zu haushalten, dass ich weder mir noch anderen Schaden zufüge. Das bedeutet, zumindest für mich, das Freiheit ihre Grenzen hat. Rein physikalischer Natur zum Beispiel. Rein aus dem Gedanken der Demut gegenüber der Existenz dieser Erde und meinem kleinen Anteil Verantwortung dem überdimensionalen grossen Rest der Menschheit gegenüber. Freiheit bedeutet das Recht auf freie Meinungsäusserung. Ob mir nun diese Meinung gefällt oder nicht. Diese Meinungsäußerung ist so wichtig, dass Europa diese Messlatte überall anlegt und was nicht passt gerne passend macht. Am Sonntag zogen ein Häufchen Wissender durch Marzahnium und skandierten gegen die Corona-Maßnahmen der Mutti. Schon am Freitag Abend zog ein Autokorso durch den Nordosten Berlins, um mit Abgas-, Lärm- und Lichtverschmutzung die Corona-Maßnahmen wegzuhupen. Marzahnium scheint aktuell ein heißes Demonstrationspflaster zu sein. Zumindest für jene Randgruppen, die einen Ort ihrer Meinungsartikulation benötigen und auch nicht viel Platz in Anspruch nehmen. Die ganzen guten Demos finden im elitären Zentrum der Hauptstadt, was auch die höheren Infektionszahlen bezeugen.

Realität ist nicht zwingend. Vielleicht.

Freedomparade. Da der engagiert demonstrierende Haufen der Freiheitsparade auch mal eine wohlverdiente Pause einlegen muss, komme ich in den Genuss, mir die Argumente der Polonaise-Freunde gezwungener Maßen anhören zu müssen. Ich kann gar nicht wiedergeben, was da alles ins Mikrofon gequiekt wurde. Allein schon der Slogan „Wir sind Viele“ wirft die Frage nach der Relativität solcher gedachten Massenaufläufe auf. Für mein Verständnis verbringt ein ziemlich kleines bis armseliges Häufchen seine sonntägliche Mittagsruhe auf den Strassen Marzahns. Es ist wie mit der „Ganz Deutschland“-Ideologie: Die Selbstwahrnehmung ist oft arg getrübt.

Das Multiversum gibt es schon lange: Jedem sein eigenes Reich und nur sein eigener Wille geschehe.

Im eigenen Bewusstsein um die Freiheit respektiere ich die Polonaise der Vielen genauso wie das „Ganz Deutschland“ der Qualitätsmedien. Keine Seite bekleckert sich an der Stelle mit Ruhm. Marzahnium war und ist kein gutes Pflaster für solche Propagandaaufmärsche, egal um welches Format es dabei geht. Das ist seit der großen friedlichen Revolution so, egal ob Space-Parade und Rudelbildung des rechten Lagers. Einen Auflauf von Vielen gab es vor Jahren beim Kostenlos-Konzert von City auf dem Viktor Klemperer Platz. Das war(en) Viele, liebe Freunde des gepflegten Weltuntergangs und nachhaltigen Verschwörungstheorie.

Gibt es wirklich nur eine Realität? Was ist mit einer Re-Realität?

Unweigerlich lande ich beim Thema Wahrheit. Ob nun die Väter, Mütter und Sonstigen der Freiheitsparade als auch die Mutti: Jeder sagt die Wahrheit. Ganz wirklich und ehrlich. Und all die anderen sind die Dummen. Nasenbohrer. Zum ersten Mal höre ich den Begriff „Impflinge“. Eines meiner Fressfeinde ist, weil systemrelevant, ein Impfling, ohne dass ihm ein Einhorn gewachsen ist. Wie geht das? Laut der Freiheitsparade ist dieser Impfstoff an allem Schuld. Also wer sagt nun die Wahrheit und gibt es eine Wahrheit? Vor Gericht soll ich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen. Mit Schwören, wenn es denn sein muss. Doch letztlich erzähle ich etwas, was nach meinem Wahrnehmen so geschehen ist. Dabei kann ich mich rein theoretisch täuschen, was in der Praxis nicht selten vorkommt, weil meine Wahrnehmung mich täuscht und das Erinnerungsvermögen sowieso. Und weil mir vielleicht auch das Wissen fehlt, Wahrnehmungen wahrheitsgemäß wiederzugeben. Als Rattenschwarz der vielen Wahrheit gedeiht das Denunziantentum. Keine Seite spart sich dabei aus. Liegt im gegenseitigen Anscheißen die wahre Wahrheit. Geht es am Ende gar nur um Kinderkacke und Beschäftigung für zivilisationsmüde Wohlstandsopfer?

Sehenswürdigkeit … was für ein Name für ein Fernsehapparat. Dabei gibt es heute kaum des Sehens würdiges im TV.

Völlige Reizüberflutung. Es geht in allen Medien nicht mehr um Unterhaltung. Stattdessen wird nach bestem Wissen und Gewissen abgelenkt. Mittlerweile, ich überhöre und ignoriere was mir gesagt wird. Es geht um Elefanten, die in Wahrheit eine Mücke sind. Falsche Priorität. Zum Beispiel: Chinesen sind respektlos, denn sie erkennen den allmächtigen Gott nicht an. Alles Todfeinde. Alles Rassisten. Alles Frauenhasser. Die Welt ist doch so einfach. Wer ist der grösste Panscher? Die klassische Lebensmittelindustrie und ihre Gier nach maximalen Profit auf Kosten Natur, Tier und Mensch? Oder die Hersteller von Pflanzenfleisch, was sich Schnitzel, Burger oder Wurst nennen darf? Ihr Veganer vergesst nicht, dass eure pflanzlichen Fleischalternativen aus armen wehrlosen Erbsen und Bohnen hergestellt werden! Mein Abschalten, es ist ein Selbstschutz. Denn damit es weitergeht, muss ich auf mich selbst achten.

Darf ich noch Schwarzer Humor sagen oder spürt ein weißer Gutmensch darin eine rassistische Beleidigung?

Mein Freiheitsgedanke gebietet es mir, über das, was da lautstark in die Sonntags-Mittagsruhe herausgeschrien wurde, zumindest einen Moment lang darüber nachzudenken. Ich bezweifle nicht, dass es Corona-COVID-Wasauchimmer gibt. Es wären aber auch so viele Köpfe an der vermuteten Verschwörung beteiligt, dass das „Geheimnis“ keines mehr wäre. Und wenn ein Fressfeind von seinem Einsatz an der Coronafront erzählt, dann stimmt es mich schon nachdenklich. Ich sehe für mich eher die Gefahr, dass allerlei im guten Glauben Maßnahmen der Überwachung und Verfolgung eingeführt sind und wohl nie wieder zurückgenommen werden. Corona soll ja jetzt immer sein, was Methoden eines Überwachungsstaates rechtfertigt und letztlich Europa zu einem Pendant Chinas macht. Und alles nur zu meiner Sicherheit und Gesundheit.

Je mehr ich über Menschen weiß, umso mehr mag ich meine Schildkröte.

Autor: Lichtbildprophet

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.