Die Bilder der Anderen

Nein, es geht mir nicht darum, wie gut oder wie schlecht andere Menschen Bilder malen oder fotografieren. Den Schwanzlängenvergleich habe ich schon vor Jahren aufgegeben. Entweder gibt es Bildwerke, die mich ansprechen und nicht nach einem gewissen Moment langweilen, oder es gibt Bilderwerke, die nichts sagend und leicht zu vergessen sind. Ich mag keine lauten Bilder, der Neudeutsche sagt wohl eye catcher dazu. Mich sprechen ruhige, eher klassische Bilder an. Es muss kein schneller, höher, weiter oder alles zu sehen sein.

Nein, es geht mir nicht um ein Pastiche oder eine anderweitige Art des Nachäffens. Ich möchte nicht – was in meinem Auge – Besonderes nachahmen oder kopieren. Über die Jahre war es immer so, dass ich Etwas tat und man mir sagte, mein Ergebnis sehe nach Künstler X oder Y aus.

Meine Rubrik Fundstücke, Untertitel „Die Bilder der Anderen“ oder „Lichtbildpoet“, ist so etwas wie eine Lichtbilderrettungs-NGO, nur ohne irgendeinen ideologischen Firlefanz und politischen Überzeugungshintergrund. Irgendetwas hat Menschen dazu bewegt, sich fotografieren zu lassen. Diesen einzigartigen wie auch vergangenen Moment möchte ich mit dem Projekt und meinen Abzügen retten. Es soll nicht die neuste Digital-KI-Scheißtechnologie zum Einsatz kommen, um möglichst alle Spuren der Zeit zu eliminieren. Die Zeit soll zeigen, wie sie an der Negativvorlage genagt hat, allein deshalb, weil es Teil des Lebens ist.

Ich möchte aus dem analogen Original eines Anderen (Negativ) einen Abzug in meinem Sinne anfertigen. Dazu habe ich auf Grundlage eines Kaufes oder einer Schenkung Negative aller Art übernommen. Es interessiert mich nicht, wieso der, der diese Negative erstellt hat, sie aus seiner Hand gegeben hat. Ich möchte nicht am Scanner sehen, was das Negativ im Detail zeigt. Es soll ein realer Abzug sein, entweder als Kontaktkopie oder als Vergrößerung. Allein die Größe des Negativs entscheidet über das Wie. Die besondere Herausforderung für mich sind die Qualitäten und Formate der Negative. Da ich ausschließlich analog in der Dunkelkammer arbeite, ist der Spielraum schmal und viel Wissen um die Stärken und Schwächen des Lith Printing erforderlich. Klassische Abzüge nach der Schnellschnell-Entwicklung auf moderne Papiere kann ich mir für dieses Projekt überhaupt nicht vorstellen. Es ist in dem einen oder anderen schwierigen Fall dann doch eine handwerkliche Kunst, am Ende ein sichtbares Bild in den Händen zu halten. Genau das macht das Projekt für mich spannend.

Die Negative der Andere nenne ich Fundstücke, dass damit verbundene Fotoprojekt schimpft sich Fundstücke, Arbeitstitel Lichtbildpoet. Schließlich ist es eine Frage der Interpretation, wie ich die Informationen der Negative mit meinen fototechnologischen Mitteln in ein Bild transformiere. Visuelle Poesie.

Aber darf ich das?
Was sagt der Fotograf dazu, hat er das erlaubt?
Schließlich geht es um das Urheber- und Persönlichkeitsrecht!

In der Tat gibt es diese Rechte und sind dementsprechend zu beachten. Meine Abzüge erfolgen von Negativen, die verschenkt oder von mir käuflich erworben worden sind. In der Regel sind die vormaligen Besitzer darüber informiert worden, was ich damit vorhabe. Auf der anderen Seite muß man das Alter der Negative, die auf Glas oder Zelluloid vorliegen, beachten. Gehe ich von der längst möglichen Frist von 50 Jahren für Lichtbilder nach deren Veröffentlichung aus, dann sind die Negative älter als 1976 gemeinfrei: Wenn auf dem Portrait eines Kindes in Uniform die Armbinde der Hitlerjugend zu erkennen ist, dann gehe ich davon aus, dass die damit verbundene Reihe an Negativen gemeinfrei und damit für mich nutzbar ist. Trotz der Faktenlage weise ich bei jedem Abzug aus der Reihe Fundstücke darauf hin, dass der Fotograf unbekannt ist und das gezeigte Bild meine Interpretation ist.

Eines betrübt mich an diesem Fotoprojekt: Es ist kein Kommentar von dem zu erwarten, der das Negativ angefertigt hat oder auf den Aufnahmen zu sehen ist. An der Stelle bin ich schon neugierig, was aus den Menschen im Laufe der Jahrzehnte geworden ist.

Autor: makkerrony

Makkerrony ist ein Photoalchemist aus Berlin und der Macher des Lichtbildprophet, dem weltbekannten Blog für experimentelle Lichtbildkunst. Er gilt als der Begründer des Fotografischen Depressionismus. Seine Werke bestechen durch den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere vor 1990 hergestellt und dem Lith Print-Verfahren. Durch den Einsatz des Lith Print gilt Makkerrony, auch der Lichtbildpoet genannt, unter Kennern der Szene als der Farbige unter den Schwarzweißen.