Ich bin ein Friedhofsgänger. Berlin hat viele historische Friedhöfe, weshalb ich gerne meine Kamera mitnehme. Heute ist ein Friedhof wohl der letzte Ort, wo Ruhe das oberste Gebot ist. Über den Alter St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin bin ich auf Napoleon Seyfarth gestoßen. Oder auch umgekehrt: Über Napoleon Seyfarth bin ich zum Alter St.-Matthäus-Kirchhof gekommen. Letztendlich habe ich sein Buch „Schweine müssen nackt sein – Ein Leben mit dem Tod“ gekauft und natürlich auch gelesen. Es ist ein Buch, was mich irritiert, aber auch nachdenklich macht. Was bewegt Menschen dazu, gegenüber sich selbst derart den Respekt zu verlieren? Höre ich mir heute „angesagte“ Musik an, prasselt ein Gewitter ich-bezogener Entgleisungen auf mich ein. Warum definiert ihr euch und andere auf solch eine vulgäre Art und Weise?
Es gibt keinen Schalter, der sich am Tag X umlegt und der Mensch weiß, dass er heterosexuell, gleichgeschlechtlich interessiert oder irgendetwas anderes ist. Das ist gut so. In meinen paar Lebensjahrzehnten habe ich als Fotograf Identitätswechsel und wieder zurück erlebt, meist aus Verzweiflung am anderen Geschlecht. Wie das Leben es so will, das eigene biologische Geschlecht ist nicht viel besser als das andere biologische Geschlecht. Die Probleme im Kontakt der Menschen untereinander sind unabhängig von jeder Identität. Interessant kann deshalb nur der Weg und dessen Wirren zum eigenen Selbst sein. Ist der Knoten geplatzt und die Welt scheinbar in Ordnung, muss nur noch das geeignete Plätzchen her, wo Mensch Mensch sein darf. Ist es wirklich so?
„Schweine müssen nackt sein – Napoleon Seyfarth“ weiterlesen