Gesichtslos

Denke ich an die Anfangszeit meiner fotografischen Laienschaft, erinnere ich mich nur an eine junge Frau, die gezielt darauf bestanden hat, dass ihr Gesicht in den veröffentlichten Bildern nicht zu erkennen ist. Sie begründete die Entscheidung damit, dass sie nicht wüsste, wie ihr weiterer Weg aussehen werde und ob da nicht eventuell später Ganzkörper-Barfußbilder ihrer Karriere schaden könnten. Sie war 18 Jahre jung und ich fand, dass sie übertrieben weit vorausgedacht hat. Ich entsprach natürlich ihrem Wunsch. Was und ob aus ihr „etwas“ geworden ist, ich weiß nicht. Aus den Augen aus dem Sinn. Vielleicht weiss sie heute gar nicht mehr, dass sie sich mal hat nackt fotografieren lassen.

Im Laufe der Jahre wurde der Wunsch nach einer fotografischen Anonymisierung der Modelle immer größer. Teilweise kann ich es verstehen. In der freien Wildbahn laufen genug perverse Spinner herum, die ein Aktmodell als ein leicht zu fickendes Stück Freiwild betrachten. Das gilt sowohl für andere sogenannte Fotografen als auch für ordinäre Bildgucker und Wichsvorlagen-Sammler. Völlig triebgesteuert gibt es kein Halten und den Frauen wird entsprechend nachgestellt. Gedanken an die weitere Karriere sind sicherlich legitim, nur sollten wir Karriere definieren. Hier und da ist der Wunsch nach Anonymität ziemlich scheinheilig, kann ich in einer anderen Onlinegemeinschaft sehen, die dieselbe Frau ihrem Sex-Partner gepflegt einen bläst und das Gesicht ist dabei auch noch richtig gut zu erkennen.

Egal was die Motivation ist, das zwanghafte Anonymisieren verändert die Bildlandschaft. Ich meine nicht den Massenmurks a la Instagram, Flickr & Co.. Ich rede schon von kreativ ausgeführten Arbeiten, die eher selten zu sehen sind. Krampfhaft bis ideenlos wird der Kopf aus dem Bild gedreht. Zwanghaftes Gepose gleich einer visuellen Vergewaltigung. Der Bildausdruck dreht sich um das Versteckspiel und dem Zwang, nur nicht Gesicht zu zeigen. Das Zeichen unserer Zeit ist der gesichtslose weibliche Körper. Durch das Entsexualisieren menschlicher Körper für die Darstellung in Facebook, Instagra, tumblr und Co. verstärkt sich in mir das ungute Gefühl. Ich erinnere mich an die Bilder aus der Pharaonenzeit, in denen Menschen mit beiden Schultern sichtbar dargestellt werden. Sicherlich ein zeitliches Phänomen, eine goldene Regel der damaligen Epoche, doch visuell betrachtet erstklassiger Humbug.

Ich denke an das broiler porn-Projekt. Irgendwie unbewusst arbeitet es diese Thematik kopf- beziehungsweise gesichtsloser Modelle auf. Ich kann (fast) alles mit den Modellen machen, nur darf das Gesicht nicht zu sehen sein. Mir fällt in dem Zusammenhang ein, dass sich ein Modell nicht nackt ablichten lassen wollte, weil es sehr markante Körpertattoos haben soll. Nur sind die im Alltag nicht zu sehen. Mir sind sie jedenfalls nie aufgefallen, weder Winter noch Sommer. Ein ähnlicher Fall um ein Sonnentattoo um den Bauchnabel. Auch hier musste ich Kopfstände machen, dass es vor allem bei Filmaufnahmen nie zu sehen war. Ist das nicht eher eine Phobie verfolgt oder gar der heimlich Wunsch nachgestellt zu werden? OK, gedanklich lehne ich mich gerade zu weit heraus.

So viel Verständnis ich für den Wunsch der Anonymisierung habe und danach handle, so sehr bedaure ich auch diese Entwicklung. Mit dem Kopf und Gesicht geht ein Teil des Menschen verloren. Es fehlt die nicht ganz unwichtige Mimik und reduziert letztendlich den Körper erst Recht zu einem Objekt. Über die realen Gründe kann ich nur spekulieren, sei es Scham, ein neuer Partner, der von der fotografischen Vergangenheit nichts wissen darf oder ein ins Gehirn geimpftes Meinungsbild, nachdem das Internet zum Beispiel nie vergessen kann oder ein Pool der Sittenlosigkeit ist. Sicherlich ist Gesichtslosigkeit ein stilistisches Mittel, den Kopf im Zuschnitt herauszuhalten ein probates Mittel, auf Dauer ist das permanente Entmenschen ein künstlerisches Trauerspiel. Es entsteht ein fürchterliches Menschenbild derart, dass der Mensch nicht mehr zu sich selbst steht oder stehen kann.

Autor: Lichtbildprophet

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.

3 Gedanken zu „Gesichtslos“

  1. Ein schöner Beitrag und sehr verständlich für mich, von beiden Seiten. Ich weiß ja wie das ist mit dem ohne Kopf knipsen und kann es immer noch nachvollziehen und ich hatte ja anfänglich auch meine Gründe, bis ich gemerkt hab, wenn du doch mal den Kopf mit drauf hattest, was für einen Einfluss das auf das Bild und seine Gestaltung hatte und was es dem Bild für eine andere Atmosphäre gab und das war schon beeindruckend aus meiner Sicht. Ich finde es auch schade, dass oft der Kopf bzw. das Gesicht nicht zu sehen ist.
    Ich danke dir für die vielen tollen Aufnahmen und auch dafür, dass du immer mal wieder meinen Kopf mit fotografiert hast und ich somit oft den Einfluss gesehen hab und auch über meine ursprünglichen Gründe nachdenken konnte und sie ad acta legen konnte. Danke💚💚💚

  2. @ Lichtbildperle: Ich habe für deinen Mut, Gesicht zu zeigen, zu danken 🐰 ❤️❤️❤️

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