Neuer Unrealismus des fotografischen Depressionismus

Das Atelier in der Wohnung verwirrt mich. Gut ist: Wann und wenn es mir beliebt, kann ich darin arbeiten und manchmal ist es auch an dem so. Um ins Atelier zu kommen, muß ich nicht mehr bei Wind und Wetter auf die Straße. Schlecht ist: Ich bin zu nah am normalen Leben – Alltag genannt – dran und irgendwie fehlt die Zeit und Abgeschiedenheit, sich auf die kreative Arbeit einzulassen. Theoretisch habe ich an meiner Work Life Balance geschraubt, praktisch kommt bei mir nichts davon an. Als größter Störenfried entpuppt sich die Fahrtzeit hin zur und von der Arbeitsstelle. In Summe über zwei Stunden sind bei sechs Stunden Arbeitszeit ein ziemlicher Wumms im Vergleich zu einem acht Stunden Arbeitstag.

Unbefriedigend ist auch die Situation mit ausbleibenden, vor allem ernsthaften Modellanfragen. Ja, es kommen welche rein, doch Herren sind nicht meine Sache. Ich finde keinen Zugang und meine Vorstellungen streiken an der Stelle. Zudem scheint Mann zu glauben, ich zahle Honorare und bezahle die Anreise. Ich suche weibliche Modelle, die vorzugsweise in Berlin und näherer Umgebung wohnen. Es tut sich in dem Zusammenhang noch eine zweite Baustelle auf: Terminfindung und Pünktlichkeit. Atelierzeiten sind jetzt noch mehr vom privaten Tagesablauf bestimmt und ein bis zwei Stunden Karenzzeit, weil verabredete Zeiten als eine Ankunftsempfehlung interpretiert werden, sind da nicht drin.

Ich könnte meinen, dass nach der Aufgabe des Atelier Flackerlight am Bürgerpark nichts mehr läuft. Gefühlt könnte ich vom Mobbing, Ghosting und anderen schlimmen Dingen der Jetztzeit reden. Wenn ich mir jedoch die Liste der diesjährigen Abzüge ansehe, dann ist es doch nicht so schlimm. Zugegeben, ich arbeite mehr mit alten Aufnahmen und mit ein paar neuen Aufnahmen zusammen mit der Perle. Doch das Ende des Ronymol und der Schwenk zum Lithprint mit dem überlagerten ORWO Dokumentenpapier zeigt eine neue Perspektive, meine Aufnahmen im Sinne des Fotografischen Depressionismus ohne meinen DIY Vergrößerer zu interpretieren. Die bisherigen Ergebnisse sind für mich eine so große Überraschung, dass ich der Stilvariation den Namen Neuer Unrealismus des fotografischen Depressionismus gebe. Sollten weiterhin Modellanfragen ausbleiben, werde ich mein Negativarchiv durchwühlen und für mich besondere Aufnahmen im neuen Stil abziehen.

Autor: makkerrony

Makkerrony ist der Macher des Lichtbildprophet, dem weltbekannten Blog anspruchsvoller Lichtbildkunst. Er gilt als der Schöpfer des Fotografischen Depressionismus und des Me Nime [Mä: Niem]. Makkerrony ist der Vorreiter, der die Grenzen der analogen Fotografie nachhaltig neu auslotet. Seine Werke bestechen durch den Einsatz experimenteller Dunkelkammertechniken, bei denen er konventionelle Prozesse mit überlagerten Fotomaterialien kombiniert. Dabei spielt insbesondere der Lith Print als alternatives Edeldruckverfahren und der bewusste Einsatz von ORWO-Fotopapieren, deren Herstellung nach der politischen Wende um 1990 endete, eine zentrale Rolle. Durch den Lith Print gilt Makkerrony als der Farbige unter den Schwarzweiß-Lichtbildmachern.