Der schreibenden Zunft, für deren Produkte echte Bäume sterben müssen, geht es nicht gut. Der Homo digitalis fässt kein Papier mehr an. Lieber steckt er sein Geld in überteuerte mobile Endgeräte und deren Energiehunger. Die Konsequenz: Das große Zeitschriften- und Magazinsterben! Die Titel, die noch nicht in die digitalen Jagdgründe eingegangen sind, sparen, wo es nur geht. Es beginnt bei den üppigen Autorenhonoraren und endet beim Papier. Letztgenanntes wird unangenehm griffig und die Heftgröße schrumpft, wie zu heiß gebadet.
Ich möchte meine Phase3* dazu nutzen, meine klaffende Bildungslücke in Sachen Musik zu schließen. Deshalb entscheide ich mich, ein gedrucktes Musikmagazin zu abonnieren. Früher, als mich auch noch HiFi-Technik interessiert hat, las ich stereoplay. Neben dem Technikgedöns gab es dort auch die Zounds-Reihe und Anspieltipps. Nach etwas Internetrecherche sollte es der Musikexpress sein, auch wenn er aus dem Hause Axel Springer kommt. Für den Musikexpress sprechen ein JPC-Gutschein von 15 Euro und 8% Rabatt auf Einkäufe bei JPC. Neben dem dänischen imusic ist das deutsche JPC mein Vinyl-Neuware-Dealer des Vertrauens. Ich bin klar nach meinem Vorteil aus, was garantiert auf meine Machtposition als Mann zurückzuführen ist.
Irgendwie habe ich im Juli kein Glück mit meinen Geschäften. Erst schießt Recordsale mit einer gebrauchten Langrille Freundeskreis „Die Quadratur des Kreises“ einen kapitalen Bock und ich muß meinem Geld hinterher rennen. Dann schließe ich mein 6 Monate-Musikexpress Abonnement ab und es passiert nichts. Das stimmt nicht ganz: Irgendwann bekomme ich von JPC den 15 Euro-Gutschein, dass in der Rechnung angekündigte Heft lässt auf sich warten. Wenigstens hat die Paypal-Abbuchung anstandslos geklappt. Eine Woche warte ich, dann klopfe ich beim Musikexpress an und frage nach. Es dauert noch einmal fast eine Woche, bis die Nachlieferung im Briefkasten liegt. Und wie sollte es anders sein, es fehlt die exklusive CD für Abonnenten.
Jetzt, wo ich das Heft endlich in meinen Händen halte, würde ich gerne darin lesen. Ich stelle fest, dass die Zeitschrift für mich teilweise schwer bis nicht lesbar ist, weil die Schriftgröße zu klein und Text mit Statement in rot gehalten ist. Es scheint, die Schriftgröße und -art ist im Musikexpress ohnehin eine variable Größe. Jeder Beitrag folgt seinem eigenen Stil. So viel Flexibilität kenne ich aus meiner Zeit als nebenberuflicher Autor nicht. Dafür wird brav gegendert und das schreckliche Denglisch ist wohl hipe Jugendsprache. Die Redaktion setzt zeitgemäße Prioritäten. Vielleicht bin ich einfach nur zu alt für Mariybu und K-Pop. Deutsche Sprache wird überbewertet, das machen nur ewig gestrige Nazis und Faschisten. Also Licht an und Brille abgesetzt, um besser lesen zu können.
Um die 8% Einkaufsrabatt nutzen zu können, muß ich auf einer speziellen JPC-Webseite meine Kundennummer und einen ominösen „zusätzlichen Kürzel für den Musikexpress“ eingeben. Kurz nach der Bestellung des Abos suche ich den Kürzel ohne Erfolg in der Rechnung und Bestellbestätigung. Wenn ich Fragen habe, soll ich die Kundenabwehr fragen. Der Support antwortet, mit zeitlichem Respektabstand, ich solle ihn dem Heft entnehmen. Als es dann endlich da ist, ohne exklusive CD, finde ich keinen eindeutigen Hinweis a la „Hier ist ihr Kürzel für den 8% JPC-Einkausrabatt“. Per Experiment finde ich heraus, dass das Kürzel eine kleine, für mich kaum lesbare dreistellige Zahl im Impressum ist. Allmählich verstehe ich mein Problem: Wir leben unterschiedliche Kommunikationsformen und sprechen nicht dieselbe Sprache. Eure Worte sind nicht meine Worte. Euer roter Faden ist nicht mein roter Faden.
Ich habe für mich den Eindruck, Axel Springer will den Musikexpress an die Wand setzen. Wieso wirkt die Truppe so unmotiviert. Geistig schließe ich Recordsale in meinem Rundumschlag gegen die aktuelle Kommunikationskultur mit ein. Liebloser kann man eine Sache wie zum Beispiel das gedruckte Musikmagazin, welches 1969 erstmalig erschienen ist, nicht scheitern lassen. Sollte jemand von den Verantwortlichen diese Rezension lesen, dann entschuldige ich mich hiermit, eure Ruhe mit dem Abschluss eines 6 Monate-Abos gestört zu haben. Ich bereue aufrichtig meine Entscheidung und habe mein Abo zum Ablauf der sechs Monate auch gleich wieder gekündigt. Und wo ich gerade auf Krawall gebürstet bin und Paypal mir den letzten Recordsale-Einkauf zurückerstattet hat, bitte ich den Ex-Gebrauchtschallplatten-Dealer meines Vertrauens, meinen Account zu schließen und meine Daten zu löschen. Zu meiner großen Überraschung reagiert Recordsale innerhalb von 24 Stunden. Warum? Wollte man mich als Kunde gezielt loswerden? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
*Phase3: Rente mit 63, 45 Beitragsjahre und ca. 14% Rentenabschlag als Strafe, nicht bis zum Umfallen über 67 Lebensjahre hinaus zu arbeiten.