Photographien – Annelise Kretschmer

Aus welcher Perspektive sollte ich mich einem künstlerischem Gesamtwerk nähern? Beame ich mich gedanklich in die Zeit des Künstlers zurück oder maße ich mir an, das Schaffen aus meiner Jetztzeit zu beleuchten? Beide Perspektiven haben für mich ihr Für und Wider, wenn ich eine gewisse historische Distanz wahre. Im Moment ist der Zeitgeist sehr bemüht, kreative Frauen aus der Vergessenheit zu holen, um ihr künstlerisches Schaffen auf einen feministischen Sockel im Hier zu stellen. Zwei Dinge stören mich daran: Die Wiederentdeckte kann sich gegen die Überhöhung – wenn sie denn wollte – nicht wehren und es fehlt an der realwissenschaftlichen Distanz. Fotografie ist Kunst und Kunst ist ein persönliches Bekenntnis. Ich mag überzogenes Vereinnahmen aus heutiger Zeit nicht.

Annelise Kretschmer fotografiert die Köpfe der Menschen und hat dabei den Hang zum besonderen Blick des Fotografierten. Beim ersten Durchblättern ist hier und da die eingefangene Mimik sehr eindringlich, wirkt für mich beinahe schon fetischhaft (siehe Seite 79, 81, 89 und 91). Es bedarf weiterer Anläufe des Betrachtens, um mir diese gewisse Beklemmung zu nehmen. Auf der anderen Seite sind es die Portraits auf den Seiten 105 und 109, die für mich eine Distanz schaffen, als sei ich als Betrachter gerade unerwünscht. Mir fällt auf, dass Annelise Kretschmer mit den Jahren auf Distanz zu den Portraitierten geht. Bilden anfänglich Kopf und Hals die Basis des Portraits, kommen im weiteren zeitlichen Verlauf immer mehr Schultern und Oberkörper zum Vorschein. Gibt sie der Komposition einfach nur Raum oder geht sie innerlich auf Distanz zum Menschen?

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Photographien – Josef Breitenbach

Ich bin eher ein Freund alter Meister der Fotografie. Aus ihren Bildern spricht die vornehme Zurückhaltung des Zeigens, ohne alles zu zeigen. Statt Provokation und neusten Hacks der digitalen Bildbearbeitung, steht noch überwiegend das Individuum in seiner perfekten Imperfektion im Vordergrund. Der Fotograf, natürlich auch die Fotografin, ist nicht nur Meister der Inszenierung und Aufnahme. Die Interpretation mit den vielfältigen Möglichkeiten der Dunkelkammer heben die Klassiker von den mausklickenden Gefangenen des Algorithmus ab. Vielfalt statt Einfalt. Einer der Vielfältigen war für mich Josef Breitenbach.

Das vorgestellte Buch erschien anläßlich der Ausstellung „Josef Breitenbach Photographien – Retrospektive zum 100. Geburtstag“ im Jahre 1996. Meine Motivation, diesen Bildband zu kaufen, kann ich für den Moment nicht nachvollziehen. Aktuell fand ich ihn zwischen Bildbänden mit Helmut Newton und vielleicht habe ich ihn in dem Zusammenhang erworben. Blättere ich das Buch flüchtig durch, spricht mich die Vielfalt von der Ausarbeitung bis hin zu den Genres an. Josef Breitenbach scheint nicht festgelegt und ließ sich offensichtlich auch von Neuem begeistern.

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Mein Leben mit Mitsu – Marcel Magis

Wenn ich über das Internet etwas Lobenswertes sagen müßte, dann wäre die reale als auch virtuelle Begegnung mit Marcel Magis eine der wenigen positiven Nutzererfahrungen. Wie es das Leben will, hat die Geschichte kein Happyend: Etwa anderthalb Jahre nach dem Ende meines Kampfes gegen den Krebs muss ich in einem Onlinebeitrag lesen, dass Marcel ein paar Monate vorher verstorben ist. In einem kleinen Beitrag nehme ich Abschied von einem für mich besonderen Menschen. Er war nicht laut, beinahe schüchtern und doch präsent.



„Mein Leben mit Mitsu“ ist kein spektakuläres Enthüllungsbuch heutiger Zeitrechnung mit viel Drama, Trauma und Rache aus gekränkter Eitelkeit. Marcel Magis hatte ein Gespür und wohl auch die Erfahrung für die feinen Details des Lebens: In Berlin saßen wir zusammen im Charlottchen, unweit des Atelier Flackerlight, und philosophierten im Koffeinrausch über das Leben, die Liebe, Enttäuschung, Wahrheit und Lüge. Ich erzählt ihm damals von meinem persönlichen Drama. Er hörte zu und meinte, nachdem ich mich final ausgeheult habe, dass die Liaison meiner Ex-Frau mit ihrem Lover schon länger als nur die eingeräumte kurze Zeit geht. Treffer versunken. Wie ich später erfuhr, hatte er Recht.

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Auschwitz heute – Martin Blume

Martin Blume und sein Bildband „Auschwitz heute“ entdecke ich durch den Nachruf aus Anlass seines Todes im Jahre 2015. Die Bilder, die anlässlich der dem Buch vorgelagerten Ausstellung im Internet zu sehen sind, begeistern mich: Martin Blume setzt gezielt Unschärfe als Gestaltungsmittel und Belichtungszeit als Helligkeitsregler ein. Es geschieht zu einer Zeit, wo ich selbst neue Wege suche und Blume mir mit seinen Arbeiten eine Orientierung gibt.

Da sind die sich kreuzenden Gleise, wellenartig nimmt Zeit und Rotation ihren Platz im Bild ein (siehe Seite 67). Ein Klassiker der perspektivischen Darstellung: Dunkle Pfosten stehen wie Posten im Schnee, geben eine Orientierung bis an ein nicht zu erkennendes Ende (siehe Seite 75). Besonders bedrückend empfinde die Szene auf Seite 83: Ein dunkler Raum, eine massive Tür mit Guckloch, leicht geöffnet bildet die Mitte. Ein Deckenlicht leuchtet. Für über eine Million Menschen wird weder das eine noch das andere Licht ein Schimmer der Hoffnung sein, die gemeinhin zuletzt stirbt. Das Licht mag vielleicht daran erinnern und es ist doch kein Ewiges Licht. Hier in Auschwitz ging es in allen Belangen um Vernichtung: Juden, Sinti und Roma, Polen, Homosexuelle und sowjetische Kriegsgefangene.

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Die Stadt der Frauen – Miroslav Tichy

Am Beginn meiner Liebhaberei zur Fotografie waren die späte Leni Riefenstahl und Helmut Newton für mich die großen Meister. Es waren nicht nur die jeweiligen Menschenfotografien, auch der Umgang der beiden miteinander war bemerkenswert. Leni Riefenstahl, wegen ihrer Propagandafilme zur NS-Zeit noch heute in Deutschland eine totgeschwiegene Person und Helmut Neustädter, ein Jude aus Berlin, der über Singapur kommend die Kriegsjahre in Australien verbracht hat. Beide Biografien habe ich gelesen und bewundert, mit wieviel Respekt sie trotz der Geschehnisse miteinander umgegangen sind. Fotografie verbindet, doch was hat der Mensch mit seinem Ego daraus gemacht?

Obwohl beide ihren kreativen Nachlass nach Berlin gegeben hatten, ich mehrmals das Museum für Fotografie (leider keine Riefenstahl-Ausstellung) besucht habe, änderte sich meine Sicht- und Herangehensweise an ein Bild: Nach einer privaten Katastrophe sollte nicht mehr das bügelglatte Foto mein Ziel sein. Solche Aufnahmen haben für mich keine Geheimnisse und nehmen dem Betrachter, wenn es denn ein Betrachter und kein purer Konsument ist, das Denken ab. Nur eine Möglichkeit besteht, den Betrachter zum Denken herauszufordern: Unschärfe, das Motiv braucht eine dekorative Unschärfe wie Zuckerwatte. Trotz des Perspektivwechsel bleibt der Götterstatus für Newton und Riefenstahl.

Statt teurer Markenobjektive, die den Preis der Digitalkamera in nichts nachstehen und sogar übertrumpfen, probiere ich Spielzeuglinsen a la Holga HL & Co. aus. Egal was ich unternehme, die Digitalkamera und ihre interne Bildverarbeitung setzt alles daran, scharfe Aufnahmen ohne irgendein bildhaftes Widerwort zu fabrizieren. Ohnehin waren die Experimente um eine digitale Unschärfe das Paradebeispiel der Schizophrenie: Die Kamera lebt ihren Perfektionsdrang aus und ich spiele in Adobe Camera Raw mit Reglern, um Störungen und Bildeffekte aller Art irgendwie in die Aufnahmen zu zaubern.

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