Live in Arles 1975 – Can

Wird heute Musikmaterial, das sich in einem Archiv langweilt, in Vinyl gepresst und audiophile Scheiße zu Geld gemacht? Nach der Pleite mit der Led Zeppelin 4 LP-Box „Live ’69 & ’73“ liegt die nächste Katastrophe auf dem Plattenteller. War die Led Zeppelin Live-Katastrophe ein legendäres Konzert, ist die Wortwahl diesmal „einzigartig“ und eine „gefeierte“ Live-Serie. Holla, die Waldfee, sie ruft: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Zugegeben, Can ist nicht vergleichbar mit feministischen Jammerarien von Ed Swift, keine emotionale Powerband wie Chapter 7 nebst Gesichtsbemalung, es geht mehr um improvisierte und vor allem handgemachte Rockmusik von vor 50 Jahre (das ist ein halbes Jahrhundert), in der noch fast alles erlaubt ist. Das ist jedoch kein Freibrief, den verzinkten Blecheimer herauszuholen, ein Mikrofon reinzuhängen und das Tonband mitlaufen zu lassen. Die Rille liefert ein dumpfes, von fast allen Höhen befreites Gedröhne, so als sei der teure Plattenspieler ein damals noch üblicher Mittelwellen-Empfänger.

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Live ’69 & ’73 – Led Zeppelin

Was ist das? Glaubt derjenige, der diese Pressung nebst Zugaben initiiert und zu verantworten hat, aus Scheiße Gold machen zu können, nur weil er vier Scheiben Vinyl in gemischt blau-weißen Kunststoff presst und Led Zeppelin drauf schreibt? Ich liebe Live-Mitschnitte, doch „Live ’69 & ’73“ lässt nichts unversucht, dass diese Liebe schockwelkt und für immer selbstzerstört. Ich soll vor der schallenden Ohrfeige meiner Kritik erst loben? Was denn bitte? Ich versuche es: Ein Viertel der Box ist vom Klangbild erträglich (positiv), der Rest ist reine Materialverschwendung (negativ).

Mein Kaufargument war der Titel „Babe I’m gonna leave you“, der aus Gründen viel zu selten zu hören ist und, nach meinem Dafürhalten, zu den besten Liedern Led Zeppelins gehört. Diese Freude wird mit der zweiten Scheibe der 4 LP-Box auf niederträchtige Weise erdrosselt. Die Tonqualität erinnert mich an Selbstversuche, mit Hilfe eines Mikrofons vor dem Lautsprecher des Schwarzweißfernsehers Musiksendungen aus dem Westen auf Kassette aufzuzeichnen. Was war das für ein Fiasko. Was ist „Live ’69 & ’73“ bloß für eine apokalyptische Katastrophe.

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Rillenunrat

Mit über 1200 Alben auf Vinyl erlaube ich mir einzugestehen, einen gewissen Erfahrungsschatz in der Anwendung und im Umgang mit Schallplatten zu haben. Grundsätzlich gilt für meine Vinylothek: Kommen neue Scheiben ins Haus, egal ob gebraucht oder frisch aus der Presse, werden vor dem ersten Abspielen mit einem Pinsel Staub und andere grobe Verunreinigungen abgebürstet. Danach wird die abzuspielende Seite feucht gereinigt. Dazu verwende ich Feuerwasser: Zwei Drittel gereinigtes Wasser (destilliert oder deionisiert) und ein Drittel Alkohol (Brennspiritus). Zusätzlich kommen auf den Liter Feuerwasser ein paar Spritzer Fensterreiniger hinzu. Meine Erfahrung zeigt, dass sich so statischen Aufladungen beim Entnehmen der schwarzen Scheiben vermindern lassen.

Warum der Aufwand? Bei gebrauchten Scheiben leuchtet es ein, dass sie dreckig und mistig sein können und in der Regel auch sind. Zwar wird hier und da damit geworben, dass die verkauften Schallplatten inspiziert und gereinigt sind, die Praxis zeigt das genaue Gegenteil. Manchmal ist es bei sanftem Druck und Wischen spürbar, dass der Mikrofaserlappen am versteinerten Dreck hängen bleibt. Gelegentlich stehen neue Scheiben dem in nichts nach. Trotz Reinigungsprozedur nimmt die Abspielqualität mit jeder Minute Laufzeit ab, weil die Abtastnadel (Audio-Technica VMN95ML Microlinear (rot)) immer mehr mit Rillenunrat verdreckt.

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Lieblingsfarben und Tiere – Element of Crime

Lese ich Rezensionen, zum Beispiel über Musik, und höre mir dazu das bejubelte Werk in Apple Musik an, klafft da eine gewaltige Lücke zwischen Realität und Dichtung. Gut, Geschmäcker sind verschieden. Aber mal ehrlich: Singsang auf politische Korrektheit getrimmt, queeres Rumschwulen befohlen und hirnloses Eindreschen auf nichtlinke Lebensmodelle, machen manch Veröffentlichung wirklich nicht besser. Der Computer, mein bester Produzent, dazu eine depressiv dreinschauende Zuckerpuppe, die 30 mal Fotze oder Bitch pro Titel quiekt, das ist Lärmverschmutzung und Ressourcenverbrennung. In diesem melacholisch-emotionalen Absacker paßt es wie die Faust aufs Auge, „Lieblingsfarben und Tiere“ von Element of Crime abzuspielen und dreimal pro Biertulpe rauszuhauen, dass früher alles besser war.

Letztgemachte ist genauso unwahr wie die Aussage, die heutigen jungen Künstler können richtig toll Musik machen und bräuchten keine KI und elektronische Softwareinstumente. Nette Anekdote: Musikexpress kürt die 500 (!) besten Alben aller Zeiten und unter den auserkorenen Meisterwerken ist kaum etwas Neuzeitliches zu finden. Zu den ‚Besten‘ werden Alben gezählt, die um meine Geburt und Kindheit herum entstanden sind und die sogar in meiner Vinylothek zu finden sind. So weit kann mein Verständnis von guter bis herausragender Musik vom berufenen Munde einer straff gendernden Musikzeitschrift nicht sein.

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The Endless River – Pink Floyd

Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich mir dieses Pink Floyd-Album auf Vinyl zugelegt habe. Vorab habe ich es mir per Streaming bei Apple Music reingezogen, meine Begeisterung hielt sich dabei in Grenzen. Das liegt nicht daran, dass ich ein Roger Waters-Fan bin und ich mit dem, was der verbliebene Rest Pink Floyd’s veröffentlicht hat, nichts anfangen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Roger Waters bei Pink Floyd: Ja; Roger Waters solo: Nein danke. Ich weiß, dass das Album nach dem Tod von Richard Wright und zu dessen Ehren herausgebracht wurde. Vielleicht war es die falsche Stimmung, die anfänglich einen musikalischen Keil zwischen „The Endless River“ und mir treibt.

Kopfmäßig war ich nicht bereit, in meinen Gedanken den Schritt zu gehen, dass es ein typisches Album von Pink Floyd im alten Stil nie mehr geben wird. Dazu hat Roger Waters zu sehr sein übergroßes Ego gepflegt und seine Vergangenheitsbewältigung andere Bandmitglieder spüren lassen. Wohl wichtiger ist: Wenn letztendlich mit altem aussortiertem Material gearbeitet wird, muss sich das Ergebnis wie eine Zeitreise durch die Bandgeschichte Pink Floyds anhören. Und das tut es auch.

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