… dann wische ich noch einmal schnell durch

Das Jahr geht dem Ende zu.
Man hört es.
OK, der Satz ist verallgemeinert. Verallgemeinern ist Megaangesagt, entbindet es eine eigene Sichtweise und Meinung zu haben.
Ich höre es!
Laut Qualitätsmedien hat die Mehrheit etwas gegen Böllern und spricht sich deshalb für ein Verbot aus. Mich freut es, dass nach dem Meinungsforschungsinstitut YouGov 57% der hiesigen Bürger dieser Meinung sind. Etwas mehr als ein Drittel des ‚Volkes‘ sind Radautüten bestehen auf Lärmverschmutzung und Feinstaub. Den Krawallbrüdern und -schwestern gehört ein Böller im Arsch gezündet, eine Rakete in der Hand explodiert, ein Jahr persönliches Bashing durch Greta Thunberg und als erstes in der Klimakatastrophe die Atemluft genommen.
Draußen ballern die Idioten. Es ging schon vor Weihnachten los. So als sei Krieg in Marzahn.
Das mit dem Böllerverbot geht schon in Ordnung. Doch da gibt es noch die tagtägliche Licht- und Lärmverschmutzung.
Berlin kommt nicht mehr zur Ruhe. Es ist immer hell, irgendwo ist immer ein Wummern und Dröhnen.

Ich bin gespannt, ob in diesem Jahr mein kleiner lauter und aggressiver Nachbar wieder das Haus an seiner FC Union-Fanschaft teilhaben lässt. Letztes Jahr durfte ich am eher gegrölten Absingen der Vereinshymne teilhaben. Irgendjemand im Haus missfiel es und er brüllte den irren Typen an, er solle einfach nur ruhig sein. Und das zum Jahreswechsel. Der Pfeifenwichs gab sich fortan etwas gedämpfter. Es soll ja Menschen geben, die zu den Feiertagen arbeiten müssen, damit ich und der Rest der Großstadt es schön bequem hat. Aber das fällt dem Terrorzwerg gar nicht erst ein. Er ist der Nabel der Welt und alles hat sich nach ihm zu richten. Warum müssen kleine Leute ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Lautstärke kompensieren. Ich möchte mal wissen, wie semigroß die Bewohner neben dem Atelier sind. Aus der Ecke ist tagsüber auch nur Krawall zu hören.

Morgens, irgendwas zwischen vier und fünf, ist die Stadt am Sonn- und Feiertag wahnsinnig still. Nur die Pflegedienste fliegen durch das Wohngebiet, so als gäbe es die Zone 30 nicht. Die Wildkaninchen hoppeln neben mir her, tun so, als ob sie vor mir fliehen. Hier und da ein Hundeausführer oder andere schräge Gestalten die kehrtmachen, wenn sie mich sehen. Perverslinge! Für mich habe ich mich entschlossen, dass Jahr im Atelier zu beenden und mich in meinen Betonpalast zurückzuziehen. Morgen noch ein bisschen einkaufen, dann irgendwie durchmachen oder den Jahreswechsel verpennen und am Neujahrstag volle Kanne Nichtstun. 2019 bedeutet für mich 750 Arbeiten, überwiegend Fotografien. Alles Hand gemacht, Unikate hoch zwei. Es war ein produktives Jahr, wenn auch anders als am Anfang gedacht. Aber so funktioniert Leben, einfach laufen lassen und nicht alles bis ins Detail planen.

Ich räume jetzt alles zusammen, kratze die Farbkleckse vom Laminat und dann wische ich noch einmal schnell durch.

Autor: ronaldo capybara

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.

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