Große Nackte*

* Geschrieben 2011

Es ist amtlich: Ich zwacke fünf Stunden meines Lebens ab und fahre zu Helmut. Ich meine den Newton, die Stiftung und das Museum für Fotografie!

Polaroids.

In meinem Regal mit selbst gelesenen Büchern steht seine “Pola Woman”. Da ist es quasi ein Muss sich auch “Polaroids” anzutun. Ich mag Newton, weniger die Fashion-Strecke und seine verbogenen Models wegen. Ich mag den Schelm Newton, wie er sich selbst inszeniert oder mit den “perversen” Gedanken des Betrachters spielt.

Acht Euro weniger in der Geldbörse und ich bin drin. Die “Big Nudes” begrüßen mich, doch ich lasse sie erst einmal links liegen. Einblicke in sein Privatleben: Ausweise über Orden bis hin zu seinen Kameras. Absolut analog und kaum etwas von irgendeiner Elektronik zu sehen. Wie kann man nur auf diesem Lo-Fi-Level fotografieren und auch noch eine gewisse Bekanntheit erlangen? Heute wäre so etwas undenkbar!

Roter Teppich. Ich erklimme die “Big Nudes”!

Ich bin nicht der Einzige. Ein Pärchen müht sich ebenfalls des Weges. Sie, offensichtlich schwanger oder einfach nur dick. Er, nicht schwanger und deshalb einfach nur dick. Außerdem baumelt eine Fototasche an ihm herum. Puderrot schauen beide zu den “Big Nudes” auf.

“Siehst du die Dreckspuren von den Schuhen auf dem Hintergrund? Deutlich zu sehen! Und dann die Schatten vom Modell und überhaupt …” echauffiert sich der dicke Kamerataschenträger. “Also ich hätte es weggemacht. Das sieht ja unmöglich aus!”. Beide wälzen sich kopfschüttelnd die letzten Stufen der Treppen hinauf und verschwinden im Ausstellungsraum.

Ich bleibe stehen und schaue trotz übler Nackenschmerzen weiter nach oben auf die “Großen Nackten”. Wann habe ich wieder die Chance, übergroße barfüßige Frauen von soweit unten anzuschauen, ohne dass es gleich missverstanden wird. Es handelt sich hier eindeutig um Kunst, auch wenn es Alice Schwarzer etwas anders sehen mag. Die liebt Frauen und muss berufsmäßig jeden Mann hassen.

Genug gestarrt und auf in die Welt der überdimensionalen “Polaroids”. Am Eingang noch eine Erklärung zum Inhalt, inklusive einem Statement des Meisters. Das Ganze ist daneben noch einmal ins Ausländische übersetzt. Wie ein Sprung vom Seitenrand des Schwimmbeckens tauche ich mit dem Öffnen der Tür ab und möchte ab jetzt einfach nur ungestört schauen.

Immer wieder wird meine Meditationsphase von jenem Pärchen gestört, das mit besonders kritischem Blick zu Werke geht: “Total unscharf! Absolut verwackelt!”. Nichts entgeht dem gestrengen vier Augen. Bei dem Tempo, das sie an den Tag legen, entgeht ihnen glatt eine gespiegelte Polaroid-Kopie. Genervt von deren Kommentaren, weise ich sie freundlich darauf hin: ”Sie haben übersehen, dass die Kopie hier gespiegelt wurde. Wegen dem besseren Bildaufbau, meine ich.”

Nach einem erstaunten Blick auf mich, verschieben sie das Augenmerk zum Exponat.

“Woran erkennen sie das?”

“Am Nummernschild des Autos. Ohne die Spiegelung sieht das Foto sicherlich schlimm aus. Wir schauen ja eher von links nach rechts und da würde es im Original unserer Sehgewohnheit widersprechen.”

“Ja guck mal Birthe. Der Mann hat recht. So ein Beschiss …” äußert sich der Klops mit Fototausche und erhält von seiner Begleiterin nickende Zustimmung.

Hoffentlich rächt sich nicht mein Einwurf und ich muss mir die nächsten Räume anhören, was alles falsch gemacht wurde. Es geht schon los:

“Also das hier ist total schief. Das müsste gerade sein.”

Gemeint ist ein Laternenmast. Abendstimmung. Es muss sich bei dem Polaroid um jene Serie handeln, die Newton in Paris und ausschließlich mit Modepuppen aufgenommen hat.

“Und das ist doch kein Modell, sondern nur ne Puppe!”

Oh, der Besucher nebst Lebensabschnittsgefährtin fängt allmählich an etwas genauer hinzuschauen.

“Das ist eine Modepuppe. Da gibt es eine ganze Serie von, die Newton nur mit Puppen gemacht hat” erwidere ich.

“Aber so etwas Windschiefes kann man doch hier nicht ausstellen!”

“Ich find es gut, dass mal die Probeaufnahmen auf Polaroid gezeigt werden. Für mich bekommen die richtigen Aufnahmen dadurch ein ganz anderes Bild. Zumal ja Newton ein Fotograf war, der eher auf einzelne finale Schüsse hingearbeitet hat.”

“Probeaufnahmen?” und mich starren vier ungläubige Augen an.

“Ja. Haben sie nicht am Eingang gelesen, worum es hier eigentlich geht?”

Das Pärchen bewegt sich kurzerhand in Richtung Eingangstür. Ich versuche wieder in die Welt der Sofortbilder abzutauchen, genieße das Schiefe, Unscharfe und Verwackelte.

Irgendwie hätte ich schon gerne gewusst, was die beiden eigentlich erwartet haben? Es ergab sich keine Gelegenheit nachzufragen. Sie kreuzten nicht mehr meinen Weg. Vielleicht waren sie auch nur in der falschen Stadt und falschem Event. Die fotocommunity-Convention war in diesem Jahr in Köln … 👿

Autor: ronaldo capybara

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.

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