Quichotte

Nicht nur einmal habe ich mich gefragt, warum der deutsche Zweitehand-Markt nicht von Fotomaterialien aus dem ehemaligen Ostblock überschwemmt ist. Ich nehme das Beispiel ORWO. Über 30 Jahre nach Ende der DDR gibt es heute immer noch Material auf dem Markt. Dank Ni Bombo a.k.a. ZweifelnHochZwei und ihrem Talent fürs Handeln wächst mein Vorrat an und das Lager alten ORWO-Fotopapiers ist mittlerweile größer als das moderner Papiere. Natürlich muss man beim Kauf genau hingucken. Zum einen werden Preise aufgerufen, die einfach unanständig sein. Zum anderen machen gerade private Verkäufer Angaben, die entweder gelogen oder schlicht weg falsch sind. Unverständlich in einem Land, wo jeder alles weiß … und kann.

Vielleicht taucht aus dem Ostblock in der Bucht mal altes Foma-Material auf. Oder Slavich. Foma (Tschechien) ist heute noch aktiv, Slavich (Litauen) auch. Der Dominator ist eindeutig Foma, was ich verstehe, denn diese Materialien sind nicht das überteuerte Hightech-Zeugs der westlichen Hersteller. Foma erinnert mich an ORWO, so als ob ORWO in Foma weiterlebt. Bei Slavich wird es für meinen Geschmack allmählich kritisch. Hier merkt man die Nähe zur ehemaligen Sowjetunion und das Erbe hat man, bestimmt der Firmentradition wegen, nicht wirklich abgestreift.

Neben dem ORWO-Material packt Ni Bombo drei weitere Pakete aus, die allein ihrer Aufmachung wegen mein Interesse wecken. Irgendwann habe ich angemerkt, ich würde gern mehr experimentieren wollen, auch mit exotischen Fotomaterialien. Gesagt, getan und da liegt das Material. Das muss Liebe sein. Eine Packung, später stellt sich heraus, sie enthält drei unbelichtete Bögen, stammt von Slavich. Alles noch in kyrillischer Schreibweise, also noch vor der Unabhängigkeit Litauens hergestellt. Eine weitere Packung stammt von Smena aus „Leningrad“, die rote Verpackung aus irgendeiner Kiever Fabrik, damit der Ukraine. Ebenfalls kyrillische Schrift.

Mit etwas mehr Licht als ich es von meinem ORWO-Lith-Prozess gewohnt bin, liefert das Slavich-Papier ab. Nicht ganz so wie ich es von ORWO gewohnt bin, aber das Ergebnis hat Charme. Bei den beiden anderen Fotomaterialien wird es knifflig. Ich probiere es mit der normalen Positiventwicklung. Für den „Standardprozess“ brauche ich einen Entwickleransatz 1 + 3. Der Normalprozess zeigt mir, dass die Papiere leben, auch wenn der Grauschleier grausam ist. Bei dem „roten“ Papier habe ich den Eindruck, als greife ich ein selbstgemachtes „Dickschicht“-Papier. Kritisch scheint, dass die Emulsion sichtlich gelitten hat und ein silbriger Glanz den ganzen Bogen überzieht. Diesen aussilbernen Glanz kenne ich von alten Glasnegativen sehr gut.

Jetzt, im Versuch mit dem Lith-Prozess weiterzuarbeiten, fühle ich mich wie Don Quichotte. Auf der einen Seite rattert es im Kopf: Woran fehlt es dem Print? Mehr Entwickler in die Arbeitslösung und/oder länger belichten? Was kann ich den Verpackungen für Hinweise entnehmen? Google befrage ich erst gar nicht, denn hier ist die Datenkrake total blind. Dass ich das noch erleben darf. Ich versuche ein paar Dunkelkammer-Taschenspielertricks und wundere mich über das, was passiert. Auf der anderen Seite ist da die Unruhe und Ungeduld in mir. Zwischendurch kommen Gedanken, alles in die Ecke zu feuern und keine Lösung zu finden. Wenn das Papier alle ist, war die Arbeit eigentlich umsonst, es bleibt nur die Erfahrung. Doch ich möchte experimentieren und muss deshalb mich ermahnen Geduld zu haben. Zu allem Überfluss läuft in der Lala „Quichotte“ von Tangerine Dream. Erinnerungen pur, das war meine erste elektronische Musik-LP!

Ich wechsle das Papier und alle Bäder aus. Das Ergebnis erinnert mich an Fotokopierpapier. Auch bei ORWO möchte das Dokumentenpapier statt in wollweichen Weichspüler im sodahaltigen Waschmittel gebadet werden und vorher eine deutliche Portion mehr Licht sehen. Was sich danach in der Schale entwickelt, ist im Sinne des geliebten „Unclean“ und der analogen Effekthascherei zwar genial, aber trotzdem eine kleine Zumutung. Irgendwie schwindet in mir die Freude, weil ich nicht mit dieser schönen Katastrophe gerechnet habe. Die Ausbeute einer Dunkelkammer-Session: Ein Drittel des sonst üblichen Durchsatzes bei doppelten Einsatz der Verbrauchsmaterialien. Jetzt weiss ich, warum Fotomaterialien aus dem ehemaligen Ostblock es nicht in die deutschen Dunkelkammern geschafft haben. Für Perfektionisten und ökologische Schnellschnell-Entwicklungen ist das Material nichts.

Ein Tag später, der Frust legt sich. Es muss wieder Ruhe in den Kopf. Ich meine, dass mir mal vor Jahren ein Buch über Fotomaterialien/Fotochemie aus der Sowjetunion angeboten wurde, was ich dankend ablehnte. Vielleicht war es ein Fehler, vielleicht auch nicht. Selber entdecken, Fehler machen und neue Wege suchen, es macht viel mehr Spaß. Ich brauche nur Geduld.

Autor: Lichtbildprophet

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.

2 Gedanken zu „Quichotte“

  1. Dieses Fotopapier … ich habe es gesehen und wusste, dass ist etwas für dich😉 und ich war gespannt wie ein Flitzebogen was das für Papier ist und ich finde die ersten Ergebnisse echt toll, weiß aber auch um den Aufwand, Material etc. Mal schauen was ich als nächste finde😃🥰

Kommentare sind geschlossen.