Zweiter Anlauf

Das Dumme an einem Neuanfang ist, dass es gar kein Neuanfang sein kann. Ich würde damit die Erfahrungen des ersten Versuchs negieren. Sie sind aber nunmal da und bestimmen mein Handeln. Täte ich sie wirklich ausblenden, bin ich ein Idiot und würde einmal begangene Fehler wiederholen.

Mitte 2018 baue ich mir meinen Selbstbau-Vergrößerer aus einer 9 x 12 cm-Plattenkamera auf. Die bildhaften Ergebnisse in Form meiner Abzüge gebe ich den bedeutungsschwangeren Namen „Fotografischer Depressionismus„. Anfang 2019 rufe ich die „Erotische Seite des Fotografischen Depressionismus“ aus. Ausgewählte Abzüge klebe ich – so meine Idee – in einem Buch ein, das ein Unikat sein soll. Vielleicht findet sich ein (zahlender) Liebhaber, vielleicht werden es aber auch meine Fressfeinde erben und als unscharfen Schweinkram der BSR übereignen.

Im Laufe des Jahres 2019 verliere ich das Interesse an dem Projekt und verliere die Spur.

In einem Moment der Zweifel und Unzufriedenheit erinnere ich mich an die damalige Idee, baue den DIY-Enlarger auf das Format 13 x 18 cm zurück und ziehe erste Negative ab. Und prompt tapse ich in das oben beschriebene Fettnäpfchen: Ich stürze mich in einen Neuanfang und begehe offenbar jenen Fehler, der zum Desinteresse an der „Erotischen Seite des Fotografischen Depressionismus“ führt. Betrachte ich die Abzüge, dann fehlt mir die unsaubere Effekthascherei in den Abzügen. Der Selbstbau-Vergrößerer ist noch zu präzise, hat zu viel Schärfe und legt Details zu schnell offen. Der Betrachter muss nicht wirklich denken, er braucht nur zu gucken.

Ich könnte den Apparat absichtlich unscharf stellen. Das ist mir zu doof und ein blöder Taschenspieler-Trick. Stattdessen lege ich ein unregelmäßiges Kunststoffgitter in den optischen Gang zwischen Negativ und Objektiv. So kann die Projektion auf das zu belichtende Fotopapier nicht so scharf sein und es ergibt sich eine andere Unschärfe als das Unscharfstellen der Optik. Es ist aber nur eine Stellschraube.

Seit einiger Zeit fotografiere ich Portraits mit meiner Lomo LCA. Das Kind im Mann zum Ärgernis der Präzisionsjunkies. Und wo ich normalerweise für Atelieraufnahmen mit ISO 400 arbeite, nehme ich bei noch knapperen Licht eine ISO 100. Da die freie Bewegung des Menschen vor der Kamera heute ein kleines Problem darstellt, halte ich die Kamera selbst nicht still.

Die Kombination aus DIY-Enlarger, Verschlimmbesserungs-Effektfilter und bewegter Lomo LCA liefert mir das, was mir in meinem Kopf herumgeistert. Es soll nicht der knallscharfe Moment, die totale Offenbarung, das Abnehmen der Einbildung einer Fantasie sein. So wie sich mir die Dinge der ach so tollen Welt vor dem Auge verwischt, so zieht in den Bilder der neuen „Erotischen Seite des Fotografischen Depressionismus“ die Zeit ihre Spuren. Wer hat eigentlich diese Zeit erfunden? Wo und wie entsteht Zeit? Warum ist Zeit so selten geworden? Für jede Veränderung bedarf es einer Entscheidung. Und wenn es mit der ursprünglich angedachten Idee weitergehen soll, dann muss ich weiter gehen.

Reset

Für Bildnachschub im weltberühmten Lichtbildprophet-Blog blättere ich durch fünf Jahre Flackerlight. Flackerlight und Dunkelkammer müsste es korrekt heißen. Mir fällt auf: Ab 2019 kommt es irgendwie zu einem Bruch in meinen Arbeiten. Gefühlt ist mir eine gewisse Leichtigkeit, kindliche Naivität und Unbekümmertheit abhanden gekommen. Kinder zeichnen und malen frei, können wahnsinnig gut abstrahieren und kommen nicht auf die Idee, eine gerade Linie mit dem Lineal zu ziehen. So Technikversessen sind nur Erwachsene. Da ich meine Arbeiten nur jahresweise erfasse, kann ich nicht sagen, ab welchem Monat es zu diesen Veränderungen kam. Was ich aus 2019 weiß: Ab Mitte September bereichert das Klecksen mein Œuvre. Der Bruch kommt vorher, wohl mit dem Vernunftbild.

Zugegeben, dieses ganze „neuartige Corona – COVID-19 – Virus“ ist schon eine nervige Sache, die mich nicht ganz kalt lässt. Mitte März wurde mein Büro ins Home Office verlegt und an dem Zustand wird sich nichts so schnell ändern. Ohnehin nicht reich an Kontakten, droht mir eine soziale wie auch kreative Verarmung. Dabei hat der geänderte Tagesablauf auch etwas Positives. Nach dem Abarbeiten der Nacht-Mails gehe ich für zwei bis drei Stunden ins Atelier und werkle ohne jeden Druck vor mich hin. Ich mache für den nächsten Tag einen Plan, den ich aber nicht einhalten muss. Es wird das gemacht, wonach mir der Sinn steht. Doch ich würde gerne mehr wollen, nicht alles lässt sich allein bewältigen.

Und so gibt es ein paar Dinge, die einfach unbefriedigend sind. Dieses Jahr gab es vier Anfragen zum Modellstehen, drei davon sind schneller verpufft als gedacht und das mit recht fadenscheinigen Argumenten. In der Regel beginnt ja jedes „Vorgespräch“ damit, dass die Interessentin sich total hässlich, fett und unfotogen findet. Die Damen haben mich noch nicht gesehen, es geht wirklich schlimmer. Nicht umsonst stehe ich hinter der Kamera und es gibt kaum Bilder von mir. Endlos lange Motivationsarbeit die dann in Sätzen mündet, dass „man wartet bis sich alles beruhigt hat“ oder „man für die nächsten Tage in einem Loch ist“.

Warum stehlt ihr mir meine Zeit? Könnt ihr euch nicht selbst beschäftigen? Ihr wollt und wollt, dann geht euch der Mut aus oder ihr habt urplötzlich keine Zeit. Diese Art des Verschwenden meiner Lebenszeit nervt. Dummerweise lässt sich im Vorfeld nicht erkennen, ob eine ernsthafte Absicht oder ein Aufmerksamkeitsdefizit dahinter steckt. Die Welt ist seit Corona noch bekloppter geworden. Was auch nicht anders zu erwarten war, ist der Urlaub und ein Frisörtermin Prio Nummer 1. Genauso wenig verstehe ich, was die Kohorten der Webpromoter an diesem Beitrag finden? Was da in Ausländisch an Müll abgeladen wird. Es ist sinnfrei und hat keinen Bezug zu meinem hochdekorierten Blog.

Wenn der Mensch ohne Gehirn und Verstand durch die Welt fegt, dann muss so etwas herauskommen. Und irgendwie scheine ich mich auch ohne beides durchs Atelier zu bewegen. Ich kann mich nicht an die Motivation erinnern, warum ich mir den Selbstbau-Vergrößerer aufgebaut habe. Zwei Gründe sind klar: Neugier sowie die Aussagen der Halbwissenden und Forengötter, dass das nicht geht oder man nicht macht. Es muss aber auch etwas in mir drin gewesen sein, das mich zusätzlich motivierte, eine 9 x 12 Plattenkamera in einem Vergrößerer umzubauen. Meine eigenen Blognotizen sind keine Hilfe, ist dieses Webtagebuch eher als Spielplatz eines Selbstdarstellers zu verstehen.

Ich entscheide mich zu einem Schritt zurück und baue den „DIY Darkroom Enlarger MakkerRony BIG“ wieder auf das Ausgangsformat 13 x 18 cm und Meopta-Grundgestell zurück. Der oder das Reset ist notwendig, um mich beim Belichten und entwickeln daran zu erinnern, was mir nach der Fertigstellung des Selbstbau-Vergrößerer wichtig an dem Gerät war. Ich muss es erst wieder lernen, was es war. Und wenn ich dabei bin: Irgendwann hatte ich für mich erkannt, dass ich mir Zeit lassen muss. Es wird also untemperiert bei Raumtemperatur gelithet und brav gewartet, bis das Bild kommt. Ungeduld war, auch wenn es mir schwer fällt es einzusehen, noch nie ein guter Ratgeber für mich, wenn ich mich für eine Richtung entschieden habe.

Es dauert ein paar Abzüge, bis ich mir bewusst werde, welch Potential in der abgewandelten Plattenkamera steckt. Also nicht so einfach Negativ einlegen, schön scharf stellen und Abzüge nach Stoppuhr gemacht. Nein, das Negativ muss mit Kreppband festgeklebt werden. Mit der Position und wie glatt es aufliegt bestimme ich Schärfe und Helligkeit. Durch das 13 x 18-Format statt der zuletzt verwendeten 18 x 24 cm werden die Abzüge kleiner und etwas farbiger. Ich komme wieder in meine damalige Gedanken und verstehe auch, warum ich dem Ergebnis den Stempel „Fotografischer Depressionismus“ gegeben habe: Nichts daran soll an euren langweiligen Fotorealismus erinnern.

Baum des Lebens

Alles begann mit einem Baum-Foto, abgestorben und am Wegrand stehend. Ich diskutierte mit dem Fotografen über eine andere Perspektive. Ein paar Monate später fuhr ich nach Maichingen und machte meine Fotos von diesem Baum. Digital, was ich bis heute sehr bedaure. Denn trotz mehrerer Absichtserklärungen meinerseits habe ich es nicht hinbekommen, mich noch einmal auf den Weg zu machen. Mittlerweile könnte, weil Jahre her, der tote Baum Geschichte sein.

Der Baum

Für eine Ausstellung ließ ich den Baum in Schwarzweiß auf Leinwand drucken. Roswitha Skowasch, sie hielt die Eröffnungsrede auf der Vernissage, meinte zu mir, dass für sie dieser Baum sinnbildlich für meine Person steht. Ich kann damit bis heute nichts Richtiges anfangen. Irgendwie habe ich den Bezug zum Alter verloren und kann mittlerweile den dritten Geburt-Tag begehen.

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Vephota Reihe

Ich war für ein paar Monate mal wieder in der Bucht unterwegs. Gute Angebote, altes abgelaufenes Fotopapier zu angemessenen Preisen zu ergattern sind rar geworden. Das gilt insbesondere für Papiere in meinen favorisierten Formaten 13 x 18 und 18 x 24 cm. Weshalb ich mich so festlege … keine Ahnung. Es ist halt so. Bei einem Pack orthochromatischen Planfilm für meine 13 x 18-Holzkamera konnte ich nicht widerstehen. Hätte ich geahnt, dass die Nummer eine Odyssee wird, hätte ich meinen Kaufrausch irgendwie unterdrückt.

Und da war noch so ein Angebot, wo ich nicht widerstehen konnte: 13 x 18 cm Vephota. Da dieses seltene Fotopapier einen chamoisfarbenen Träger besitzt, dachte ich sofort an meine NegaPos-Ambitionen. Wenigstens lief hier die Order und Lieferung glatt. Schon bald ergab sich eine Gelegenheit, ein paar Bögen des Vephota-Fotopapiers durch meine Holzkamera zu ziehen. Während ein Bogen ein erstaunlich gutes Ergebnis abliefert, zeigt der nächste Abzug krisseliges Allerlei. Erst habe ich die lange Handhabzeit unter Rotlicht im Verdacht, komme aber bald von dem Gedanken ab: Manch Bogen liefert das effektvolle surreale Ergebnis.

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25 Blatt für Meister Blitz – Update

oder: Sie nannten ihn den Schenkelspreizer

Neben den alten Fotoplatten habe ich in meinen Fundstücken auch eine Reihe Negative auf Film. Mittlerweile ist alles sortiert: Das Sujet Mensch interessiert mich in den Fotografien mir unbekannter Fotografen. Unter den unzähligen Aufnahmen befinden sie auch einige Aktfotografien. Die Meisterwerke habe ich mir (fast) zuerst vorgenommen, in meinen DIY Vergrößerer gelegt und auf 18 x 24 cm uraltes ORWO-Papier abgezogen. Passender wäre 13 x 18 cm gewesen. Ich muss die Strategie mit Filmnegativen unbekannter Fotografen und eine Vergrößerung überdenken. Da sollten 10 x 15 cm reichen und nur wirklich gute Fotografien werden groß abgezogen.

Was mir bei den etwas mehr als 75 Akt-Erotik-Fotografien auffällt: Der Meister hinter der Kamera muss primär schwanzgesteuert ans Werk gegangen sein. Ich greife wahllos in das kleine Sammelsurium und in der Hälfte der Aufnahmen reissen die Modelle ihre Schenkel auseinander oder zeigen ihren prallen Hintern. Lebt Meister Blitz noch und ist er heute digital unterwegs? Ich hätte eine Idee für ihn: Eine schöne strahlungsintensive LED-Taschenlampe anschalten und dem Modell richtig tief in den Mund gesteckt. Wenn die Dame jetzt die Beine schön weit auseinander spreizt, dann müsste es am Ende des Vaginatunnels hell leuchten. Vielleicht noch Licht im Homestudio ausmachen, dann sollte es auf alle Fälle klappen.

Für diese Fundstücke müsste ich die Kategorie ‚Analoger Amateur Porn‘ schaffen. Man kann anhand der Bilder eines Fotografen sehen, wie seine emotionale Bindung zum Sujet ist. Vielen Berufsfotografen ist es völlig egal, was sie fotografieren. Sie tun es handwerklich gut, aber es ist kein Funken Liebe in den Bildern. Präzision und Perfektion versus einer kleinen Zuneigung. Es wird sich weder um das Hauptmotiv noch um das Ambiente gekümmert. Hauptsache die Bilder sind schnell im Kasten, ein bisschen Adobe Lightroom und fertig.

Mein Meister Blitz – er selbst würde sich sicherlich als einen ganzganz großen Profi sehen, hatte alle Top-Modelle vor seinem Blitzgerät gehabt und hat den Görls Modellen gezeigt, wie das harte Model-Business wirklich funktioniert. In Wirklichkeit dienten seine Opfer wohl eher nur als reine Wichs Solosex-Vorlage. Highlights der kleinen Perversitäten: Da sind zum Beispiel die Pseudo-Lesbenspiele. Oder die Dame, die scheinlasziv im Bett liegt und ihre Beine weit auseinander reißt. Die eine Hand ist im Schritt abgelegt, die andere ihre Brust haltend. Sie schaut zur Decke und sollte für den Starfotografen bestimmt so spielen, als erwarte sie den göttlichen Besorger und Beglücker. Es könnte auch sein, dass ihr Blick bedeuten soll: ‚Wann ist der Spanner endlich fertig‘. Seinem Namen alle Ehre machend, blitzt Meister Blitz in Richtung der offenliegenden Scham. Hat er dem Model wenigstens vorher Sonnencreme gegeben? Bei dem Geblitze hatte die Gute bestimmt einen Sonnenbrand im Genitalbereich. Kopfkino um angebrannte Schamlippen.

Mich hat diese platte Ablichten schon immer geärgert, vor allem weil diese lautstarken Großmeister sich für die Elite halten. Diese ‚Wut‘ hat mich zu dieser digitalen Arbeit angeregt, entstanden im Mai 2008.

Herr Fotograf und sein Modell

Titel: Herr Fotograf und sein Modell
(c) 2008 Ronald Puhle

Es gibt verschiedene Versionen dieser Szene, einige haben zur Diskussion mit dem Modell und meinem Busenkumpel geführt. Ich kann bis heute die Argumente verstehen, für mich aus ‚künstlerischer Sicht‘ musste die Aufnahme so sein. Die besonders heftig kritisierte Version, in der das Modell angewidert zur Seite schaut, habe ich nicht veröffentlicht. Hier ist eine Variante in einer Langzeitbelichtung zu sehen.

Meister Blitz, von seinen Fotokumpels bestimmt ‚Der Schenkelspreizer‘ genannt, lässt seine Modelle zeigen, was sie zwischen den Beinen haben. Selbst der Küchentisch muss als Gymnastikunterlage herhalten. Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass die eine oder andere Aufnahme, allerdings im klassischen Stil des Aktportraits, gelungen ist. Ansonsten ist das, was er gemacht hat, plumpes Amateurgetue, Weibchenakrobatik und Hilfspornographie. Ich möchte mir hiermit keinen Heiligenschein aufsetzen. Nur wenn es dazu kam, dass das Modell und ich Aufnahmen in Richtung Erotik und mehr machen wollten, dann musste das Spiel mit Mimik und Gestik gut geschauspielert werden. Oder eben real sein. Nur solch ein liebloses Scheingetue, da ist mir jede Aufnahme zu schade.

Nach und nach wird es im Rahmen des Lichtbildpoet-Projekts ein paar der Aufnahmen hier zu sehen sein. Diese Aufnahmen sind neuzeitlicher als das, was bisher in den Fundstücken zu sehen ist. Meister Blitz gönne ich eine ORWO-Fotopapierpackung mit 25 Blatt. Dann ist Schluss der Ehre. Ich überlasse die Wertung der fotografischen Leistung dem kompetenten Leser. Vielleicht werden nach meinem Ableben meine Negative auch an Zahlende weitergegeben und es wird sich jemand finden, der über mich und meinen Dilettantismus herzieht. Gott sei Dank brauch ich das dann nicht mehr lesen müssen.

Update April 2020
Im Rahmen der Vephota-Reihe ziehe ich weitere Fundstücke des ‚Meister Blitz‘ ab. Meine negative Meinung über den ‚Fotografen‘ verfestigen sich immer mehr: Seine Fotografie bestand aus einem festen Posenkatalog, den jedes Modell abzuarbeiten hat. Sein treuer Begleiter ist das Blitzlicht. Die Mimik der abgelichteten Frauen interessiert ihn nicht. Vielleicht war Meister Blitz Fleischbeschauer beim Veterinäramt. Anders ist das, was er getan hat nicht zu erklären. Die Frau kann er nie geliebt haben, für ihn ist das Weibchen fickbare Bückware. Eines fällt mir auf einem Bild auf: Merkwürdige Kästen mit Nummern (Briefkästen?) und eine Tür mit kyrillischen Schriftzeichen. Sind die Aufnahmen in Osteuropa gemacht worden?