Ein Schlüsselerlebnis

Ich komme irgendwie auf Christina Z. Anderson. Na gut, ganz so zufällig ist meine Suche nicht. Ich suche einen ersten Handlungsfaden für eine mir unbekannte Dunkelkammertechnologie und lande bei Anderson’s Chemigrammen. Sie erinnern mich an meine Aleatogramme. Hier und da fallen mir ihre Farben auf, weil ich sie aus meinen Versuchen in der Dunkelkammer kenne.

Das, wonach ich suche, finde ich nicht auf deutsch. Alles ist in ausländisch gehalten. Warum nur begeistert sich niemand in meiner Muttersprache für ‚Chromo‘? Je weiter ich mich durchs Englisch wühle, umso mehr wird mir klar, weshalb sich der Deutsche nicht in das Becken dieser Techhnik wagt:

Schaue ich mir Fotografien guter deutscher Fotografen an, dann durchzieht die meisten Arbeiten ein unangenehm kühler und vor allem distanzierter Schauer. Selbst in der schmutzigsten Barfuss-Szene muss das Sujet steril und strukturiert sein. Ich frage mich, ob ein ganzes Land bei Bernd und Hilla Becher abgeschaut hat? Wo ist die Zuneigung und Liebe in euch, selbst einen stinkenden Scheißhaufen auf der Straße so zu inszenieren, dass er im Bild gefällig zu betrachten daher kommt? Liebe. Euch fehlt es an Liebe und damit meine ich nicht Sex und Besitz. Wo steckt in euch das Kind im Manne oder der Frau? Ihr verzieht lieber eure Brut statt Wissen und Erfahrung zu vermitteln, züchtet lieber großmäulige Besserwisser und Klugscheißer heran. Kein Wunder, dass für ein sauberes und bequemes Weltbild alles schön gerade, scharf und ohne nachdenken sichtbar sein muss. Ich meine zu wissen, wo euer Problem liegt: Ihr wollt erstens schnell ans Ziel kommen und zweitens nichts dem Zufall überlassen.

„Ein Schlüsselerlebnis“ weiterlesen

Unsensibilisiert

Mein Fotopapierlager quillt über, denn in den letzten Monaten habe ich altes ORWO Fotopapier, zum Schluss auch unsensibilisierten ORWO Fotofilm gehortet. Gern hätte ich mehr ORWO Dokumentenpapier angehäuft, aber das ist ziemlich rar. Mir gefällt dessen braune Note, wird es etwas länger belichtet und anschließend im Lith-Entwickler gebadet. Um mich nicht in Versuchung zu bringen, noch mehr ORWO Material zu bunkern, schließe ich kurzerhand meinen ebay-Konto. Es werden ein paar Tage vergehen, bis es gänzlich dem Nirvana des Internets übereignet ist. Dann hoffe ich aber Ruhe vor den nervigen Warnungen zur Sicherheit zu haben. Zusammen mit den modernen Fotopapieren ist soviel Positivmaterial da, dass es schein-ewig dauern wird, bis alles aufgebraucht ist.

Mir fällt der Schinken ‚Die Theoretischen Grundlagen der Photographischen Prozesse‘ von Hay in die Hände. Eigentlich bin ich auf der Suche nach Informationen zur Lippmann-Emulsion und ihren zahlreichen Varianten. Mich interessiert der unsensibilisierte Typ, weil ich gerade die Härte einer blauempfindlichen Emulsion mit Nanopartikel brauche. In dem Buch fällt mir auf, dass der Autor auf den Positivprozess eingeht. Nicht nur allein auf Silberhalogenid-Basis, es werden auch Verfahren behandelt, die heute ‚Edeldruck‘ sind. Beim Blättern und Lesen wandelt sich mein Wohlgefallen für alte Meister in Abneigung dem Werk gegenüber. Es hat etwas von Besserwissertum und Klugscheißerelite. Mutter kratzt in seinem Meisterwerk wenigstens an, dass es da noch andere Dinge gibt und lässt den Leser dann allein. Hay hat nur Perfektion, Perfektion und nochmals Perfektion in Schwarzweiß im Auge. LANGWEILIG!

„Unsensibilisiert“ weiterlesen

NegaPos

Auf meiner ToDo-Liste steht schon seit einiger Zeit:

Mit der Linhof auf ORWO 9×12 Fotopapier fotografieren

Das ist keine überragende Idee. Vor dem Glas und Zelluloid war lichtempfindliches Papier das Negativmedium. Nur habe ich noch einiges an 9 x 12 cm ORWO Fotopapier herumliegen, das ja irgendwie und irgendwann verbraucht werden will. Am Lichtbildpoet-Projekt arbeite ich derzeit nicht und es ist auch nicht abzusehen, ob ich mich dafür noch einmal begeistern kann. Außerdem: Gegenüber neuem Fotopapier ist das uralte ORWO Fotopapier wunderbar langsam. Da bin ich bei Bewegungsunschärfe angekommen, lege ich den fotografischen Fokus auf das Menschenbildnis.

Der erste Versuch eines Selbstbildnis scheitert. Das Licht und die Belichtungszeit sind deutlich zu gering. Während ich versuche die Kassette nachzuladen, klingt das Modell. Ich verzichte darauf mich für den nächsten Versuch wieder zu drapieren. Das darf jetzt jemand tun, der viel besser als ich aussieht. Mehr Licht, mehr Belichtungszeit und etwas Bewegung. Im Lith-Entwickler und nach ein paar bangen Minuten Wartezeit entsteht mein ‚NegaPos‚. Es bedarf einiger invertierender Blicke um zu erkennen, dass da ein barfüßig weiblich Mensch steht. Das Ergebnis sieht nicht wie ein ’normales‘ Negativ aus. Die Art und Weise der knappen Negativbelichtung, kombiniert mit dem harten Lith print, ist in meinen fotodepressionistischen Augen ein verfolgenswertes Stilmittel. Nur ärgert mich das Querformat als Vorzugsorientierung der Linhof Kardan Color 9×12.

„NegaPos“ weiterlesen

Wohin ich auch blicke, ich sehe nur Gewinner!

Ich stöbere durch Taschen’s Neuerscheinungen: Laurent Benaïm. Dian Hanson Worte über ihn lesen sich interessant. Phasenweise fühle ich mich an meine Langweile erinnert, werde ich mit dem modernen hdr-infizierten Fotorealismus konfrontiert. Ich kann damit nichts anfangen. Diese Klarheit auf der einen, die Scheineffekte auf der anderen Seite sind wie Schmirgelpapier an meine visuellen Rezeptoren. Vielleicht hat der weiße black out, die gelegentlich auftretende Helligkeitsstörung während der Chemo, zum Sichtwechsel beigetragen. Ich bestürme jedenfalls Amazon und ordere Hanson’s Buch ‚Laurent Benaïm‘ vor.

Muse-Stunde: ‚Schau doch mal, ob dieser Benaïm eine Webseite hat‘ spreche ich zu mir. Ausnahmsweise. Gesagt, getan. Im Interesse des Taschen Verlag’s hätte ich es nicht tun sollen. Denn nachdem ich die 32 Galerie-Seiten durchblätterte, wollte ich das Buch nicht mehr. Es war mir zu viel Fotorealismus, zuviel der Effekthascherei. Ich bekomme in seiner Bildsprache vorgekaut, was ich zu sehen habe. Meine Fantasie ist während der Reise durch Benaïm’s erotische Welt eingeschlafen. Ich fühle mich bedrängt, als müsste ich mich mit jedem seiner Modelle öffentlich verpaaren. Wenigstens ist meine Fantasie nicht ins Koma gefallen oder gar verstorben. Was für ein Glück.

Oh, das klingt im Ohr des Gutmenschen wie dissen. Schließlich ist ein emotionales ‚… kotzt mich an‘ in Gutmensch’s Pussywelt böses beleidigen. Oder ich bin nur neidisch auf den Erfolg Laurent Benaïm’s. Er darf einen Bildband bei Taschen veröffentlichen, hat ein großes schmuckes Atelier und kann die Leute beim Rammeln fotografieren.

Sorry, so ist es leider nicht.

„Wohin ich auch blicke, ich sehe nur Gewinner!“ weiterlesen

Wechselbad der Gefühle

‚Gandalf‘ lädt zu sich ein. Also nicht persönlich. Darum muss ich mich selbst kümmern. Er macht Vorschläge, wann wir uns zur nächsten Kontrolle treffen und ich mach dann den Termin.

Im September 2018 haben wir uns auf Anfang 2019 geeinigt. Nun hat es doch bis Ende Februar gedauert. Es kostet mich Überwindung einen Termin bei meinen Onkologen zu machen. Anfänglich war es der Geruch in der Praxis, der Übelkeit in mir hervorgerufen hat. Das hat sich mittlerweile gelegt. Selbst vom gelegentlichen Duft des Burger-Bräters, der eine Etage tiefer seinem Geschäft nachgeht, wird mir nicht mehr schlecht. Nein, es ist diese Ungewissheit in der Woche nach dem Besuch bei ‚Gandalf, dem Weißen‘: Kommt ein Anruf und ich muss noch einmal hin, weil sich ein Wert verschlechert hat? ‚Sauron‘ gar zurück gekehrt ist? Auch wenn ich versuche diesen Seelendruck gelassen zu nehmen, mein Unterbewußtsein lässt sich nicht täuschen. Er, der Druck, ist latent da.

Bis jetzt zeigte ‚Gandalf“s Daumen immer klar nach oben. Selbst der kritische Nierenwert bessert sich allmählich, auch wenn er noch nicht im Optimum ist. Juhu, könnte man meinen. Aber kommen die gelegentlichen Schmerzen in der Lendengegend vom Rücken oder sind es die Nieren? Mein Schmerzempfinden hat sich zu sehr verändert, so dass ich alte Erinnerungen an Vor-Chemo-Zeiten nicht verwenden kann. Ich muss neue Bewertungsmaßstäbe finden und ansetzen. ‚Gandalf‘ wird mich fragen wie es mir geht. Die eine oder andere Schwester auch. Mein Lieblingsspruch: ‚Wie sie sehen, ich bin noch da!‘.

„Wechselbad der Gefühle“ weiterlesen