Ein Bild zur Dummheit des Menschen

Mit ebay bin ich nicht so dicke. Mich zieht es eher nach Amazon. Nicht um Mister Bezos Reichtum zu mehren, vielmehr ist die Angebotspalette einfach unanständig geil. Wenn man auf der Suche nach dem anderen ist, dann ist Amazonien meine erste Wahl. Die Bucht lohnt sich für mich nur, wenn ich altes Fotopapier, vorzugsweise von ORWO, jagen möchte. Oder ich bin voll auf Männershopping und muss mir eine analoge Kamera kaufen, die ich unbedingt haben will aber nie benutzen werde.

Fotopapier. Der Homo digitalis kann damit gar nichts anfangen. Es beschwerte sich mal jemand bei mir, dass man das alte DDR-Zeugs namens ORWO-Fotopapier so schlecht bedrucken kann. Ja, das Leben ist grausam. Zu mir, nicht zu denen, die fotochemisches Papier bedrucken wollen. Woher soll der Homo digitalis wissen, dass Fotos früher etwas anders gemacht worden sind als es heute der Fall ist. Es ist schon lobenswert, dass der digitale Neuzeitmensch noch den Tintenstrahldrucker kennt. Die Grausamkeit mir gegenüber besteht allein darin, dass aufgrund der menschlichen Überheblichkeit die Bildungslücke zum alten Wissen und modernem Halbwissen immer größer wird.

Die Beschwerdeführerin habe ich in Sachen fotochemisches Papier aufgeklärt. Nach ihrer Aussage sollte davon noch etwas da sein. Sie wolle mal schauen. Dann könnte ich das zum Bedrucken ungeeignete ORWO-Fotopapier ja haben und damit meine stylischen Abzüge machen. Ich warte noch heute. Auch das kann ich. Warten. Auf andere.

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Tausend Worte

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“

Ich boykottiere diesen schwulstigen Spruch. Er wird von denen gebraucht, die viel erzählen, aber nichts zu sagen haben. Man stelle sich bitte vor: Jeder Instagram-Post dürfte mit tausend Worten auf mich einprasseln. Ungestraft und ich wäre zum Zuhören verdammt. Mir fällt die Vorstellung schwer und ich wüsste, dass mir irgendwann verbal der Kragen platzt.

Ein Bild schweigt. Gott sei Dank. Ein Bild muss schweigen. Es ist meine Fantasie, die in meinem Kopf aus einem Bild Worte und mehr macht. Deshalb glaube ich, dass es keine „bösen“ Bilder gibt. Erst der Mensch macht mit seinen Gedanken, seiner Fantasie etwas Böses daraus.

Ein schwarzes Bild. Nein, es geht nicht um Black Lives Matter.
Ich krieche förmlich ins Bild, erahne so etwas wie digitales Korn. Zu mehr reicht meine Fantasie gerade nicht. Fotografische Höhlenmalerei, leider digital. Wer erfindet das Smartphone mit Analogkamera? Ich frage bei ihr nach und es ist ein Selfie im Dunklen. Erst dachte ich an ein Video und regle deshalb den Ton hoch. Auf das Selfie hätte ich natürlich selbst kommen können. Was schicken wir uns auch sonst zu.

Kein Licht, ich wäre nicht auf die Idee gekommen zu fotografieren. Fotografieren ist Malen mit Licht. Ohne Licht, keine Fotografie. Verzicht üben. Zugegeben, der hochgerüstete Digitalfotograf knipst auch bei fast keinem Licht und nennt das Rauschen grosskotzig Korn. Meine Stadt Berlin ist wegen der gewaltigen Lichtverschmutzung in der Nacht so hell, dass am Abendhimmel kaum noch ein Stern zu sehen ist. Da kann man auch zu jeder Nachtzeit knipsen. Es stört keinen. Mich schon.

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Mister Shrug

Manchmal habe ich das Gefühl, wir Menschen haben selbst fürs Reden keine Zeit mehr. Ich versuche etwas zu sagen, bin mit meinem Satz noch nicht einmal ansatzweise fertig und mir wird über den Mund gefahren. Ich beende vorerst meine Ausführung, warte bis die Gegenstelle zu Ende geplappert hat und dann fange gerne noch einmal von vorne an. Mag sein, dass ich mich zu oft wiederhole. Ich bin aber „alt“ und darf das. Es gibt nur wenige, die mich ausreden lassen. Die Masse der Menschen lässt mich nicht ausreden. Zugegeben: Die Erkenntnis ist nicht neu. Neu ist, dass ich sie um das Denken erweitere. Nur kann ich da nicht so dagegen halten.

Meine Kunst ist vielleicht mehr Dekoration als Kunst.

Achselzucken.

Wenn sie mich etwas fragt, reagiere ich oft mit Achselzucken. Sie fragt mich, nur schneidet mein Gehirn das Gesprochene nicht mit. In dieser für mich eher peinliche Lage muss ich einen Weg finden, dass sie das Gesagte wiederholt. Dahinter steht keine Absicht, eher mein Versuch, überhaupt einen Gedanken zu fassen. Es ist quasi normal für mich, dass ich Worte denke aber andere Worte in die Tastatur hacke. Wer schreibt, gern und viel, dem ist dieser Umstand ein Hindernis.

Wer ist sie? Sie hat bei mir viele Namen. Zum Beispiel Y oder M. Das liegt in ihrer Natur.

Irgendwie lasse ich mich seit einiger Zeit nur noch treiben. Ohne Nachdenken. Einfach geschehen lassen. Ich tue Dinge, die ich „früher“ mit Überlegung ausgeschlossen hätte. Ich habe mir klare Regeln der no go’s aufgestellt und sie haben auch funktioniert. Gut funktioniert sogar. Heute fällt mir kein Grund es nicht zu tun, mich für mein Verhalten zu rechtfertigen, Worte der Entschuldigung und des Bedauerns zu finden. Es bereitet mir keine Angst, es geschieht einfach so. Meine Reaktion besteht nur aus Achselzucken. Ich weiss nicht wieso. Oder warum.

Bin ich die Nacht, vor der man Angst haben muss?

Wenn ich Angst habe, dann ist es vor dem Moment der Einsicht, durch mein Tun irgendeine Art von Bindung einzugehen um nach dem entscheidenen Schritt festzustellen, dass da drinnen keine Zuneigung oder gar Liebe ist. Zugegeben, es ist und bleibt leer, die sprichwörtlichen Schmetterlinge prallen schmerzfrei an meiner Bauchinnenwand ab. Erst wenn etwas Negatives geschieht, gerät das Innere aus den Fugen. Und genau dieses indirekte Fühlen macht vieles kompliziert: Ich muss erst ein Katastrophe herbeiführen, um zu wissen, dass mich etwas bewegt.

Alles was ich tun kann ist ich sein, was auch immer das ist.

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Warum sage ich eigentlich noch etwas?

Samstag. Ich werde gebeten gegen 9 Uhr 30 im Luxusappartement zu sein, um – hilfreich wie ich nun einmal bin – die Ausbeute eines Raubzuges durch eine Kaufland-Filiale in das Dachgeschoss des Betonpalastes zu tragen. Entsprechend früh bin ich für meine morgendliche Klecksorgie im Atelier, um ab 9 Uhr 15 auf der Wohnlandschaft liegend auf meinen Einsatz zu warten. Dank dem neuen iPad Pro wird mir auch nicht wirklich langweilig. Gegen 10 Uhr 23 mache ich mir dann doch Gedanken: Habe ich etwas falsch wahrgenommen, überhört oder vergessen? Es ist für mich kein Problem eines der Genannten oder alle drei Dinge auf einmal zu können. Irgendwann schellt das Telefon und ich werde vor die Eingangspforte beordert.

In den nächsten zwölf Stunden fällt kein Wort darüber, warum sich die Ankunftszeit um etwa eine Stunde verzögert hat. Anders formuliert: Ich habe sechzig Minuten gewartet ohne zu wissen wieso. Als ich das Thema sanft anschneide, wird mir schnippisch ins Wort gefallen: „Darauf habe ich nur gewartet, dass du das fragst …“. Ist es nicht schön so berechenbar zu sein? Das mir ins Wort gefallen wurde, daran habe ich mittlerweile gewöhnt. Die Kunst beherrsche ich mittlerweile auch. Wenn meine Rede unterbrochen wird, warte ich den Moment einer verbalen Ruhe ab und beginne wieder von vorn. Meine Beharrlichkeit erntet zumindest einen kurzen Blick der zweifelnder Würdigung.

Ein Fressfeind leiht sich meinen Bohrhammer aus, inklusive dem Luxus-Bohrerset. Fressfeind’s Perle, sie ist Raumausstatterin oder so, bohrt mit dem fünf Millimeter Betonbohrer offensichtlich ein Sieb in die Wand. Jedenfalls hat Bohrer so gelitten, dass ich mit ihm im sleeping room kein einziges Bohrloch zum Aufhängen eines meiner Meisterwerke in die Wand bekomme. Also packe ich das ganze Gerödel von Verlängerungsschnur bis Schraubendreher wieder ein und beauftrage Bezos Vasallen, mir neue Bohrer zu schicken. Auf den ausgeglühten Bohrer angesprochen, versichert mein Fressfeind von nichts zu wissen und erklärt mir gönnerhaft den nachgekauften Bohrer bezahlen zu wollen. Mir geht es nicht ums Bezahlen. Ich hätte lediglich bei Rückgabe gewusst, dass ausgerechnet mein Lieblingsbohrer den Hitzetod erlitten hat und Ersatz erforderlich ist, wenn ich zum Selbstbeweihräuchern meine Arbeiten um mein Kingsize-Bett hänge.

Neulich bat ich mir etwas, wenn möglich, zurückzubringen. Ich würde gerne an dem Material weiterarbeiten. Ich bekam zur Antwort, ob ich nicht noch weiter warten wolle. Wenn ich das gewollt hätte, käme nicht meine Frage, ob sich begehrtes Teil heim ins Atelier bringen ließe, wenn Platz dafür wäre. Der eigene Wunsch nur ein schöner Gedanke für den anderen.

Drei Szenarien und mein Kopf wird jedesmal zum Hohlraum. Ich weiss nicht, wo in der Zwischenzeit mein Gehirn hinwandert, ein Denkprozess ist nicht möglich. Eher läuft der interne Brenner auf Hochtouren und die Restfeuchte im Kopf verwandelt sich in Dampf. Alles ist fort und es fällt mir schwer überhaupt eine Antwort zu finden, sei es gedacht oder gesprochen. Ratlos, ausgebrannt wie der NurStein.

Ich leugne ja nicht ein gewisses Alter zu haben und vielleicht ist statt „Lichtbildprophet“ mittlerweile auch die Anrede „Euer Merkwürden“ angebracht. Ich möchte auch gleich mit der gern gemachten Aussage „Früher war alles besser“-Mähr brechen. Das ist Bullshit. Doch es sind so viele Dinge verschwunden. Bitte und Danke. Um Hilfe fragen, ohne sich vor Scham gleich als Versager zu fühlen. Eine Bitte äussern, vielleicht auch zwei- oder dreimal, nicht verschlüsselt oder blumig umschrieben, einfach direkt. Wünsche äußern. Stattdessen wird erwartet und das dann auch nicht zu knapp. Mut ohne zu denken, was der andere sagen könnte. Eine Meinung abseits der bequemen Linie haben. In eine Vorleistung gehen ohne zu wissen, ob es sich nachher „lohnt“ oder „erfolgreich“ ist. Eine gesunde Neugier ohne gleich vollständig durchleuchtet zu werden. Das Mensch, ein Übersehender und fehlerbehaftetes Wesen.

Alltagsmasken-Alltag

Ich bin im Karnevalsmodus unterwegs. Mit Alltagsmaske und ohne Brille, da selbige beim Tragen der scheinheiligen Virenbremse ständig beschlägt. Mir gegenüber setzt sich ein Typ, geschätzt im Alter der Generation Unverletzbar*. Wie aus dem Nichts reisst er sich seine Einweg-Maske vom Gesicht und schnäuzt einmal kräftig hinein. Mit seiner Schnäuzhand greift er in seine Umhängetasche und zerrt eine neue Einweg-Maske heraus. Diese zieht er dem Nase-Mundbereich über, wobei seine Wichsgriffel auch den Filterstoff ordentlich versiffen. Die gebrauchte Maske wandert in seine Umhängetasche. Eine kurze Denksekunde und der Knilch greift wieder in die Tasche, diesmal holt er eine Flasche Handdesinfektion heraus und desinfiziert seine Pfoten gründlichst. Das ist auch gut so, steigt der Herr doch an derselben Haltestelle wie ich aus und ist darauf erpicht, den Türöffner zu drücken, da das automatische Öffnen der Türen ihm zu lange dauern scheint.

Genau aus diesem heute erlebten Irrsinn heraus ist das Tragen eines Nase-Mundschutzes hirnrissig, ist der richtige Umgang den Leuten nicht bekannt. Hauptsache unsere Chefvirologen haben beim Betrachten des Unsinns ihren Spaß, werden sie statt in den Öffentlichen im Diesel durch die Stadt gekarrt.

* Generation Unverletzbar sind die elitären Spackos, die kein Drosten-Gesichtskostüm brauchen, übermenschlich kühl sind und die als Kind leider nicht sehr oft gegen eine parkende flache Hand gerannt sind.