Über eine Idee, die mal kurz geflohen ist

Es war eine spontane Idee: ‚Kann ich über uns schreiben?‘. Als ich ihr das schrieb, hatte ich einen Gedanken im Kopf und bin davon ausgegangen, dass sie erst einmal Zurückhaltung übt oder gar ablehnt. So tat sie es immer. Das stimmt nicht ganz. So tat sie es fast immer muss es korrekt lauten. Vor ein paar Tagen, nach einer kleinen Schmollphase, hatten wir wieder Schreibkontakt. Es ging um ein von ihr gemaltes Bild und meine Meinung. Während ich antwortete, kam dann auch schon eine überarbeitete Version. Beide Varianten gefielen mir, die letztere war den Tick besser.

Sie malt. Ein von ihr gemaltes Bild hängt im Atelier. Ich mag es. Sehr sogar. Liegende Frau, abstrahiert und in rot gehalten. Jedes mal, wenn ich dieses Bild sehe, muss ich an sie denken. An ihren jungen nackten Körper und die langen lockigen Haare. Ich mag lange lockige Haare. Sie stand mir ein paarmal Modell, ich weiß also wovon ich schreibe.

Denke ich an sie, fällt mir unser erstes Aufeinandertreffen ein. Sie gab mir mehr als deutlich zu verstehen, dass ich sie mit meiner Arbeit mehr als langweile. Entsprechend reserviert verliefen weitere Zusammenkünfte. Wohl wegen eines Projekts, an dem sie arbeitete, hielt aber der Kontakt auch während meiner Chemotherapie. Es entspann sich zunehmend ein privater Dialog. Irgendwann kam es auf das Thema Fotografie, Modell stehen und so weiter. Sie gab sich zunächst reserviert. Und eigentlich immer, wenn sich etwas Neues vor ihr aufbaute, gab sie sich zurückhaltend.

Als sie mir nun das überarbeitete Bild zeigte, schlug ich ihr vor eine Webseite mit ihren Arbeiten und wegen meiner auch mit Fotos, die sie als Modell zeigen, einzurichten. Ohne, dass es für sie mit Kosten verbunden ist. Ich rechnete mit Ablehnung. Immerhin muss ich sie als Modell möglichst nicht erkennbar darstellen. Wer aber sie und die Lockenpracht kennt, Eins und Eins addieren kann, der stellt sofort eine fotografische Verbindung zwischen uns her.

Sehr zur eigenen Überraschung griff sie meinen Gedanken auf und fing an in WordPress eine eigene Webseite zu basteln. Was war da los? Viel zu oft höre ich Zweifel, gibt sie sich zurückhaltend. Trotz gemeinsamer Aktivitäten von Gesprächen über Shootings bis hin zu kleineren Shopping-Touren ist immer eine gewisse Distanz da. Nun lese ich in ihrem Blog, was sie über mich schreibt.

Gefühlt weiß ich über sie eine Menge, sie über mich wenig bis nichts. Für mich machte bisher unser Kontakt den Eindruck einer Zweckgemeinschaft: Ich kann sie dann und wann fotografieren, sie hat jemanden zum Reden. Jetzt lese ich in ihrem Blog vom ‚guten Freund‘ und ‚Schätzen über die Maßen‘. Damit meint sie wohl eindeutig mich.

Ich bin irritiert. Liegt meine Wahrnehmung so daneben? OK, ich hatte einen Gedanken, weshalb ich über uns schreiben wollte, doch ich habe ihn zu schnell vergessen. Jetzt könnte ich meinen, es liegt an meinem Alter. Doch diese black out’s gab es vor der Chemo so nicht. Gefühlt habe ich den Eindruck, als hört mir keiner mehr zu. Oder man will mir nicht mehr zu hören, weshalb man mir verbal über den Mund fährt. Vielleicht rede ich vieles wirres Zeug und ich bekomme es nicht mehr mit. Manchmal träume ich ‚lebensechte‘ Sequenzen wo ich mich frage, ob das Realität oder Traum ist.

Sie ist ein Mensch, der es sicherlich nicht einfach hat und hatte. Ich bewundere ihren Mut und aktuellen Fleiss, sich in das sogenannte Neuland zu wagen. Darin sehe ich für sie klar ein Ventil, Gedanken, Überlegungen, Ideen und Visionen ihres Gefühlschaos in Worte zu fassen. Schreiben, auch wenn es schwer fällt, dient dem Selbstverständnis. Hoffentlich bleibt sie dran und hat die notwendige Geduld. Ich hoffe für sie auf eine gewisse Wertschätzung, die sich mit der Zeit einstellen wird. Da bin ich mir sicher.

Ich glaube sie einmal ‚Wundertüte‘ genannt zu haben. Es ging um Jackson Pollock, den sie beim Anblick meiner aktuellen Malereien erwähnte. Das man mich nicht falsch versteht: Ich halte sie nicht für ein Blödchen, dass von Kunst keine Ahnung hat. Nur machte sie mir überwiegend den Eindruck mehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt zu sein. Wer weiß, welch tiefgreifende Gedanken noch in ihr schlummern, die sie warum auch immer zurückhält. Jedenfalls blitzen aus ihr Dinge heraus, die mich positiv überraschen.

Vielleicht war es genau dieser Gedanke, weshalb ich über uns schreiben wollte. Vielleicht ist sie diejenige, die offen auf mich zugegangen ist und ich bin eher derjenige, der sich zurückgehalten hat. Vielleicht schätze ich meine Lage völlig falsch ein, lebe zu sehr in meiner Röhre, in meiner Welt aus farbigen Schwarzweiß und Aleatorik. Ich möchte das nicht ausschließen.

Ich mag sie als Modell, sie ist unkompliziert und offen. Sie sieht toll aus und ist menschlich absolut OK. Mittlerweile nehme ich ihre/unsere Schmollphasen nicht mehr übel. Wir sind mit unserer Freundschaft in der Pubertät. Da kann so etwas passieren. Und egal wie wir uns gegenseitig sehen, ich für meinen Teil bin froh, dass es sie so wie sie ist gibt!

Autor: ronaldo capybara

Er ist kein Fotograf, doch malt er einen Teil seiner Bilder mit Licht und bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er einen Teil seiner Bilder mit Farben in seinem Atelier auf alles, was seine Kreativität tragen kann.

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