Weißheit erster Schluss

oder: Vom Traum, der sich selbsttätig an der Realität zerlegt.

Es kommt vor, dass ich mit (m)einem To-Do ins Atelier gehe, mir meinen Tee koche, mich auf die Porno-Couch setze und eine Arbeit angucke, die zur Probe an der Wand hängt. Ich versuche für mich festzustellen, ob die Richtung stimmt, in die sich das Bild entwickelt. Ich versuche mir gedanklich auszumalen, wie die weiteren Schritte aussehen können. Über ein Ziel, wie es am Ende auszusehen hat, verschwende ich keine Zeit. Eine Kleckserei ist bei mir nie ein Schnappschuss, die Arbeit braucht Tage, Wochen oder gar Monate. Und umso mehr in der Schaffenszeit um mich herum geschieht, umso komplexer wird die Arbeit. Das ist der wahre zeitliche Luxus, den ich mir gönne. Ich unterwerfe mich nicht dem Zwang, fertig werden zu müssen. Dazu fehlt mir der innere Drang. Ich kann mir dafür Zeit lassen und die Zeit nehme ich mir. Ich kann auch sagen, dass ich von vorn beginne oder alles wegschmeiße.

Es kann eine Phase geben, ab der ich kein Grün mehr benutze. Davon muss und gehe ich aus, denn die Entscheidung darüber liegt nicht bei mir. Ich selbst habe nicht hinreichend überzeugende Argumente für das Grün sammeln können. Menschens Wille lässt sich nicht von tausend Wünschen und wunderschönen Gedanken beeinflussen. Also warte ich, wo ich an dieser Stelle nicht warten mag. Lohnt es sich? Grün ist eine Allerweltsfarbe. Sie ist dauerpräsent, denn die Natur ist Grün. Wenige Farbtupfer, die Blüten, signalisieren mehr. Sie locken, wie das Weib. Ohne den Beton um mich herum wäre alles überwiegend Grün. Bliebe das Grün morgen aus, müsste ich wieder zum Grau und den Erdfarben zurückkehren.

„Muss es nicht richtig Weisheit heißen?“

Sprache wird überbewertet. Irgendwie mag ich es, wenn man mich für einen Deppen hält, den es zu belehren gilt. Ich erinnere mich an frühe Diskussionen in meiner Schulzeit, wonach Weiß und Schwarz keine Farbe ist. Das Gerede, ich verstand es nicht. In meinem Tuschkasten gibt es Weiß und Schwarz, also ist es für mich Farbe. Physikalisch betrachtet ist mir mittlerweile klar, was Weiß und Schwarz spektral betrachtet eigentlich bedeutet. Für die Darstellung in einem Bild, und sei es nur die wildeste Orgie des Klecksens, hat es fast 50 Jahre gedauert, die Diskussionen aus meiner Schulzeit zu verstehen und auch wirklich zu verinnerlichen. Alter schützt vor neuen Erfahrungen nicht. Ich bin froh, dass ich es erfahren konnte und nicht ohne dieser Erkenntnis gar dumm sterben hätte müssen.

Mit Weißheit meine ich nicht die altdeutsche Schreibweise der Weisheit. Es geht mir um die Frage wieviel Weiß steckt im Weiß. Weißheitsgrad. Kann Weiß weißer sein? Die Werbung behauptete es. Was wird aus meinem Weiß, wenn ich das Grün aufgeben muß? Alles ist ein Wortspiel und nicht jeder versteht es. Ich musste bitter erfahren, dass meine Gedanke den Gedanken anderer manchmal weit voraus ist. Soweit voraus, dass wir uns nie wieder die Hände zum gegenseitigen Festhalten reichen konnten. Wie sieht Weiß ohne Grün aus? Eine Frage, die mich bewegt. Verordnet werden mir aus der Parallelwelt der gelebten Oberflächlichkeit Gedanken an die arme Sarah Everard und einem „auffälligen“ Polizisten. Ich habe 24 bis 36 Stunden Mitleid zu haben. Das reicht dann auch. Mein Vorschlag wäre radikal, fast in Gutmensch-Ideologie gedacht:

Ich bin für ein rigoroses nächtliches Ausgangsverbot für den Mann. Jeder Mann ist ein potentiell mordender Monsterbarbar!

Wäre ich ein Visionär, würde ich Blumen malen. Ich bin eher der bequeme Realist und fotografiere sie stattdessen. Mit Farben stelle ich das dar, was ich nicht fotografieren kann. Diese Weisheit habe ich hier bestimmt schon einmal abgesondert. Sie klingt mir jedenfalls sehr vertraut. Ich weiß, dass jeder alles weiß, natürlich besseres Wissen als ich und doch ist euer Wissen nicht Weiß. Heute ist eher der Fachidiot gefragt. Rosa Rauschen? Dem Gleichklang der Geschlechter wegen. Der Universalgelehrte, das Universalgenie, ist nicht gefragt. Ein Typ wie Goethe müsste heute allein von Hartz IV leben, weil die Halbwissenden ihn als akute Bedrohung betrachten. Dabei war dieser Mensch nur vielseitig interessiert und strebsam. Die meiste Zeit zumindest. Denke ich. Hoffe ich. Enttäusche mich bitte nicht alter toter Mann.

Weißheit erster Schluss ist nicht weiß. Es soll ein Meer aus Farben sein. Auf das Mischungsverhältnis kommt es an. Genau abgemessen, eine edle Mensur für Licht. Am Ende eine Goldene Kante, rissig aber voller Gold. Probleme lassen sich mit Gold lösen. Oder auch nicht, weil Gold bereits da ist. Probleme lösen verlangt Probleme anzusprechen. Wir sind so frei, dass wir uns nicht mehr trauen Probleme anzusprechen. Soviel Freiheit ist dann auch wieder nicht gewünscht. Dann lieber schweigen und bloß keinen Standpunkt einnehmen. Dabei lässt sich das problem relativ einfach auf einen Nenner bringen: Das Problem inklusive aller Nebenwirkungen an der Umwelt und dem Raubbau an der Natur ist allein der Mensch. Er fällt wie eine Heuschrecke über den Planeten her, will gar Nachbarplaneten in Besitz nehmen. Stoppt die Vermehrung des Menschen und unser Sonnensystem ist ein grosses Problem los.

Autor: Lichtbildprophet

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.

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