Wiener Zentralfriedhof

Wenn Berlin reich ist, dann an Friedhöfen. Es gibt viele kleine Friedhöfe in der Innenstadt, aber auch große Areale außerhalb des S-Bahnringes und am Stadtrand Berlins. Ich mag gar kein Ranking aufstellen wollen, doch fast jedes Jahr bin ich auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee (alte Heimat), ich mag den Südwestkirchhof in Stahnsdorf, sein Pendant, den Ostkirchhof in Ahrensfelde und den Friedhof St. Elisabeth I in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte Berliner Mauer. Aktuell bin ich mit der Perle dabei, den Zentralfriedhof Friedrichsfelde zu entdecken.

Von Anfang an war klar, dass die Reise nach Wien auch zu einem Abstecher auf den Wiener Zentralfriedhof führen würde. Noch heute bin ich von dem ersten Gedanken beim Betreten des Wiener Zentralfriedhofs überwältigt. Da ist seine Größe, dass sogar private Fahrzeuge gegen einen Obulus darauf fahren dürfen. Es gibt ein nettes Cafe auf dem Friedhof am Haupteingang (Tor 2) und zwei jüdische Abteilungen (alter jüdischer Friedhof Tor 1 und neuer jüdischer Friedhof Tor 4). Für einen Friedhof ist auf dem Wiener Zentralfriedhof ziemlich viel los, inklusive Besucherführungen zu den Gräbern bekannter Verstorbener wie Falco oder Udo Jürgens. Da ist aber auch die Größe des Friedhofs als ein unschätzbares Naturgebiet: Während die Perle und ich im alten jüdischen Friedhof unterwegs waren, wurden wir von Rehen begleitet. Das erinnert mich an den jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin, wo ich in einem Frühjahr eine Fuchsmutter mit ihren Fuchswelpen beobachten konnte.

Warum das Faible für jüdische Friedhöfe? Ich meine, es ist der Mix aus einer scheinbaren Verwahrlosung und dem Kampf der Natur gegen alles Menschgemachte. Ich begeistere mich zum Beispiel für Butterblumen, die sich in Betonwüsten den kleinsten Flecken Erde schnappen und zwischen zwei Gehwegsteinen aus dem Boden kämpfen. Es ist bewundernswert, wie ausdauernd Efeu ist. Kein Jammern und kein Klagen. Er nimmt sich Zeit und umarmt jeden protzigen Stein, der sich ihm in den Weg stellt.

Vieles ist mir in Wien zu sehr auf Tourismus ausgelegt. Irgendwo hat das ganze Historische und dessen Ausmaße seinen besonderen Charme. Es würde mich nicht wundern, wenn der Ur-Wiener den Touristen lieber von Hinten auf seiner Abreise sieht. Jedenfalls geht es mir so, wenn ich als Stadtrand-Berliner ins Zentrum der deutschen Hauptstadt muss und mir unsere Besucher ständig im Weg stehen.

In nächster Zeit werde ich im Lichtbildprophet Bilder vom Wiener Zentralfriedhof und seinen konfessionellen Abteilungen zeigen. Sie sind fast alle im Stil der Lomographie auf einen Rollei RPX25 mit der Pentax 17 geschossen.

Autor: Der Herr Makkerrony

Der "Herr Makkerrony", das ist Ronald Puhle aus Berlin und der Macher des weltbekannten und einzigartigen Magazins "Der Lichtbildprophet". Heute führt der ehemalige Laboringenieur das hektische Leben eines Rentners, das er persönlich sein "Phase3" nennt. Seit einem Vierteljahrhundert praktiziert der Herr Makkerrony die Fotografie und war ca. 15 Jahre als freier Autor für verschiedene Fotofachzeitschriften (z.B. fotoMagazin, Dipitalphoto, FotoPraxis und PhotoKlassik) tätig. Seine Arbeiten bestechen durch die bodenständige Aufnahmetechnik (LoFi - Fotografie), den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere und der Anwendung des Lith Print-Verfahren. Nebenbei lenkt sich Makkerrony mit freier, abstrakter Malerei ab, liest gerne und ist ein begeisterter Hörer analoger Musik von der Schallplatte. In seinem Atelier Flackerlight ist jedes Modell willkommen, das sich von ihm auf besondere Weise fotografieren lassen möchte.

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