Ich mag es kaum glauben: Mein „Menschen in der Großstadt„-Zyklus hat sich zum Langzeitprojekt gemausert. Blicke ich auf meine ersten Worte vom 4. Februar 2017 zurück und sehe mir die erste gepostete Aufnahme vom 24. Juni 2016 zu dem Schlagwort an, sind heutige Fotografien zum selben Thema völlig anders ausgeführt. Mittlerweile sind die Aufnahmen auch nicht nur auf Berlin beschränkt. Der Zyklus und seine Umsetzung hat sich weiterentwickelt.
Die Kamera
War es irgendwann die Original-Lomo LCA, später auch die neuere Lomo LC-Wide, nutze ich heute viel lieber die Pentax 17. Sie nimmt hochkant im Halbformat auf, weshalb ich auf einen 35 mm-Film über 72 Aufnahmen bekomme. Die Pentax 17 bietet mehr Belichtungseinstellungen als die alte und neue Lomo. Und ich kann die Pentax 17 am Gurt hängend in der Bauchnabelperspektive einsetzen.
Die Filme
Meine heute, aus der Hüfte geschossenen Aufnahmen, entstehen überwiegend aus der Bewegung heraus. Um über die Bewegungsunschärfe insbesondere Gesichter und Personen allgemein unkenntlich zu machen, nehme ich langsame Filme wie Rollei RPX 25 oder Rollei Retro 80s. Entwickelt wird in Rodinal 1 + 25.
Die Abzüge
Das Standardpapier ist abgelaufenes ORWO-Fotopapier 13 x 18 cm und entwickelt wird im Lith Print.
In Kombination von Halbformat, Filmgeschwindigkeit, Bewegung und Entwicklung der Abzüge entstehen Bilder, die das fluchtartige Zusammenleben, die permanente Bewegung und Oberflächlichkeit des Großstadtlebens widerspiegelt. Hier fand aus meiner Sicht die größte Veränderung zwischen mir und „meinem“ Berlin statt. Aus Liebe wurde Hassliebe: Berlin stinkt, die Menschen werden immer aggressiver, lauter und egoistischer. Berlin hat vieles, nur nicht richtiges. Berlin vergrault seine Einwohner und setzt auf Gäste, die ausbleiben. Berlin hat seinen elitären Kern innerhalb des S-Bahnrings, außerhalb des Rings leben die, die wirklich arbeiten müssen. Berlin ist einfach Scheiße und ich hasse Berlin. Und: Immermehr ist der Mensch mit seinem Smartphone statt mit anderen Menschen unterwegs. Das ist noch so eine traurige Erkenntnis aus zehn Jahren „Menschen in der Großstadt“, ein Langzeit-Fotoprojekt.