Am Beginn meiner Liebhaberei zur Fotografie waren die späte Leni Riefenstahl und Helmut Newton für mich die großen Meister. Es waren nicht nur die jeweiligen Menschenfotografien, auch der Umgang der beiden miteinander war bemerkenswert. Leni Riefenstahl, wegen ihrer Propagandafilme zur NS-Zeit noch heute in Deutschland eine totgeschwiegene Person und Helmut Neustädter, ein Jude aus Berlin, der über Singapur kommend die Kriegsjahre in Australien verbracht hat. Beide Biografien habe ich gelesen und bewundert, mit wieviel Respekt sie trotz der Geschehnisse miteinander umgegangen sind. Fotografie verbindet, doch was hat der Mensch mit seinem Ego daraus gemacht?
Obwohl beide ihren kreativen Nachlass nach Berlin gegeben hatten, ich mehrmals das Museum für Fotografie (leider keine Riefenstahl-Ausstellung) besucht habe, änderte sich meine Sicht- und Herangehensweise an ein Bild: Nach einer privaten Katastrophe sollte nicht mehr das bügelglatte Foto mein Ziel sein. Solche Aufnahmen haben für mich keine Geheimnisse und nehmen dem Betrachter, wenn es denn ein Betrachter und kein purer Konsument ist, das Denken ab. Nur eine Möglichkeit besteht, den Betrachter zum Denken herauszufordern: Unschärfe, das Motiv braucht eine dekorative Unschärfe wie Zuckerwatte. Trotz des Perspektivwechsel bleibt der Götterstatus für Newton und Riefenstahl.
Statt teurer Markenobjektive, die den Preis der Digitalkamera in nichts nachstehen und sogar übertrumpfen, probiere ich Spielzeuglinsen a la Holga HL & Co. aus. Egal was ich unternehme, die Digitalkamera und ihre interne Bildverarbeitung setzt alles daran, scharfe Aufnahmen ohne irgendein bildhaftes Widerwort zu fabrizieren. Ohnehin waren die Experimente um eine digitale Unschärfe das Paradebeispiel der Schizophrenie: Die Kamera lebt ihren Perfektionsdrang aus und ich spiele in Adobe Camera Raw mit Reglern, um Störungen und Bildeffekte aller Art irgendwie in die Aufnahmen zu zaubern.
Mein Höhepunkt des Zwiespalts waren digitale Aufnahmen aus 2011, aufgenommen in Boltenhagen. Mir fiel nichts mehr ein, was ich noch ändern könnte, um aus dem eye catcher-Käfig auszubrechen. Der einzige Rettungsanker, den ich noch sah, war die Analogfotografie. Doch selbst hier brauchte es Zeit und weitere Erkenntnisse, um in den Bereich meiner Erwartung vorzudringen. Irgendwann stellte ein Kommentar zu einer meiner Arbeiten die Brücke zu Miroslav Tichy her. Fortan waren die beiden fotografischen Götter Riefenstahl und Newton zu dritt. 2013 und danach erwarb ich drei Bücher über Miroslav Tichy und bin noch heute wie damals von seinen Arbeiten schwer begeistert. Diese, eine, Heldenverehrung kann nicht unterschiedlicher sein.
Was macht für mich die Faszination Miroslav Tichy aus? Ist es der diskrete Voyeurismus, der heute so wohl gar nicht mehr denkbar wäre? Ist es die Hemdsärmeligkeit, wie Tichy seine Bilder teilweise mit Rahmen verziert hat, als seien die abgebildeten Stadtschönheiten eine Ikone des Unerreichbaren? Ich weiß um die Tatsache, dass Tichy seine Kameras selbstgebaut hat. Ich sehe den Fotografien an, dass er auch beim Abziehen seiner Negative an die Grenzen des für ihn Machbaren gegangen ist. Das fordert tiefen Respekt ab. Keine Perfektion bis ins kleinste Detail, dafür Unschärfe und Effekte, die den Technikfanatiker in den Herzkasper treiben. Es ist die Imperfektion, die diese Bilder spannend machen und den Betrachter zwingen, sich einen Teil der Erzählung selbst dazu zu denken.
Miroslav Tichy
Die Stadt der Frauen
Herausgeber: Thomas Schirmböck und Alfried Wieczorek
248 Seiten
Kehrer
2013
978-3-86828-360-0