Live in Arles 1975 – Can

Wird heute Musikmaterial, das sich in einem Archiv langweilt, in Vinyl gepresst und audiophile Scheiße zu Geld gemacht? Nach der Pleite mit der Led Zeppelin 4 LP-Box „Live ’69 & ’73“ liegt die nächste Katastrophe auf dem Plattenteller. War die Led Zeppelin Live-Katastrophe ein legendäres Konzert, ist die Wortwahl diesmal „einzigartig“ und eine „gefeierte“ Live-Serie. Holla, die Waldfee, sie ruft: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Zugegeben, Can ist nicht vergleichbar mit feministischen Jammerarien von Ed Swift, keine emotionale Powerband wie Chapter 7 nebst Gesichtsbemalung, es geht mehr um improvisierte und vor allem handgemachte Rockmusik von vor 50 Jahre (das ist ein halbes Jahrhundert), in der noch fast alles erlaubt ist. Das ist jedoch kein Freibrief, den verzinkten Blecheimer herauszuholen, ein Mikrofon reinzuhängen und das Tonband mitlaufen zu lassen. Die Rille liefert ein dumpfes, von fast allen Höhen befreites Gedröhne, so als sei der teure Plattenspieler ein damals noch üblicher Mittelwellen-Empfänger.

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Welch Emotion! Welch Emotion? – Georges Didi-Huberman

Das Schaffen von Bildern ist weniger ein technischer Vorgang (Malen, Fotografieren oder KI beschwören), vielmehr spielt der menschliche Geist des Erschaffenden und des Betrachters den Mittelpunkt des Bildwerdens. Reines Maschinengeknipse ist hochgradig langweilig und hat keine kommunikative Funktion. Erst mit einer, in dem Bild hinterlegten Absicht, entsteht die Verbindung zwischen zwei und mehr Menschen.

Didi-Huberman beleuchtet in seinem Vortrag, der als Buch erschienen ist, das weite Feld der Emotionen am Beispiel der Tränen. Er spannt dabei den weiten Bogen vom naiven Kindesgeschrei, über die Haltung großer Philosophen zu Emotionen bis hin zur eigenen Trauerarbeit und der damit verbundenen Erwartungshaltung anderer Trauernden im unmittelbaren Betroffenenkreis: Eigene Empfindungen ordnen sich anderen unter, es kommt zu einer Transformation der Emotionen.

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Live ’69 & ’73 – Led Zeppelin

Was ist das? Glaubt derjenige, der diese Pressung nebst Zugaben initiiert und zu verantworten hat, aus Scheiße Gold machen zu können, nur weil er vier Scheiben Vinyl in gemischt blau-weißen Kunststoff presst und Led Zeppelin drauf schreibt? Ich liebe Live-Mitschnitte, doch „Live ’69 & ’73“ lässt nichts unversucht, dass diese Liebe schockwelkt und für immer selbstzerstört. Ich soll vor der schallenden Ohrfeige meiner Kritik erst loben? Was denn bitte? Ich versuche es: Ein Viertel der Box ist vom Klangbild erträglich (positiv), der Rest ist reine Materialverschwendung (negativ).

Mein Kaufargument war der Titel „Babe I’m gonna leave you“, der aus Gründen viel zu selten zu hören ist und, nach meinem Dafürhalten, zu den besten Liedern Led Zeppelins gehört. Diese Freude wird mit der zweiten Scheibe der 4 LP-Box auf niederträchtige Weise erdrosselt. Die Tonqualität erinnert mich an Selbstversuche, mit Hilfe eines Mikrofons vor dem Lautsprecher des Schwarzweißfernsehers Musiksendungen aus dem Westen auf Kassette aufzuzeichnen. Was war das für ein Fiasko. Was ist „Live ’69 & ’73“ bloß für eine apokalyptische Katastrophe.

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Schweine müssen nackt sein – Napoleon Seyfarth

Ich bin ein Friedhofsgänger. Berlin hat viele historische Friedhöfe, weshalb ich gerne meine Kamera mitnehme. Heute ist ein Friedhof wohl der letzte Ort, wo Ruhe das oberste Gebot ist. Über den Alter St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin bin ich auf Napoleon Seyfarth gestoßen. Oder auch umgekehrt: Über Napoleon Seyfarth bin ich zum Alter St.-Matthäus-Kirchhof gekommen. Letztendlich habe ich sein Buch „Schweine müssen nackt sein – Ein Leben mit dem Tod“ gekauft und natürlich auch gelesen. Es ist ein Buch, was mich irritiert, aber auch nachdenklich macht. Was bewegt Menschen dazu, gegenüber sich selbst derart den Respekt zu verlieren? Höre ich mir heute „angesagte“ Musik an, prasselt ein Gewitter ich-bezogener Entgleisungen auf mich ein. Warum definiert ihr euch und andere auf solch eine vulgäre Art und Weise?

Es gibt keinen Schalter, der sich am Tag X umlegt und der Mensch weiß, dass er heterosexuell, gleichgeschlechtlich interessiert oder irgendetwas anderes ist. Das ist gut so. In meinen paar Lebensjahrzehnten habe ich als Fotograf Identitätswechsel und wieder zurück erlebt, meist aus Verzweiflung am anderen Geschlecht. Wie das Leben es so will, das eigene biologische Geschlecht ist nicht viel besser als das andere biologische Geschlecht. Die Probleme im Kontakt der Menschen untereinander sind unabhängig von jeder Identität. Interessant kann deshalb nur der Weg und dessen Wirren zum eigenen Selbst sein. Ist der Knoten geplatzt und die Welt scheinbar in Ordnung, muss nur noch das geeignete Plätzchen her, wo Mensch Mensch sein darf. Ist es wirklich so?

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Mein Holocaust – Tova Reich

Ich beginne mit einem Zitat. Unter der Überschrift „Ganz schlimm“ steht geschrieben: „Darf man eine Satire über den Holocaust schreiben? Die Antwort lautet ‚Nein‘. Tova Reich versucht es trotzdem und scheitert.“ Ich erlaube mir ein paar formale Undinge an dem Zitat zu ändern. Der Deutsche tut sich, erwartungsgemäß, schwer mit seiner Vergangenheit. Die einen sehen darin einen Fliegenschiss, andere wiederum ein ewiges Makel, welches in der Zeitachse lieber in ein Nazideutschland verschoben wird. Angesichts der Übermacht einer politischen Korrektheit darf ich fragen, worüber noch gelacht werden darf? Deutsche Comedian sind mittlerweile nur noch lächerlich, das politische Kabarett im linken Morast versunken und menschliche Fehlbarkeiten völlig gleichgestellt. Es ist kein Wunder, auf der Straße nur noch wandelnde Miesmuscheln auf zwei Beinen zu begegnen.

Eine Jüdin beschließt, Christin zu werden und in ein Kloster zu gehen. Dieses Kloster steht unweit des Vernichtungslagers Auschwitz, einem wichtigen Standbein der jüdischen Erinnerungsindustrie in den USA. Zu allem Überfluss ist die Novizin die Enkelin des Direktors des prestigeträchtigen US-amerikanischen Holocaust Memorial Center. Es ist die klassische Story um das Schwarze Schaf einer Familie, die über Generationen alles daran setzt, das Gedenken an die Opfer der industriellen Vernichtung von Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit am Laufen zu halten. Dieser Kreis der Opfer erweitert sich im Laufe des Buches und nimmt kuriose Züge an, wenn Empfindungen und Wachstumsdenken statt Verstand und Vernunft überhand nehmen. Ich greife noch einmal auf ein Zitat zurück: „Das alles ist verquaster Nonsens und außerdem geschmacklos.“

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