Rillenunrat

Mit über 1200 Alben auf Vinyl erlaube ich mir einzugestehen, einen gewissen Erfahrungsschatz in der Anwendung und im Umgang mit Schallplatten zu haben. Grundsätzlich gilt für meine Vinylothek: Kommen neue Scheiben ins Haus, egal ob gebraucht oder frisch aus der Presse, werden vor dem ersten Abspielen mit einem Pinsel Staub und andere grobe Verunreinigungen abgebürstet. Danach wird die abzuspielende Seite feucht gereinigt. Dazu verwende ich Feuerwasser: Zwei Drittel gereinigtes Wasser (destilliert oder deionisiert) und ein Drittel Alkohol (Brennspiritus). Zusätzlich kommen auf den Liter Feuerwasser ein paar Spritzer Fensterreiniger hinzu. Meine Erfahrung zeigt, dass sich so statischen Aufladungen beim Entnehmen der schwarzen Scheiben vermindern lassen.

Warum der Aufwand? Bei gebrauchten Scheiben leuchtet es ein, dass sie dreckig und mistig sein können und in der Regel auch sind. Zwar wird hier und da damit geworben, dass die verkauften Schallplatten inspiziert und gereinigt sind, die Praxis zeigt das genaue Gegenteil. Manchmal ist es bei sanftem Druck und Wischen spürbar, dass der Mikrofaserlappen am versteinerten Dreck hängen bleibt. Gelegentlich stehen neue Scheiben dem in nichts nach. Trotz Reinigungsprozedur nimmt die Abspielqualität mit jeder Minute Laufzeit ab, weil die Abtastnadel (Audio-Technica VMN95ML Microlinear (rot)) immer mehr mit Rillenunrat verdreckt.

Was meine ich mit Rillenunrat? Da ist der Popel, ein kleiner lästiger Hügel, der die Nadel springen lässt. In der Regel lässt er sich gut mit Feuerwasser entfernen. Dann sind da Fussel, die sich um die Nadel legen. Über kurz oder lang wird die Musik nicht mehr hörbar und Schnarren gewinnt die Überhand. Also die Nadel von den Fusseln befreit und das Lied noch einmal vom Anfang gehört. Dann ist da der Feinstaub, der sich zu einem kleinen weißen Krümel sammelt und auf der spiegelnden Oberfläche der schwarzen Scheibe gut zu erkennen ist. Zu guter Letzt ist dann da noch ein unsichtbarer Feind, der wie ein Film über dem Vinyl liegt. Mein erster Gedanke war und ist ein Trennmittel, das in der Produktion beim Pressen eingesetzt wird. Hier ist sich das wissende und unwissende Internetvolk uneins. Jeder Glaube, von kein Trennmittel bis Trennmittelbeimengung im Granulat, ist vertreten. Aus technischer Sicht macht ein Trennmittel, egal wie zugeführt, absolut Sinn, hat es doch Einfluss auch auf die Oberflächenqualität der Rillen und Pressform.

Es gibt solche und solche neuen Schaltplatten: Die Mehrzahl wird zum ersten Mal aufgelegt, wie oben beschrieben gereinigt und gut ist. Es gibt aber auch die Problemkinder, die nach Aufmerksamkeit schreienden Scheiben schwarzen Goldes, wo gefühlt nach jedem Titel eine Zwischenreinigung her muss. Zwei Alben mit aufwändiger Grundreinigung fallen mir ein: Ólafur Arnalds – same kind of peace – Deluxe Edition und David Gilmour – Live at Pompeii. Irgendwie gehört ein nettes Knistern und gelegentliches Knacken zur Scheibe Vinyl dazu, aber bitte nicht so, als sei die Schallplatte vom LKW in der Dreck gefallen.

Autor: Der Herr Makkerrony

Der "Herr Makkerrony", das ist Ronald Puhle aus Berlin und der Macher des weltbekannten und einzigartigen Magazins "Der Lichtbildprophet". Heute führt der ehemalige Laboringenieur das hektische Leben eines Rentners, das er persönlich sein "Phase3" nennt. Seit einem Vierteljahrhundert praktiziert der Herr Makkerrony die Fotografie und war ca. 15 Jahre als freier Autor für verschiedene Fotofachzeitschriften (z.B. fotoMagazin, Dipitalphoto, FotoPraxis und PhotoKlassik) tätig. Seine Arbeiten bestechen durch die bodenständige Aufnahmetechnik (LoFi - Fotografie), den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere und der Anwendung des Lith Print-Verfahren. Nebenbei lenkt sich Makkerrony mit freier, abstrakter Malerei ab, liest gerne und ist ein begeisterter Hörer analoger Musik von der Schallplatte. In seinem Atelier Flackerlight ist jedes Modell willkommen, das sich von ihm auf besondere Weise fotografieren lassen möchte.

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