Insofern sich der Leser für Malerei und den Expressionismus interessiert, dürfte der Name Ernst Ludwig Kirchner ein Begriff sein. Aus seinen Händen stammen auch Grafiken, Skulpturen und Fotografien. Letztere sind Gegenstand des Bildbandes, den ich hier kurz vorstellen möchte.
Ein Maler der fotografiert: Was für eine Steilvorlage für all jene, die ekstatisch über Kunst, Malerei und Fotografie diskutieren wollen und müssen. Ich bin der Diskussion Leid. Wie die Malerei bietet auch die Fotografie, ja selbst die Analogfotografie, zig Möglichkeiten, das fotografierte Gesehene zu manipulieren. Es beginnt bei den Kameraeinstellungen und endet im Fixierbad in irgendeiner Dunkelkammer. Wenn mich irgendetwas an diesem Gezänk interessiert, dann nur die Frage, ob die Exkursion des Malers ins andere Fach Fotografie nur eine kurze Episode oder von Dauer war. Alles andere ist für mich Makulatur.
Im Begleittext von Thomas Sadowsky wird der Großteil der Kirchnerschen Fotografien zum Zweck der Archivierung zugeordnet. Ein Teil dieser Aufnahmen sind auch in dem vorgestellten Bildband zu sehen. Ansonsten werden neben Portraits, Landschaft- und familiär anmutenden Gruppenaufnahmen Szenen aus einem wilden Künstlerleben gezeigt. Mein persönlicher Wunsch ist, mehr davon und genau in diesem Stil sehen zu wollen. Karmapunkt für Kirchner: Bei ihm spielt in den Fotografien Unschärfe als Mittel der Bildgestaltung eine gewisse Rolle. Hin und wieder bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht eher ungewollt ihren Weg ins Bild fand, statt wirklich gezielt eingesetzt worden zu sein. Sei es drum, denn ich muss bedenken, dass die Aufnahmen fast 100 Jahre alt sind und die Kameratechnik damals noch ziemlich schwerfällig daher kam.
Ernst Ludwig Kirchner
Der Künstler als Fotograf
216 Seiten
Kehrer
2016
978-3-86828-702-8