Der Künstler als Fotograf – Ernst Ludwig Kirchner

Insofern sich der Leser für Malerei und den Expressionismus interessiert, dürfte der Name Ernst Ludwig Kirchner ein Begriff sein. Aus seinen Händen stammen auch Grafiken, Skulpturen und Fotografien. Letztere sind Gegenstand des Bildbandes, den ich hier kurz vorstellen möchte.

Ein Maler der fotografiert: Was für eine Steilvorlage für all jene, die ekstatisch über Kunst, Malerei und Fotografie diskutieren wollen und müssen. Ich bin der Diskussion Leid. Wie die Malerei bietet auch die Fotografie, ja selbst die Analogfotografie, zig Möglichkeiten, das fotografierte Gesehene zu manipulieren. Es beginnt bei den Kameraeinstellungen und endet im Fixierbad in irgendeiner Dunkelkammer. Wenn mich irgendetwas an diesem Gezänk interessiert, dann nur die Frage, ob die Exkursion des Malers ins andere Fach Fotografie nur eine kurze Episode oder von Dauer war. Alles andere ist für mich Makulatur.

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Starke Frauen im Osten – Günter Rössler

Als Ex-Bewohner eines Landes, das es nicht mehr gibt, ist es für mich die ehrenvolle Quasi-Pflicht, einen berühmten Fotografen aus der untergegangenen Heimat DDR in der Leseecke vorzustellen. Jetzt müßte ich nur noch berühmte DDR-Fotografen kennen. Ich übertreibe nicht: Günter Rössler war für mich kein Begriff. Erst nach der Wende stieß ich auf seinen Namen und ich schaute mal, was er so alles in Schwarzweißbildern festgehalten hat. Den hier besprochenen Bildband bekomme ich als ein Geschenk, was ich aus der beiliegenden Karte „Frohe Weihnachten“ schließe.

Der Bildband mit dem Untertitel „Fotografien 1964 bis 2009“ wendet sich elf Modellen des Fotografen zu, wobei jedem Modell in einem kurzen Abriss ein paar Zeilen gewidmet ist. Irgendwie wollen für mich Texte, Bilder und ich als Betrachter keine Symbiose eingehen. Ist es die Sprache, die zu sehr an DDR erinnert? Ist es das Hochleben der emanzipierten Ex-DDR – Ostfrau bis 2009? Oder ist es eher der Mikrokosmos einer Modewelt, dem ich keine Beachtung schenkte, weil er sein Eigenleben genüßlich lebte? Ich fühle an einen Besuch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erinnert. Während der Führung, ohne Führung geht dort nichts, erklärte der Guide, dass er wegen Cola und Jeans unbedingt in den Westen wollte. Ich war sprachlos und bin es an der Stelle immer noch. Für mich handelt es sich hier um das Problem einer, konkret meiner, Störung in meiner Prioritätenliste.

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Photographien – Annelise Kretschmer

Aus welcher Perspektive sollte ich mich einem künstlerischem Gesamtwerk nähern? Beame ich mich gedanklich in die Zeit des Künstlers zurück oder maße ich mir an, das Schaffen aus meiner Jetztzeit zu beleuchten? Beide Perspektiven haben für mich ihr Für und Wider, wenn ich eine gewisse historische Distanz wahre. Im Moment ist der Zeitgeist sehr bemüht, kreative Frauen aus der Vergessenheit zu holen, um ihr künstlerisches Schaffen auf einen feministischen Sockel im Hier zu stellen. Zwei Dinge stören mich daran: Die Wiederentdeckte kann sich gegen die Überhöhung – wenn sie denn wollte – nicht wehren und es fehlt an der realwissenschaftlichen Distanz. Fotografie ist Kunst und Kunst ist ein persönliches Bekenntnis. Ich mag überzogenes Vereinnahmen aus heutiger Zeit nicht.

Annelise Kretschmer fotografiert die Köpfe der Menschen und hat dabei den Hang zum besonderen Blick des Fotografierten. Beim ersten Durchblättern ist hier und da die eingefangene Mimik sehr eindringlich, wirkt für mich beinahe schon fetischhaft (siehe Seite 79, 81, 89 und 91). Es bedarf weiterer Anläufe des Betrachtens, um mir diese gewisse Beklemmung zu nehmen. Auf der anderen Seite sind es die Portraits auf den Seiten 105 und 109, die für mich eine Distanz schaffen, als sei ich als Betrachter gerade unerwünscht. Mir fällt auf, dass Annelise Kretschmer mit den Jahren auf Distanz zu den Portraitierten geht. Bilden anfänglich Kopf und Hals die Basis des Portraits, kommen im weiteren zeitlichen Verlauf immer mehr Schultern und Oberkörper zum Vorschein. Gibt sie der Komposition einfach nur Raum oder geht sie innerlich auf Distanz zum Menschen?

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