So sehr ich mich freue, dass heute wieder mehr Schallplatten gehört, verkauft und vor allem auch neu gepresst werden, umso ärgerlicher ist mein Frust um den Hype Vinyl und wie versucht wird, daraus extra Kapital zu schlagen. Ich weiß: Ich lebe im Kapitalismus, die Nachfrage bestimmt den Preis und wenn mir etwas zu teuer ist, dann muss ich die Ware nicht kaufen. Dem muß ich teilweise widersprechen: Stimmt das Produkt und dessen Qualität, dann zahle ich gerne mehr dafür. Das gilt für Lebensmittel und endet für mich bei Schallplatten. Wird mir jedoch vorgeflunkert, ich bekomme etwas Besonderes und dieses Besondere entpuppt sich als Windei, dann eskaliere ich innerlich: Nur weil die Neupressung vergriffen ist, müssen die Preise für die gebrauchten Jahrzehnte alte Urpressungen nicht durch die Decke gehen. Es beschleicht mich das Gefühl, dass Vinyl, egal ob neu oder gebraucht, zum Spekulationsobjekt verkommen ist und egal wie schlecht die gebrauchte Ware auch ist, mit einer Null mehr am rechten Ende der ganzen Zahl, lässt sich gut Kohle machen. Es spielt keine Rolle, ob ich mir den Versandhandel ansehe oder ich mich auf einem Flohmarkt auf die Suche nach dem Schwarzen Gold mache.
Wie mit der vor allem gebrauchten Ware umgegangen wird, da gibt es wohl kaum einen Unterschied zwischen Trödelmarkt und Händler. Die beste Qualitätskontrolle ist das Hören der Scheibe Vinyl, und zwar von Anfang bis Ende. Der Trödelmarkthändler beschwört, dies immer zu tun. Das ist teuer und erklärt seine unanständige Preisvorstellung. Schallplatten in die pralle Sonne stellen, ist das Gegenargument, beim fliegenden Händler nichts zu kaufen. Der Onlinehändler prahlt mit Technik, extra Waschgängen und Besichtigungen mit der extragroßen Lupe. So verhält es sich in den letzten Monaten bei meinem Gebrauchthändler des Vertrauens Recordsale derweil nicht: Egal welche Rillen, von billig bis teuer, sie werden mir mit ordentlich Knistern und Knacken, Sprüngen bis hin zu Intimhaaren an mich ausgeliefert. Das kann mal passieren, womit ich eine von zehn Lieferungen meine. Häufen sich solche Fehlkäufe beschleicht mich das Gefühl, dass mir als Kunde die Qualitätskontrolle auferlegt ist und ich das zweifelhafte Vergnügen habe, mich mit der Kundenabwehr rumärgern zu dürfen. Das Schlimme kommt aber noch: Selbst neue Scheiben haben neuerdings deutlich sichtbare mechanische Macken und werden absolut unspielbar ausgeliefert. So erging es mir zweimal mit Schallplatten, die ich bei Amazon erworben habe. Schluß mit Entschuldigung und Verständnis, mir reißt der Geduldsfaden: Ware wird lediglich zum Kunden gewälzt und die Endkontrolle bleibt bei mir, dem König Kunde, hängen.
Ich habe schon überlegt, mich in meiner Phase3 in Teilzeit als Platteninspektor und Kundengutzuredner zu bewerben. In der Nähe des Betonpalastes sitzt HHV, die neue und gebrauchte Rillen verkaufen. Etwas weiter weg, in Pankow, hat der bisherige Vertrauensdealer Recordsale sein Zuhause. Bei Recordsale gibt es mittlerweile keine Lieferung mehr, wo es nichts zu beanstanden gibt. Hier habe ich lebe das Gefühl, als Kunde der Qualitätskontrolleur zu sein und das bei aufgerufenen Preisen, die bei ausgewählten Scheiben dreistellig sein sollen. Wenn es bei diesen Luxusgebrauchten nicht für eine kompetente Inspektion reicht, frage ich mich, wie die Arbeitsbedingungen bei Recordsale sind? Oder erstellen im Rahmen einer Inklusionsinitiative Seh- und Hörbeeinträchtigte das Grading? Das würde meinen letzten Fehlgriff erklären: Knistern und Sprünge, zwei schwarze Scheiben für schlappe 130 Euro. Wenn ich Recordsale nicht vertrauen kann, wo soll ich dann mega nachhaltig sein und gebrauchte Ware mit möglichst keinen Ausschuss kaufen können? Gerne wird vergessen, dass der Transport der Ware zu mir und die mögliche Retour materielle Ressourcen und Energie verbraucht.
Genug verbal auf Recordale eingedroschen. Ich finde es toll, dass es einen Record Sale Day gibt. Dagegen stinkt mich der Kult darum gewaltig. Sei es drum, dass am Verkaufstag selbst nur in lokalen Läden die besonderen Scheiben zu kaufen gibt. Berlin ist groß, die Zahl der daran beteiligten Läden überschaubar. In diesem Jahr bin ich zu Dussmann in der Friedrichstrasse gestiefelt und habe das bekommen, was ich bekommen wollte. Mit einem ordentlichen Preisaufschlag und viel körperlicher Nähe mit anderen Schallplattenfanatiker, versteht sich. Widerspricht das nicht dem ursprünglichen Gedanken des Record Sale Day? Damit ich den lokalen Handel unterstütze, sollte ich genau an diesem Tag einen Vorteil haben. Das betrifft den Inhalt als auch den Preis. Vorab gibt es keine Informationen, wie sich der Preis gestaltet. Alles ist geheim. Ich bin nicht für Festpreise bei Schallplatten, doch die ganze Kiste gleicht einem Börsenspiel. Die Kurse fallen, steigen und mir erschließt es sich nicht warum. Hinzukommt, dass sich mir die eine oder andere Veröffentlichung zum Record Sale Day nicht erschließt. Geht es darum, irgendetwas ins PVC zu pressen, den Record Sale Day Sticker darauf zu kleben und es werden sich schon genügend Deppen auf die Ware stürzen. Quantität statt Qualität? Liebe, Qualität und Fairness sind mir lieber.
Ich bin frustriert!