Mein Corona-Tagebuch

Ich versuche mich soweit es geht der Hysterie um die Corona-Krise zu entziehen. Geht natürlich nicht. Denn im Verfolgten- und Verfolgerfeld meiner noch erlaubten virtuellen sozialen Kontakte zieht der Wahnsinn seine Kreise: Homeoffice, Selbstquarantäne, vorbeugende Quarantäne und fehlendes Klopapier. Ganz vorbildliche Influencer führen sogar Tagebuch und ich muss mir quasi per Liveschalte anhören, wie blöd der Mensch sein kann, um in den Zeiten der großen Not witzig herüberzukommen.

Ich kann mich dem Gewissensterror um das #Zuhausebleiben nicht entziehen. Fast jeder Fernsehsender pappt solch einen Spruch auf den Bildschirm und meint nun, etwas Gutes zu tun. Selbst mein Bespaßungssender Nummer Eins 1-2-3 TV verkloppt alles was im Lager rumliegt mit dem Hinweis, dass der Schranz wohl wegen dem da draussen nicht mehr auf Sendung kommen wird.

Auch wenn ich mich wiederhole: Die Mutti hat Deutschland in Tiefschlaf versetzt, damit unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird und wir, die solidarische Gemeinschaft, die Alten und Vorgeschädigte schützen. Nur noch Systemrelevantes darf weitermachen. Also so wichtige Sachen wie Germany Next Top Model, Lets Dance, Deutschland sucht den Superstar, Big Brother und/oder Masked Singers. Das verstehe ich. Allmählich kocht jedoch in den Medien des Gleichklangs ein Gedanke hoch, ob dieser – wie der gebildete Bildungsbürger sagen würde – Shutdown in der Wirkung nicht verheerender ist als die Quarantäne der Corona-Zielgruppen. Bitterböse formuliere ich um: Also lieber Alte und Vorerkrankte isolieren als eine Wirtschaft bewusst gegen den Baum fahren lassen, damit alles bis auf das total wichtige Systemrelevante stehen und zu Hause bleibt.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich würde mich damit wohl quasi selbst in die Isolation schicken. Das Ende meiner Krebserkrankung ist erst drei Jahre her, als ‚geheilt‘ und Langzeitüberlebender gelte ich frühestens nach fünf Jahren. Ohne den Freiheitsgrad Spaziergehen zu dürfen und wie durch Zufall vor dem Atelier zu stehen, ich würde eingehen. Vor Verkündung der Ausgangsbeschränkung habe ich meine beiden Holzkameras geschnappt und wollte sie im häuslichen Arrest zu einer schmucken Kamera vereinen. Doch damit war ich schon nach drei Stunden fertig. Gesetzt den Fall, man ändert die Strategie und isoliert besonders Corona-Gefährdete, wie viele ach so Kranke wären auf einem Schlag geheilt und mopsfidel. Es ist noch nicht einmal eine Woche Tiefschlaf rum und die Stimmen nach dem Ende werden immer lauter. Müde Stimmen mehren sich, dass der Osterhase die Ostereier nicht auf der öffentlich grünen Wiese verstecken wird.

Das Neuartige an dem Corona-Virus ist doch, dass man mit ihm einfach nicht diskutieren und ihn ins Koma quatschen kann. Man könnte meinen die aktuellen Auswüchse sind Hysterie. Aber nein, ich sage unser Tun ist pure Blödheit: Es wird kein frisches unverpacktes Gemüse und Obst gekauft, da – Volkes Stimme – Corona-Infizierte es in der Hand gehalten haben könnte und nun sehr gründlich gereinigt werden müsste. Im selben Atemzug wird sich dann auch noch beschwert, dass die anderen alles anfassen, die Ware einfach wieder zurücklegen ohne das Angefasste zu kaufen. Das böse Plastik um Lebensmittel, der Strick der Natur und Weichmacher in der Blutbahn. Das Thema ist out!

Klopapier, Mehl, Knäckebrot, Lebensmittel in Dosen, Nudel – der Gemeine Gutmensch hamstert. Ausser beim Intellekt, der Vernunft und dem Verstand. Diese Regale sind prall gefüllt und absolut unberührt. Am Ende der Corona-Pandemie sieht sich der Gutmensch als den Sieger über die Natur und ruft das Zeitalter des Bessermenschen aus. Der Staat verschärft die totale Überwachung, Lebensmittel werden in noch mehr Plastik gestopft und die Schwächsten der Gesellschaft haben die Kosten der Corona-Krise bis auf den letzten Euro-Cent abzuarbeiten.

Zu Zeiten der DDR sollte ich mir eine Atemschutzmaske gegen den Atomkrieg, Chemie- und biologische Waffen bauen. ‚Zivilverteidigung‘ wurde das genannt, weil ja der böse Westen die friedliebende DDR angreifen wollte. Ein anderer Tenor und ich soll wieder was basteln, dass mich schützen soll, obwohl im selben Atemzug gesagt wird, dass es mich nicht schützen kann. Aber ich bin beschäftigt, habe keine Langeweile und neige deshalb nicht zum befürchteten Marzahn-Szenario. Ich danke denen, die sich diese Sorgen um mich machen. Mein Leben gestaltet sich viel schlimmer als schlimm und von euch vorher gedacht: Vor ein paar Tagen habe ich Pudding aus der Tüte gekocht. Das letzte Mal, dass ich dies tat, da waren die eigenen Fressfeinde noch klein und süss. Gestern habe ich Grüne Götterspeise zubereitet. Heute koche ich auf Vorrat eine Kürbissuppe. Das ist eine Zumutung ist das! Ich fühle mich im Macho-Gehabe eines Mannes eingeschränkt! Aber so etwas von.

Ist Grüne Götterspeise überhaupt politisch korrekt?

Wenn ich mich wirklich über etwas aufregt, dann ist es die anstehende Sommerzeit. Ich dachte ja, dass die wegen Corona verschoben wird. Ins nächste Jahr oder in die Winterzeit hinein. Wo sie noch weniger Sinn macht aber einfach durchgezogen wird. Doch bei ihr liegen wohl die geldwerten Anreize des Kapitals den Damen und Herren Abgeordneten näher als des Volkes Wille, die Sommerzeit abzuschaffen. Zumindest haben wir per Onlineabstimmung ein bisschen Basisdemokratie geübt.

Autor: ronaldo capybara

Er ist kein Fotograf, doch malt er einen Teil seiner Bilder mit Licht und bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er einen Teil seiner Bilder mit Farben in seinem Atelier auf alles, was seine Kreativität tragen kann.

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