Nach einer sehr langen Pause in den asozialen Medien, habe ich beschlossen, mein fotografisches Glück in den Online-Gemeinschaften 500px und Fotocommunity zu suchen. Als analogfotografierender Halbgott und Photoalchemist ist mir vollkommen klar, dass ich in dem erlauchten Kreis der digitalen Vollzeitpropheten ein steinzeitlicher Aussätziger bin. Wie hat es mein Ex-Busenkumpel in Worte gefasst: Meine Art zu fotografieren ist zu besonders geworden und trifft nicht die hohen Erwartungen zeigefreudiger Frauen. Ich verstehe seinen Hinweis und doch gab es bisher die eine oder andere junge Dame, die genau diese andere Art der Fotografie von mir wollte. Ein besser motiviertes Fotomodell kann ich mir nicht wünschen. Nur scheinen diese Ausnahmen von der Regel, genauso wie experimentierwütige Analogfotografen wie ich einer bin, auszusterben.
Die ersten Tage im Reich des knipsenden Homo digitalis nähren in mir die Erkenntnis, dass es die Fotografie wie ich sie kenne und lieben gelernt habe, nicht mehr gibt. Farbe, Farbe über alles. Scharf und schärfer geht immer. Volles Feuer Licht, denn Schatten sind überbewertet. Mädels macht die Beine breit und zeigt euern feuchten rosafarbenen Schmetterling. Hoffentlich haben die willigen Luder eine Scheidencreme mit hohem Lichtschutzfaktor benutzt. Was ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahre geschehen, dass die Kamera so zur schwanzverlängernden Wichshilfe verkommen ist?
Vielleicht sind es die falschen Gemeinschaften, in denen ich gerade beginne, mich zu tummeln. Mir fiel nichts Besseres ein und der erste Eindruck zeigt, wer sich zulange dem instinktgetriebenen Strom der Banalisierung der Menschenfotografie entzieht, ist schocktraumatisiert vom niveaubefreiten Schnell, Einfach und Bequem der Jetztzeit. Was mich jedoch am meisten wundert: Warum machen emanzipierte Frauen von heute da mit? Sie sind jung und brauchen das Geld? Ist das großzügige Schenkelspreizen eine Form des vollendeten Genderfeminismus? Im Augenblick bin ich eher ratlos, versuche dennoch etwas Positives in der Sache zu sehen: Ich erweitere die Reichweite meiner vollanalogen Gegenbewegung, dem Fotografischen Depressionismus, und vielleicht findet sich auf diesem Weg ein neues hochmotiviertes Fotomodell.