Ich bin ein Friedhofsgänger. Berlin hat viele historische Friedhöfe, weshalb ich gerne meine Kamera mitnehme. Heute ist ein Friedhof wohl der letzte Ort, wo Ruhe das oberste Gebot ist. Über den Alter St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin bin ich auf Napoleon Seyfarth gestoßen. Oder auch umgekehrt: Über Napoleon Seyfarth bin ich zum Alter St.-Matthäus-Kirchhof gekommen. Letztendlich habe ich sein Buch „Schweine müssen nackt sein – Ein Leben mit dem Tod“ gekauft und natürlich auch gelesen. Es ist ein Buch, was mich irritiert, aber auch nachdenklich macht. Was bewegt Menschen dazu, gegenüber sich selbst derart den Respekt zu verlieren? Höre ich mir heute „angesagte“ Musik an, prasselt ein Gewitter ich-bezogener Entgleisungen auf mich ein. Warum definiert ihr euch und andere auf solch eine vulgäre Art und Weise?
Es gibt keinen Schalter, der sich am Tag X umlegt und der Mensch weiß, dass er heterosexuell, gleichgeschlechtlich interessiert oder irgendetwas anderes ist. Das ist gut so. In meinen paar Lebensjahrzehnten habe ich als Fotograf Identitätswechsel und wieder zurück erlebt, meist aus Verzweiflung am anderen Geschlecht. Wie das Leben es so will, das eigene biologische Geschlecht ist nicht viel besser als das andere biologische Geschlecht. Die Probleme im Kontakt der Menschen untereinander sind unabhängig von jeder Identität. Interessant kann deshalb nur der Weg und dessen Wirren zum eigenen Selbst sein. Ist der Knoten geplatzt und die Welt scheinbar in Ordnung, muss nur noch das geeignete Plätzchen her, wo Mensch Mensch sein darf. Ist es wirklich so?
Beim Lesen des Buches kommt mir mein Onkel in den Kopf. Er wohnte in Langen/Hessen, ich im Ostteil Berlins. Ich war sein „Lieblingsneffe“, weshalb er mich zu seinen Lebzeiten zum alleinigen Erben machte. Das Testament war lesbar eigenhändig verfasst, brav datiert und auf eine Grußkarte geschrieben. Irgendwann schickte er mal Fotos aus seinem Urlaub. Neben ihm stand eine Frau, oben ohne. Was für ein Kerl. Er kam auch mal nach Ost-Berlin. Zu der Zeit trug ich einen Ohrring. Ganz entsetzt fragte er mich, ob ich denn schwul sei und nicht auf Mädchen stehe. Ihm zu Liebe trug ich seitdem keinen Ohrring mehr. Noch vor der Wiedervereinigung verstarb er und es stellte sich heraus, dass er schwul und völlig überschuldet war. Irgendwann schrieb mich die bundesdeutsche Justiz an: Die Hauswirtschafterin meines Onkels hat das Erbe ausgeschlagen und ich wäre jetzt der nächste Erbberechtigte. Die Kopie des Testaments der Hauswirtschafterin war das spannendste Dokument: Derselbe Stil, dieselbe Grußkarte, nur das Datum war ein paar Monate älter. Die kleine Mistmade von Onkel hat auf dicke Hose gemacht, Versteck gespielt und ihm fehlten die Eier zu sagen, dass er schwul ist und lebt.
Man darf mir jetzt nicht kommen, dass die Gesellschaft das abgelehnt hat und so weiter und sofort. Das sind die selben Ausreden, wie niemand gesehen haben will, das Menschen abtransportiert wurden, dass es Konzentrations- und Vernichtungslager gab und dass beim Versuch, die Mauer zu überwinden, geschossen wird. Der Mensch ist feige und bedient sich gerne der Lüge als bequeme Ausrede. Ich bin kein Heiliger und schließe mich deshalb vom Gesagten nicht aus.
Und da geistert noch ein Gedanke in meinem Kopf. Ich habe den Eindruck, dass heute ungern Entscheidungen getroffen werden. Da ist die Entscheidung selbst, aber auch die Konsequenzen, die mit einer Entscheidung einhergehen. Konsequenzen werden heute nicht getragen, über sie wird diskutiert, ausgiebig bis endlos. Über manche Konsequenzen lässt sich nicht diskutieren und diese Entscheidung hat Napoleon Seyfarth für sich getroffen. Aus dieser Perspektive entsteht dieses Buch. Ich kann mich nicht dem Überschwang der Rezensionen anschließen, in der das Buch auch als Lehrbuch hochgejubelt wird. „Schweine müssen nackt sein“ ist offen und direkt. Es entsteht zu einer Zeit, in der HIV und AIDS noch mit dem sicher geglaubten Tod einhergeht. Das Buch ist gut geschrieben und es trägt Schwarzen Humor in sich. Neun Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buches starb Napoleon Seyfarth.
Vor ein paar Tagen war ich wieder im Alter St.-Matthäus-Kirchhof von Berlin. Auf diesem Friedhof sind einige Gräber der LGBTQ-Szene zuzuordnen. Angesichts des herausgestellten Heiligenstatus, den queere Menschen zu haben scheinen, brachte mich zu der Notiz, dass sie auch sterblich sind. Natürlich bin ich auch zum Grab von Napoleon Seyfarth gegangen und war überrascht, wie verlassen und unbunt es auf mich wirkte. Ich hatte es vor drei oder vier Jahren viel bunter und fröhlicher in Erinnerung. Queer hin oder her, LGBTQ hin oder her: Das sanfte Vergessenwerden ist kein Privileg des biologischen Geschlechts oder einer gefühlten Identität. Es bleibt das Buch, in drei Auflagen (letzte 1995) erschienen, bis auch „Schweine müssen nackt sein“ aus den Antiquariaten verschwunden und damit endgültig vergessen ist.
Schweine müssen nackt sein – Ein Leben mit dem Tod
Napoleon Seyfarth
250 Seiten
Edition diá
1993
3-86034-103-0