Bromoil Photography – Erich Püschel

Zwei Fragen bewegen mich bei dieser Buchvorstellung: Ist die Treibfeder des Kunstmachens die Unfähigkeit, die Welt zu akzeptieren, wie sie ist? Und muss ein Edeldruckverfahren mit den Mitteln der Moderne in die Moderne überführt werden? Ich tendiere in beiden Fällen zu einem Nein. Warum macht Mensch und Menschin Kunst? Der Mensch macht Kunst, um Emotionen zu verarbeiten, komplexe Ideen auszudrücken und soziale Bindungen einzugehen. Kunst ist ein Ventil für Kreativität und hilft, offene Fragen des Einzelnen zu verstehen. Kunst fördert das Zusammenleben und ist eine Form der Kommunikation. Meine erste Frage könnte ein Jein werden.

Zweite Frage. Unter Edeldruckverfahren werden meist historische, manuelle fotografische Druck- und Entwicklungsprozesse zusammengefasst, die überwiegend aus der fotografischen Anfangszeit des vorherigen Jahrhundert stammen. Lege ich den damaligen Stand der Technik zugrunde, ist ein Konflikt mit der heutigen Präzision der Fotografie vorprogrammiert. Ganz bewußt wähle ich diesen Perspektivwechsel, da sich der Achse Alt – Neu-Kombination beinahe jeder mir bekannten aktuellen Veröffentlichung rund um das Thema alte fotografische Druck- und Entwicklungsverfahren bedient wird. Der Sucht nach Perfektion gebe ich nicht nach, allein der mangelnden Interaktion zwischen Bild und Betrachter. Jedenfalls in meinem Fall und ich bleibe bei meinem Nein.

Wie komme ich dazu: Nehme ich eine analoge Kamera aus der Zeit der Hochphase der Edeldruckverfahren und arbeite mit ihr im Stil der Moderne, sehe ich, wie schlecht die Objektive dieser Kameras waren. Der Grund ist relativ einfach: Aufgrund der Formatgröße der Negative wurden früher fast ausschließlich Kontaktkopien und selten Vergrößerungen mit sehr kleinen Vergrößerungsfaktoren angefertigt. Damit wurden Effekte in der Bildwiedergabe unterdrückt, die hingegen durch die Aufbereitung der Arbeiten für den Bildband von Erich Püschel sehr dominant herausgearbeitet werden (siehe Seite 28, 31, 61, 85, 87 und 89). Das Schöne an der Sache ist, dass Erich Püschel in seiner Bildbandveröffentlichung für mich auch den Gegenbeweis antritt, dass Bromölabzüge ihre Daseinsberechtigung haben: Sowie mehr Licht und/oder Unschärfe in die Aufnahmen kommen, umso breiter wird mein Grinsen beim Betrachten der Püschelschen Arbeiten. Jede gut gemachte Unschärfe ist in meinen Augen immer noch gesprächiger als technisch perfekte Aufnahmen. Deshalb stelle ich diesen erotischen Bildband in der Leseecke vor.

Bromoil Photography
Erich Püschel
144 Seiten
Glaspalast Edition
2002
3-935015-19-4

Autor: makkerrony

Makkerrony ist ein begnadeter Photoalchemist aus Berlin und der Macher des Magazins "Der Lichtbildprophet", dem weltbekannten und einzigartigen Blog für experimentelle Lichtbildkunst (auch Fotografie genannt). Er gilt als der Begründer des Fotografischen Depressionismus und Erfinder der Lichtbildschreibmaschine. Seine Werke bestechen durch die bodenständige Aufnahmetechnik (LoFi - Fotografie), den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere und der Anwendung des Lith Print-Verfahren. Unter echten Kennern der Szene gilt Makkerrony deshalb als der Farbige unter den Schwarzweißen.

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