Immediate Family – Sally Mann

„Immediate Family“ ist ein kontroverses Buch: Es zeigt im privaten Kreis die ständige Konfrontation mit den alltäglichen Geschehnissen des Lebens. Es verheimlicht oder beschönigt nichts, es versteckt nichts und es dichtet nichts hinzu. Mit einer gesunden Portion Neid bewundere ich Sally Mann’s Arbeit. Sie hat den wahren Wert der Kindheit und beginnenden Jugend erkannt und in einzigartigen Aufnahmen festgehalten. Wer bei diesen Bildern andere Gedanken entwickelt, sollte seine krankhafte Einstellung zum Menschen und zum Leben kritisch hinterfragen.

Was hat Sally Mann mit „Immediate Family“ genau getan? Was ruft selbsternannte Erretter und ihr Schandmaul auf den Plan? Sally Mann fotografiert im Zeitraum von 1984 bis 1991 ihre Kinder in unterschiedlichen Situationen ihres Familienalltags. Über alle gezeigten Aufnahmen hinweg gedacht, kommt in mir der Gedanken an eine Gartenidylle, Ferien und die beinahe grenzenlose Freiheit auf. Der Großteil der Aufnahmen zeigt die Kinder unbekleidet, was bei Erscheinen des Buches 1992 die Schutz- und Moralexperten auf den Plan gerufen hat. Das Kuriose an der Sache ist: Die Kinder waren an der Bildauswahl beteiligt, zeigten keine Bedenken hinsichtlich ihrer Nacktheit und sprachen sich gegen eine geplante spätere Veröffentlichung des Bildbandes aus.

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History of German Porn – Gretchen Kraut

Dem Bildband „Private Pornography in the Third Reich“ lag eine Karte von Goliath Books bei, die mir den Kauf dieses Bildbandes „History of German Porn“ ans Herz legt. Da zwischen der Veröffentlichung und meiner Rezension fast anderthalb Jahrzehnte liegen, kann ich den Titel nur noch im Antiquariat des Internets über Booklooker zu einem annehmbaren Preis erstehen. Ich bin überrascht, welche Summen für dieses Buch vereinzelt aufgerufen werden. Es muss sich um ein Meisterwerk der Vintageerotik und wildester Solosexfantasien handeln.

In der Tat kommt „History of German Porn“ mit deutlich mehr Text als das von mir bereits rezensierte „Private Pornography in the Third Reich“ daher. Was den Inhalt und die Bildauswahl angeht, steht „History of German Porn“ dem „Private Pornography in the Third Reich“ in nichts nach. Ich lerne schon beim Lesen des Klappentextes und der Einführung, dass der spröde Deutsche einen Stock im Arsch hat und zum Bumsen in den Keller geht. Erst die 68er haben die stocksteifen Hüften zum diversen Rudelbumsen gelockert. Die bösen Nazi haben selbst die Lust am Sex ausgerottet, wer daran glaubt.

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Figürliche Malerei 1963-2009 – Gerhard Richter

In diesem Beitrag oute ich mich als ein begeisterter Betrachter der Arbeiten Gerhard Richters. Leider gelingt es mir nicht mehr nachzuvollziehen, wie ich auf ihn aufmerksam wurde. Mag sein, dass ich den gutgemeinten Rat erhielt, weil ich mich in meinen Fotografien mit der Unschärfe als Gestaltungsmittel auseinandersetze. Mag sein, dass eine meiner freien Malereien an Arbeiten von Gerhard Richter erinnert und ich darüber den Hinweis bekam. Konkret sind meine Gedanken mit dem Film ‚Werk ohne Autor‘ und der zweimalige Besuch der Ausstellung ‚Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin‘.

Im Gegensatz zu anderen Bildbänden, die im Rahmen der Leseecke hier vorgestellt werden, ist ‚Figürliche Malerei 1963-2009‘ aus dem Jahr 2024 eine junge Veröffentlichung. In dem Bildband werden 50 gemalte Menschenbilder in einer (chronologischen) Reihenfolge gezeigt, die von Gerhard Richter selbst zusammengestellt wurden. Darunter befinden sich Ema (Akt auf einer Treppe), Lesende, Betty und Ella, wobei Bildtitel bei Gerhard Richter wenig zu sagen haben. Letztgenannte Arbeit ziert auch das Buchcover. Mit dieser Aufzählung habe ich gleichzeitig meine Favoriten verraten. Es ist schön, diese und alle weiteren gewählten Arbeiten betrachten zu können, Richters Werke in ihrer vollen Größe und in den Details zu genießen, ist um vieles beeindruckender.

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Jan Saudek

Mein erster Gedanke: Mit Miroslav Tichy und Jan Saudek kenne ich zwei ehemalige ČSSR-ler, die die Fotografie auf ihre ganz einzigartige Weise kreativ beeinflußt haben. Der zweite Gedanke: Jan Saudek inszeniert im Stil eines schrill-bunten Wanderzirkus, dessen Ruhm immer zwei Städte im Voraus gastiert. Der dritte Gedanke geht an eine eigene Arbeit: Nicht wenige Menschen betrachten Modelle, die sich als Akt fotografieren lassen, als eine Art Freiwild. Männer wie Frauen vergreifen sich als Aussenstehende in ihrem Urteil oder reißen an sich, was sie glauben an sich nehmen zu können.

Besagte Arbeit (Foto 1 und Foto 2) hat damals wenig Begeisterung beim Modell hervorgerufen. Dabei ist der Fotograf, der mit seiner Kamera ihren Intimbereich sehr aufdringlich abfotografiert, ihr späterer Ehemann. Ich weiß nicht mehr, was genau sie ‚gestört‘ hat: Moralische Bedenken, Unbehagen der Situation wegen oder ein versteckter Überdruss, der jede Freude an Sexualität und Intimität platt macht. Vielleicht war es auch die gruselige Atmosphäre der einen Langzeitbelichtung. Ich selbst zähle die beiden Aufnahmen zu meinen stärkeren Digitalfotografien.

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Private Pornography in the Third Reich – Hans von Bockhain

Es überrascht, dass dieses kleine Büchlein im 13 x 18 cm-Format mit einem mehrsprachigen Vorwort daherkommt. Inhaltlich ist der Vierseiter eine Zusammenfassung dessen, was mit einer guten Allgemeinbild, vorausgesetzt Deutsche Geschichte wurde nicht abgewählt, bekannt sein sollte. Das Vorwort unterstreicht die Doppelmoral der nationalsozialistischen Diktatur, es könnte aber genauso gut der eine oder andere Zeitgeist sein, der Sexualität und Identität in den Keller sperrt und selbst, wenn es draußen dunkel ist, zum munteren Rudelbumsen lädt. Zugegeben, diese Buchvorstellung ist eine Provokation um die Banalität der Sexualität, die schlußendlich nur der Arterhaltung und Fortpflanzung des Menschen dient, ihn mit seiner mittlerweile überheiligen Identität zum transzendenten Gotteswesen macht.

Für den, der gelegentlich Sex praktiziert und nicht nur an den unschuldigen Blümchensex glaubt, werden die Aufnahmen keine echte Bereicherung sein. In Zeiten des Internets und freizugänglicher Erwachsenenwebseiten, die nach ihrer Sicherheit nicht für die Arbeit geeignet sind, wirken die Aufnahmen altbacken, lieblos gestellt und zum überwiegenden Teil betont amateurhaft. Das Besondere an diesem Bilderbuch ist die dargestellte und nicht nur gespielte Unschuld. Die 220 Seiten, der Moralapostel würde Schund- und Schmutzliteratur dazusagen, erwecken den Eindruck, als sei Sexualität erst vor ein paar Jahren rein zufällig entdeckt worden. Diese Unschuld machte für mich den Reiz aus, dieses kleine Buch mit amateurhaft dargebotenen Sauereien irgendwann einmal zu kaufen. Ich mag das keuche Gehabe in den meisten erotischen Vintageaufnahmen und kann mit der modernen Weibchenakrobatik und Hochleistungsfickerei nichts anfangen. Das klingt hart und nicht nach positiver Nutzererfahrung, ist aber so.

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