Private Pornography in the Third Reich – Hans von Bockhain

Es überrascht, dass dieses kleine Büchlein im 13 x 18 cm-Format mit einem mehrsprachigen Vorwort daherkommt. Inhaltlich ist der Vierseiter eine Zusammenfassung dessen, was mit einer guten Allgemeinbild, vorausgesetzt Deutsche Geschichte wurde nicht abgewählt, bekannt sein sollte. Das Vorwort unterstreicht die Doppelmoral der nationalsozialistischen Diktatur, es könnte aber genauso gut der eine oder andere Zeitgeist sein, der Sexualität und Identität in den Keller sperrt und selbst, wenn es draußen dunkel ist, zum munteren Rudelbumsen lädt. Zugegeben, diese Buchvorstellung ist eine Provokation um die Banalität der Sexualität, die schlußendlich nur der Arterhaltung und Fortpflanzung des Menschen dient, ihn mit seiner mittlerweile überheiligen Identität zum transzendenten Gotteswesen macht.

Für den, der gelegentlich Sex praktiziert und nicht nur an den unschuldigen Blümchensex glaubt, werden die Aufnahmen keine echte Bereicherung sein. In Zeiten des Internets und freizugänglicher Erwachsenenwebseiten, die nach ihrer Sicherheit nicht für die Arbeit geeignet sind, wirken die Aufnahmen altbacken, lieblos gestellt und zum überwiegenden Teil betont amateurhaft. Das Besondere an diesem Bilderbuch ist die dargestellte und nicht nur gespielte Unschuld. Die 220 Seiten, der Moralapostel würde Schund- und Schmutzliteratur dazusagen, erwecken den Eindruck, als sei Sexualität erst vor ein paar Jahren rein zufällig entdeckt worden. Diese Unschuld machte für mich den Reiz aus, dieses kleine Buch mit amateurhaft dargebotenen Sauereien irgendwann einmal zu kaufen. Ich mag das keuche Gehabe in den meisten erotischen Vintageaufnahmen und kann mit der modernen Weibchenakrobatik und Hochleistungsfickerei nichts anfangen. Das klingt hart und nicht nach positiver Nutzererfahrung, ist aber so.

„Private Pornography in the Third Reich – Hans von Bockhain“ weiterlesen

Bromoil Photography – Erich Püschel

Zwei Fragen bewegen mich bei dieser Buchvorstellung: Ist die Treibfeder des Kunstmachens die Unfähigkeit, die Welt zu akzeptieren, wie sie ist? Und muss ein Edeldruckverfahren mit den Mitteln der Moderne in die Moderne überführt werden? Ich tendiere in beiden Fällen zu einem Nein. Warum macht Mensch und Menschin Kunst? Der Mensch macht Kunst, um Emotionen zu verarbeiten, komplexe Ideen auszudrücken und soziale Bindungen einzugehen. Kunst ist ein Ventil für Kreativität und hilft, offene Fragen des Einzelnen zu verstehen. Kunst fördert das Zusammenleben und ist eine Form der Kommunikation. Meine erste Frage könnte ein Jein werden.

Zweite Frage. Unter Edeldruckverfahren werden meist historische, manuelle fotografische Druck- und Entwicklungsprozesse zusammengefasst, die überwiegend aus der fotografischen Anfangszeit des vorherigen Jahrhundert stammen. Lege ich den damaligen Stand der Technik zugrunde, ist ein Konflikt mit der heutigen Präzision der Fotografie vorprogrammiert. Ganz bewußt wähle ich diesen Perspektivwechsel, da sich der Achse Alt – Neu-Kombination beinahe jeder mir bekannten aktuellen Veröffentlichung rund um das Thema alte fotografische Druck- und Entwicklungsverfahren bedient wird. Der Sucht nach Perfektion gebe ich nicht nach, allein der mangelnden Interaktion zwischen Bild und Betrachter. Jedenfalls in meinem Fall und ich bleibe bei meinem Nein.

„Bromoil Photography – Erich Püschel“ weiterlesen

Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen (Erweiterte Neuausgabe) – Heiner Müller

In meiner heutigen Leseecke geht es nicht um einen Bildband zur Fotografie oder anderen Formen der bildenden Kunst. Ich möchte über Heiner Müller’s „Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen“ meine Gedanken festhalten. Ausgangspunkt ist meine erste Leseecke-Rezension „Der Tod ist ein Irrtum – Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller„. Ich wollte mehr über Heiner Müller erfahren, den ich bewusst am 04. November 1989 das erste Mal wahrgenommen habe. Zwar kann ich mich nicht mehr an den Inhalt seiner Rede auf der großen Demonstration am Alexanderplatz erinnern, doch das tut mittlerweile nichts mehr zur Sache. Die DDR, die friedliche Revolution und die gefressenen Kinder der Revolution sind längst vergessen.

Ich trage seit einigen Jahren Zweifel an der heutigen Darstellung der DDR und damit meiner Kindheit und Jugend mit mir herum. Da war vor einigen Monaten der Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen, in der ich mich als Besucher einer geführten Gruppe anschließen muss. Da ist der Gruppenführer, der wegen einer Coca Cola und Westjeans unbedingt in den Westen wollte. Es sind da aber auch die jungen Autoren, die die DDR bemühen und Assoziationen herstellen, die sie allein ihres Alters wegen nicht erlebt haben können. Zeitgeschichte vom Hörensagen, gefärbt von Erinnerungen und vom Verdrängen.

„Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen (Erweiterte Neuausgabe) – Heiner Müller“ weiterlesen

Bodyvision: Lithuanian Nudes – Matthias Reuss

Der heute von mir vorgestellte Bildband ist bereits vor dreißig Jahre erschienen. Er zeigt Arbeiten von zehn litauischen Fotografen und Fotografinnen, alle Arbeiten sind in Schwarzweiß gehalten. Die Auswahl kann nicht vielfältiger sein: Klassischer Akt im Low Key, Outdoor, Indoor, jung, sehr jung und alt, Experimente mit Mehrfachbelichtung bis hin zum angedeuteten Liebesspiel. Was bei allen Künstlern gleich ist und für die getroffene Auswahl in seiner Gesamtheit spricht, ist das Natürliche der dargestellten Menschen aller Altersklassen und die respektvolle Art und Weise der Fotografie überhaupt. Vielleicht entsteht der Eindruck aus der Distanz der drei Jahrzehnte, die dieser Bildband nun mittlerweile alt ist.

Ein Bildband Aktfotografie kommt ohne den Körperkult des klassischen Weibchengepose nicht aus. Da die Auswahl der Fotografen jedoch unterschiedlicher nicht sein kann, geht die gewohnte Zutat des erotischen Bildbands in den restlichen Inszenierungen unter. Diese Abwechslung locker das Gesamtwerk auf und verleitet, im Internet nach mehr zu suchen. Hier und da wird die Suche leider ohne Erfolg gekrönt sein.

„Bodyvision: Lithuanian Nudes – Matthias Reuss“ weiterlesen