Für mich spielt in der Bildgestaltung Unschärfe eine zentrale Rolle, sei es die Fotografie oder die Malerei. Nicht nur, dass ich bewußt die Kamera oder das Motiv bewege, lange Belichtungszeiten wähle oder Störungen beim Entwicklungsprozess als Unschärfen einbeziehe, die schiere Vielfalt macht oft auch das Ergebnis nicht vorhersehbar. Unschärfe ist für mich ein Baustein der Entropie, ein Teil des Chaos.
Ohne die Unschärfe und die Technik dahinter zu bewerten, sind Miroslav Tichy, Gerhard Richter als auch Thomas Ruff in gewisser Weise Vorbilder für mich. In irgendeinem Beitrag äußere ich mich dahingehend, dass mir keine reine Abhandlung zum Thema Unschärfe bekannt ist. Also mache ich mich in der Parallelwelt auf den Weg und finde das Buch „Die Geschichte der Unschärfe“ von Wolfgang Ulrich.
In sein Buch spannt Wolfgang Ulrich, wie sollte es auch anders sein, einen Bogen von der Malerei zur Fotografie und schließt bei Letztgenannter die Unschärfe durch digitale Nachbearbeitung mit ein. Allgemein wird bei ihm Unschärfe nicht als etwas Gegebenes hingenommen, vielmehr spielt die Entstehung, die Begründung des Einsatzes als auch Gegenargumente eine Rolle bei der Bewertung der Unschärfe als Gestaltungsmittel. Dabei spielt es keine Rolle, ob Unschärfe lokal oder global im Bild eingesetzt wird.
„Die Geschichte der Unschärfe“ ist damit eine Zeitreise, eine Achterbahn der Stile und Paradigmen, an derem Anfang und Ende jeweils der Mensch und sein Zugang zur Idee des bewußten scharf/unscharf Sehens steht. Wolfgang Ulrich bezieht sich auf historische Quellen, die sich zum Thema Schärfe und Unschärfe auslassen. Insofern es Aussagen der Künstler zu ihren Intentionen gibt, gezielt Unschärfe einzusetzen, legt sie der Autor dar. Bei diesem komplexen Thema bleibt es nicht aus, mit Worten zu hantieren, die ich der gehobenen Bildungssprache zuordne. Das verkompliziert hier und da das Lesen, erweitert den Horizont, wobei ich die meisten Neuworte wieder vergessen habe. Trotzdem: Ich bin froh, dieses Buch gefunden und gelesen zu haben!
Die Geschichte der Unschärfe
Wolfgang Ulrich
192 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach
2009
978-3-8031-2626-9