In diesem Beitrag oute ich mich als ein begeisterter Betrachter der Arbeiten Gerhard Richters. Leider gelingt es mir nicht mehr nachzuvollziehen, wie ich auf ihn aufmerksam wurde. Mag sein, dass ich den gutgemeinten Rat erhielt, weil ich mich in meinen Fotografien mit der Unschärfe als Gestaltungsmittel auseinandersetze. Mag sein, dass eine meiner freien Malereien an Arbeiten von Gerhard Richter erinnert und ich darüber den Hinweis bekam. Konkret sind meine Gedanken mit dem Film ‚Werk ohne Autor‘ und der zweimalige Besuch der Ausstellung ‚Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin‘.
Im Gegensatz zu anderen Bildbänden, die im Rahmen der Leseecke hier vorgestellt werden, ist ‚Figürliche Malerei 1963-2009‘ aus dem Jahr 2024 eine junge Veröffentlichung. In dem Bildband werden 50 gemalte Menschenbilder in einer (chronologischen) Reihenfolge gezeigt, die von Gerhard Richter selbst zusammengestellt wurden. Darunter befinden sich Ema (Akt auf einer Treppe), Lesende, Betty und Ella, wobei Bildtitel bei Gerhard Richter wenig zu sagen haben. Letztgenannte Arbeit ziert auch das Buchcover. Mit dieser Aufzählung habe ich gleichzeitig meine Favoriten verraten. Es ist schön, diese und alle weiteren gewählten Arbeiten betrachten zu können, Richters Werke in ihrer vollen Größe und in den Details zu genießen, ist um vieles beeindruckender.
In einem Begleittext versucht Helmut Friedel etwas Licht in die Auswahl und ihren (familiären) Bezug zu Gerhard Richter zu bringen. Nach dem Betrachten der Bilder muss ich meine Auswahl der Favoriten um eine Arbeit ergänzen: S. mit Kind (Tafel 45). Vergleiche ich dieses Bild mit den Anfängen wie Tante Marianne (Tafel 18), sind die Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte am deutlichsten zu sehen, ohne dass das eigentliche Gedankengebilde hinter dieser Darstellungsform verloren geht. Es sind die Vertikalen, die mich ansprechen, die ‚S. mit Kind‘ für immer in diesem Bild festhält. Gerhard Richter malt Fotos ab, was hier und da zum Vorwurf wird. Dabei ist er nicht der einzige malende Künstler, der diesen Weg wählt und damit seinen Erfolg hat.
Neulich fragt mich die Perle, wen ich gerne treffen würde. Ich antwortete ‚Gerhard Richter‘ und ergänzte, dass ich mir eine gute Frage ausdenken müßte, die ich diesem Mann stellen würde. Mittlerweile hätte ich diese eine Frage an ihn: Was war sein Beweggrund, mit dieser Form der Unschärfe zu arbeiten. Diese Frage bewegt mich allgemein. Im Begleittext Friedels gibt es erst Hinweise, eine befriedigende Antwort ist es für mich nicht. Teilweise verstehe ich die zitierten Gedankengänge nicht. In der allgemeinen Literatur wird viel über Schärfe, Kontrast, Farbkombination und Unschärfe als Gestaltungsmittel philosophiert. Mir ist kein geschriebenes Werk bekannt, welches sich der Unschärfe als eine kreative Haltung widmet.
Figürliche Malerei 1963-2009
Gerhard Richter
Mit einem Text von Helmut Friedel
144 Seiten
Schirmer/Moser
2024
978-3-8296-1019-2