Stella Goldschlag: Eine wahre Geschichte – Peter Wyden

Ich bin erstaunt, wie naiv meine Gedanken sein können. Ein Beispiel: Allen Ernstes glaubte ich, dass es unter gläubigen Leidensgenossen keinen Verrat gibt. Das Lesen des Sachbuches „Stella Goldschlag: Eine wahre Geschichte“ von Peter Wyden belehrt mich eines Besseren. Das nächste Beispiel: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Juden jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager Vorhaltungen machen, ein Vernichtungslager überlebt zu haben. Das Essay „Die Untergegangenen und die Geretteten“ von Primo Levi eröffnet mir diese andere Perspektive. Ein Auslöser für diese Haltung könnte Stella Goldschlag gewesen sein.

In dem Gedankenchaos habe ich irgendwann die Überlegung zugelassen, dass Juden womöglich auch NSDAP gewählt haben. Anstoß war der Film „Endlich Tacheles“ von Jana Matthes und Andrea Schramm, in dem es um böse und gute SS-Offiziere in einem Computerspiel geht. Meine Gedankenfragmente möchte ich um Viktor Klemperer und seine „LTI“ ergänzen. Dieser Titel ist für mich persönlich sehr wichtig, um zu verstehen, wie eine Gesellschaft die Sprache für ihre Zwecke missbraucht.

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Figürliche Malerei 1963-2009 – Gerhard Richter

In diesem Beitrag oute ich mich als ein begeisterter Betrachter der Arbeiten Gerhard Richters. Leider gelingt es mir nicht mehr nachzuvollziehen, wie ich auf ihn aufmerksam wurde. Mag sein, dass ich den gutgemeinten Rat erhielt, weil ich mich in meinen Fotografien mit der Unschärfe als Gestaltungsmittel auseinandersetze. Mag sein, dass eine meiner freien Malereien an Arbeiten von Gerhard Richter erinnert und ich darüber den Hinweis bekam. Konkret sind meine Gedanken mit dem Film ‚Werk ohne Autor‘ und der zweimalige Besuch der Ausstellung ‚Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin‘.

Im Gegensatz zu anderen Bildbänden, die im Rahmen der Leseecke hier vorgestellt werden, ist ‚Figürliche Malerei 1963-2009‘ aus dem Jahr 2024 eine junge Veröffentlichung. In dem Bildband werden 50 gemalte Menschenbilder in einer (chronologischen) Reihenfolge gezeigt, die von Gerhard Richter selbst zusammengestellt wurden. Darunter befinden sich Ema (Akt auf einer Treppe), Lesende, Betty und Ella, wobei Bildtitel bei Gerhard Richter wenig zu sagen haben. Letztgenannte Arbeit ziert auch das Buchcover. Mit dieser Aufzählung habe ich gleichzeitig meine Favoriten verraten. Es ist schön, diese und alle weiteren gewählten Arbeiten betrachten zu können, Richters Werke in ihrer vollen Größe und in den Details zu genießen, ist um vieles beeindruckender.

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Jan Saudek

Mein erster Gedanke: Mit Miroslav Tichy und Jan Saudek kenne ich zwei ehemalige ČSSR-ler, die die Fotografie auf ihre ganz einzigartige Weise kreativ beeinflußt haben. Der zweite Gedanke: Jan Saudek inszeniert im Stil eines schrill-bunten Wanderzirkus, dessen Ruhm immer zwei Städte im Voraus gastiert. Der dritte Gedanke geht an eine eigene Arbeit: Nicht wenige Menschen betrachten Modelle, die sich als Akt fotografieren lassen, als eine Art Freiwild. Männer wie Frauen vergreifen sich als Aussenstehende in ihrem Urteil oder reißen an sich, was sie glauben an sich nehmen zu können.

Besagte Arbeit (Foto 1 und Foto 2) hat damals wenig Begeisterung beim Modell hervorgerufen. Dabei ist der Fotograf, der mit seiner Kamera ihren Intimbereich sehr aufdringlich abfotografiert, ihr späterer Ehemann. Ich weiß nicht mehr, was genau sie ‚gestört‘ hat: Moralische Bedenken, Unbehagen der Situation wegen oder ein versteckter Überdruss, der jede Freude an Sexualität und Intimität platt macht. Vielleicht war es auch die gruselige Atmosphäre der einen Langzeitbelichtung. Ich selbst zähle die beiden Aufnahmen zu meinen stärkeren Digitalfotografien.

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Meisterwerke – Henri Cartier-Bresson

Künstler allgemein und Fotografen im Speziellen sind ganz besondere Menschen. Sie kramen einen hohen hölzernen Sockel hervor, stellen sich darauf und beginnen über ihren schweren Weg der Künstlerschaft zu sinnieren. Der Fotograf bekam im Alter eines Kindes die Kamera des Opas, Vaters oder Onkels geschenkt und fortan waren beide bis zum heutigen Tage miteinander verschmolzen. Irgendwann hatte der Herr Fotograf den kreativen Einschuss, etwas ganz Außergewöhnliches getan zu haben und gab der Heiligen Krücke einen bedeutungsschwangeren Namen. Stellt sich ein gewisser Erfolg ein, ist die Suppe während des Aufwärmens gut umzurühren und fertig ist das Menü. Sarkasmusmodus aus.

Henri Cartier-Bresson steht für den ‚entscheidenden Augenblick‘, Martin Zurmühle hat das ‚Vier-Augen-Modell‘ sowie das ‚Doppelte Dreieck‘ erschaffen und Ansel Adams und Fred Archer begeistern selbst Digitalfotografen mit dem erdachten Zonensystem. Man möge mir gerne Neid oder andere niedere Instinkte unterstellen, für mich steht Kunst auch für Emotionen, für eigene Gedanken, Intuition und viel kreative Arbeit. Aus meiner Sicht das Dumme an der Heldenvergötterung ist, das sie ewig nachschwingt und über Generationen weiter fortpflanzt. Am Ende bleibt ein steriler Klumpen Wissen, der, dem Fortschritt sei dank, so nur noch schwer anwendbar ist.

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Nan Goldin (55s) – Nan Goldin und Guido Costa

Nahezu quadratisch, dem Format, welchen eine ausgleichend-beruhigende Wirkung nachgesagt wird, kommt der handliche Bildband in seinen etwa 15 mal 16 Zentimeter daher. Außer ‚Nan Goldin‘ gibt es auf dem Cover wenig andere Hinweise und Unterstützung für den Interessenten. Der Verlagsname übertrumpft in größeren Buchstaben den Buchtitel selbst. Es liegen Gegensätze und Provokation in der Luft, auch wenn die Aufnahmen auf Vorder- und Rückseite des Buchcovers anderes vermuten lassen. Erst das Internet liefert nach und kann entwirren. Wenn jeder Mensch sich in seiner Blase als Nabel der Welt sehen darf, ist nicht jedem anderen Menschen geläufig, wessen Arbeiten er gerade sieht.

Gebetsmühlenartig lese ich von roher Intimität, Verwundbarkeit, Drogenkonsum und zärtliche Gewalt, gefolgt von AIDS, LGBTQ und die Wunderkraft der heiligen weichen Wissenschaft Soziologie. Salopp formuliert reden wir vom Singen und Klatschen, wo alles kann, aber nichts muss. Beginnend 1973, Nan Goldin ist 20 Jahre alt, folgen auf 128 Seiten Text und Fotografien über 27 Lebensjahre der US-amerikanischen Fotografin Nan(cy) Goldin. Abgesehen von meinen Eindrücken beim Betrachten der Bilder, schaue ich, was andere Quellen über Goldin und ihre Arbeiten schreiben. Ich lese Aktivistin, Machtverhältnisse in Beziehungen, patriarchale Gesellschaft, Dominanz, Unterwerfung bis hin zur Radikalität. Es reicht. Das ist mir zu viel Ideologie und unterschwellige Gewalt.

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