Meisterwerke – Henri Cartier-Bresson

Künstler allgemein und Fotografen im Speziellen sind ganz besondere Menschen. Sie kramen einen hohen hölzernen Sockel hervor, stellen sich darauf und beginnen über ihren schweren Weg der Künstlerschaft zu sinnieren. Der Fotograf bekam im Alter eines Kindes die Kamera des Opas, Vaters oder Onkels geschenkt und fortan waren beide bis zum heutigen Tage miteinander verschmolzen. Irgendwann hatte der Herr Fotograf den kreativen Einschuss, etwas ganz Außergewöhnliches getan zu haben und gab der Heiligen Krücke einen bedeutungsschwangeren Namen. Stellt sich ein gewisser Erfolg ein, ist die Suppe während des Aufwärmens gut umzurühren und fertig ist das Menü. Sarkasmusmodus aus.

Henri Cartier-Bresson steht für den ‚entscheidenden Augenblick‘, Martin Zurmühle hat das ‚Vier-Augen-Modell‘ sowie das ‚Doppelte Dreieck‘ erschaffen und Ansel Adams und Fred Archer begeistern selbst Digitalfotografen mit dem erdachten Zonensystem. Man möge mir gerne Neid oder andere niedere Instinkte unterstellen, für mich steht Kunst auch für Emotionen, für eigene Gedanken, Intuition und viel kreative Arbeit. Aus meiner Sicht das Dumme an der Heldenvergötterung ist, das sie ewig nachschwingt und über Generationen weiter fortpflanzt. Am Ende bleibt ein steriler Klumpen Wissen, der, dem Fortschritt sei dank, so nur noch schwer anwendbar ist.

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Nan Goldin (55s) – Nan Goldin und Guido Costa

Nahezu quadratisch, dem Format, welchen eine ausgleichend-beruhigende Wirkung nachgesagt wird, kommt der handliche Bildband in seinen etwa 15 mal 16 Zentimeter daher. Außer ‚Nan Goldin‘ gibt es auf dem Cover wenig andere Hinweise und Unterstützung für den Interessenten. Der Verlagsname übertrumpft in größeren Buchstaben den Buchtitel selbst. Es liegen Gegensätze und Provokation in der Luft, auch wenn die Aufnahmen auf Vorder- und Rückseite des Buchcovers anderes vermuten lassen. Erst das Internet liefert nach und kann entwirren. Wenn jeder Mensch sich in seiner Blase als Nabel der Welt sehen darf, ist nicht jedem anderen Menschen geläufig, wessen Arbeiten er gerade sieht.

Gebetsmühlenartig lese ich von roher Intimität, Verwundbarkeit, Drogenkonsum und zärtliche Gewalt, gefolgt von AIDS, LGBTQ und die Wunderkraft der heiligen weichen Wissenschaft Soziologie. Salopp formuliert reden wir vom Singen und Klatschen, wo alles kann, aber nichts muss. Beginnend 1973, Nan Goldin ist 20 Jahre alt, folgen auf 128 Seiten Text und Fotografien über 27 Lebensjahre der US-amerikanischen Fotografin Nan(cy) Goldin. Abgesehen von meinen Eindrücken beim Betrachten der Bilder, schaue ich, was andere Quellen über Goldin und ihre Arbeiten schreiben. Ich lese Aktivistin, Machtverhältnisse in Beziehungen, patriarchale Gesellschaft, Dominanz, Unterwerfung bis hin zur Radikalität. Es reicht. Das ist mir zu viel Ideologie und unterschwellige Gewalt.

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Camera Work – Alfred Stieglitz

Der Formhalber sei zu Beginn erwähnt, dass der hier besprochene Bildband den Untertitel ‚The Complete Photographs 1903-1917‘ trägt. Seiner Länge wegen entfällt die Nennung in der Beitragsüberschrift. Ebenso muß ich erwähnen, dass ‚Camera Work‘ sich nicht ausschließlich auf die fotografischen Arbeiten von Alfred Stieglitz bezieht. Vielmehr geht es um das vierteljährlich von Alfred Stieglitz herausgegebene und von 1903 bis 1917 erschienene Magazin mit dem Titel ‚Camera Work‘. Folglich ist der Bildband ein Sammelsurium verschiedener Fotografen und damit unterschiedlicher Stilrichtungen. Ein deutscher und englischsprachiger Begleittag klärt über die Zusammenhänge Alfred Stieglitz, Photo-Secession, ‚Camera Work‘ und Galerie 291 auf. Darüber hinaus hilft Wikipedia zum Thema weiter.

Die Fotografie hat zum genannten Zeitraum das Laufen gelernt und beginnt nun, wie ein Halbstarker zu rüpeln: Jeder neuen Sichtweise auf ein Sujet wird ein bedeutungsschwangerer Ismus verpaßt, zur heiligen Regel der Bildgestaltung erhoben, die noch heute von Millionen sogenannter Fotografen als ewig gültiges Gesetz praktiziert wird. Das klingt sarkastisch und ist auch so gemeint. Diskussionen um die Ablehnung beziehungsweise Annahme der Bildretusche erzeugen ein breites Grinsen in meinem Gesicht. Diese Diskussion wird wohl nie enden, eher verschärft sie sich durch KI und der damit vollendet ausgelebten Bequemlichkeit des selbsternannten kreativen Menschen.

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Couples – Ellen von Unwerth

Wo fange ich bei diesem Bildband an? Er kam noch vor der Jahrtausendwende heraus, da war für mich die Welt schon nicht mehr so ganz in Ordnung. Mein Musikgeschmack hat sich von den Hitlisten entfernt und neben dem Familienleben stecke ich im Fernstudium fest. Eine Kollegin gibt den Rat, mir für die Zeit nach dem Studium ein Hobby zu suchen, denn ich wüßte sonst nichts mit meiner wiedergewonnenen Freizeit anzufangen. Ich beherzige den Ratschlag und keine zwei Jahre später beginne ich mit einer nebenberuflichen Karriere als Freier Autor beim fotoMAGAZIN. Weitere Verlage und Fotofachzeitschriften und vier Bücher folgen. Die Mini-Karriere endet 15 Jahre später: Nach der Chemotherapie bin ich nicht mehr in der Lage, so flüssig und konzentriert zu schreiben wie vorher. Außerdem, wer will 2015 noch gedruckte Zeitschriften oder Bücher kaufen, wo es im Internet doch alles kostenlos und rund um die Uhr gibt.

Im Rahmen der Leseecke habe ich bereits darüber philosophiert, dass zu meinen fotografischen Idolen der Anfangszeit Helmut Newton und Leni Riefenstahl zählen. Später, am Ende meiner digitalen Phase, ist es Miroslav Tichy und er ist es bis heute geblieben. Nehme ich jedoch Helmut Newton als perspektivische Basis, dann sei mir der Gedanke erlaubt, dass Ellen von Unwerth die kleine Schwester des großen Helmut ist. Beim Durchblättern von „Couples“ sehe ich gedachte Linien als Parallelen zwischen den beiden. Ellen möchte etwas mehr provozieren, etwas mehr wagen, den Tick lauter und schriller sein. Als kleine Schwester, das Nesthäkchen einer fotografischen Ära, darf und muss sie so sein. Alles wirkt auf mich lockerer, nahezu spielerisch und das gefällt mir.

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Starke Frauen im Osten – Günter Rössler

Als Ex-Bewohner eines Landes, das es nicht mehr gibt, ist es für mich die ehrenvolle Quasi-Pflicht, einen berühmten Fotografen aus der untergegangenen Heimat DDR in der Leseecke vorzustellen. Jetzt müßte ich nur noch berühmte DDR-Fotografen kennen. Ich übertreibe nicht: Günter Rössler war für mich kein Begriff. Erst nach der Wende stieß ich auf seinen Namen und ich schaute mal, was er so alles in Schwarzweißbildern festgehalten hat. Den hier besprochenen Bildband bekomme ich als ein Geschenk, was ich aus der beiliegenden Karte „Frohe Weihnachten“ schließe.

Der Bildband mit dem Untertitel „Fotografien 1964 bis 2009“ wendet sich elf Modellen des Fotografen zu, wobei jedem Modell in einem kurzen Abriss ein paar Zeilen gewidmet ist. Irgendwie wollen für mich Texte, Bilder und ich als Betrachter keine Symbiose eingehen. Ist es die Sprache, die zu sehr an DDR erinnert? Ist es das Hochleben der emanzipierten Ex-DDR – Ostfrau bis 2009? Oder ist es eher der Mikrokosmos einer Modewelt, dem ich keine Beachtung schenkte, weil er sein Eigenleben genüßlich lebte? Ich fühle an einen Besuch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erinnert. Während der Führung, ohne Führung geht dort nichts, erklärte der Guide, dass er wegen Cola und Jeans unbedingt in den Westen wollte. Ich war sprachlos und bin es an der Stelle immer noch. Für mich handelt es sich hier um das Problem einer, konkret meiner, Störung in meiner Prioritätenliste.

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