Camera Work – Alfred Stieglitz

Der Formhalber sei zu Beginn erwähnt, dass der hier besprochene Bildband den Untertitel ‚The Complete Photographs 1903-1917‘ trägt. Seiner Länge wegen entfällt die Nennung in der Beitragsüberschrift. Ebenso muß ich erwähnen, dass ‚Camera Work‘ sich nicht ausschließlich auf die fotografischen Arbeiten von Alfred Stieglitz bezieht. Vielmehr geht es um das vierteljährlich von Alfred Stieglitz herausgegebene und von 1903 bis 1917 erschienene Magazin mit dem Titel ‚Camera Work‘. Folglich ist der Bildband ein Sammelsurium verschiedener Fotografen und damit unterschiedlicher Stilrichtungen. Ein deutscher und englischsprachiger Begleittag klärt über die Zusammenhänge Alfred Stieglitz, Photo-Secession, ‚Camera Work‘ und Galerie 291 auf. Darüber hinaus hilft Wikipedia zum Thema weiter.

Die Fotografie hat zum genannten Zeitraum das Laufen gelernt und beginnt nun, wie ein Halbstarker zu rüpeln: Jeder neuen Sichtweise auf ein Sujet wird ein bedeutungsschwangerer Ismus verpaßt, zur heiligen Regel der Bildgestaltung erhoben, die noch heute von Millionen sogenannter Fotografen als ewig gültiges Gesetz praktiziert wird. Das klingt sarkastisch und ist auch so gemeint. Diskussionen um die Ablehnung beziehungsweise Annahme der Bildretusche erzeugen ein breites Grinsen in meinem Gesicht. Diese Diskussion wird wohl nie enden, eher verschärft sie sich durch KI und der damit vollendet ausgelebten Bequemlichkeit des selbsternannten kreativen Menschen.

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Couples – Ellen von Unwerth

Wo fange ich bei diesem Bildband an? Er kam noch vor der Jahrtausendwende heraus, da war für mich die Welt schon nicht mehr so ganz in Ordnung. Mein Musikgeschmack hat sich von den Hitlisten entfernt und neben dem Familienleben stecke ich im Fernstudium fest. Eine Kollegin gibt den Rat, mir für die Zeit nach dem Studium ein Hobby zu suchen, denn ich wüßte sonst nichts mit meiner wiedergewonnenen Freizeit anzufangen. Ich beherzige den Ratschlag und keine zwei Jahre später beginne ich mit einer nebenberuflichen Karriere als Freier Autor beim fotoMAGAZIN. Weitere Verlage und Fotofachzeitschriften und vier Bücher folgen. Die Mini-Karriere endet 15 Jahre später: Nach der Chemotherapie bin ich nicht mehr in der Lage, so flüssig und konzentriert zu schreiben wie vorher. Außerdem, wer will 2015 noch gedruckte Zeitschriften oder Bücher kaufen, wo es im Internet doch alles kostenlos und rund um die Uhr gibt.

Im Rahmen der Leseecke habe ich bereits darüber philosophiert, dass zu meinen fotografischen Idolen der Anfangszeit Helmut Newton und Leni Riefenstahl zählen. Später, am Ende meiner digitalen Phase, ist es Miroslav Tichy und er ist es bis heute geblieben. Nehme ich jedoch Helmut Newton als perspektivische Basis, dann sei mir der Gedanke erlaubt, dass Ellen von Unwerth die kleine Schwester des großen Helmut ist. Beim Durchblättern von „Couples“ sehe ich gedachte Linien als Parallelen zwischen den beiden. Ellen möchte etwas mehr provozieren, etwas mehr wagen, den Tick lauter und schriller sein. Als kleine Schwester, das Nesthäkchen einer fotografischen Ära, darf und muss sie so sein. Alles wirkt auf mich lockerer, nahezu spielerisch und das gefällt mir.

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Starke Frauen im Osten – Günter Rössler

Als Ex-Bewohner eines Landes, das es nicht mehr gibt, ist es für mich die ehrenvolle Quasi-Pflicht, einen berühmten Fotografen aus der untergegangenen Heimat DDR in der Leseecke vorzustellen. Jetzt müßte ich nur noch berühmte DDR-Fotografen kennen. Ich übertreibe nicht: Günter Rössler war für mich kein Begriff. Erst nach der Wende stieß ich auf seinen Namen und ich schaute mal, was er so alles in Schwarzweißbildern festgehalten hat. Den hier besprochenen Bildband bekomme ich als ein Geschenk, was ich aus der beiliegenden Karte „Frohe Weihnachten“ schließe.

Der Bildband mit dem Untertitel „Fotografien 1964 bis 2009“ wendet sich elf Modellen des Fotografen zu, wobei jedem Modell in einem kurzen Abriss ein paar Zeilen gewidmet ist. Irgendwie wollen für mich Texte, Bilder und ich als Betrachter keine Symbiose eingehen. Ist es die Sprache, die zu sehr an DDR erinnert? Ist es das Hochleben der emanzipierten Ex-DDR – Ostfrau bis 2009? Oder ist es eher der Mikrokosmos einer Modewelt, dem ich keine Beachtung schenkte, weil er sein Eigenleben genüßlich lebte? Ich fühle an einen Besuch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erinnert. Während der Führung, ohne Führung geht dort nichts, erklärte der Guide, dass er wegen Cola und Jeans unbedingt in den Westen wollte. Ich war sprachlos und bin es an der Stelle immer noch. Für mich handelt es sich hier um das Problem einer, konkret meiner, Störung in meiner Prioritätenliste.

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Photographien – Annelise Kretschmer

Aus welcher Perspektive sollte ich mich einem künstlerischem Gesamtwerk nähern? Beame ich mich gedanklich in die Zeit des Künstlers zurück oder maße ich mir an, das Schaffen aus meiner Jetztzeit zu beleuchten? Beide Perspektiven haben für mich ihr Für und Wider, wenn ich eine gewisse historische Distanz wahre. Im Moment ist der Zeitgeist sehr bemüht, kreative Frauen aus der Vergessenheit zu holen, um ihr künstlerisches Schaffen auf einen feministischen Sockel im Hier zu stellen. Zwei Dinge stören mich daran: Die Wiederentdeckte kann sich gegen die Überhöhung – wenn sie denn wollte – nicht wehren und es fehlt an der realwissenschaftlichen Distanz. Fotografie ist Kunst und Kunst ist ein persönliches Bekenntnis. Ich mag überzogenes Vereinnahmen aus heutiger Zeit nicht.

Annelise Kretschmer fotografiert die Köpfe der Menschen und hat dabei den Hang zum besonderen Blick des Fotografierten. Beim ersten Durchblättern ist hier und da die eingefangene Mimik sehr eindringlich, wirkt für mich beinahe schon fetischhaft (siehe Seite 79, 81, 89 und 91). Es bedarf weiterer Anläufe des Betrachtens, um mir diese gewisse Beklemmung zu nehmen. Auf der anderen Seite sind es die Portraits auf den Seiten 105 und 109, die für mich eine Distanz schaffen, als sei ich als Betrachter gerade unerwünscht. Mir fällt auf, dass Annelise Kretschmer mit den Jahren auf Distanz zu den Portraitierten geht. Bilden anfänglich Kopf und Hals die Basis des Portraits, kommen im weiteren zeitlichen Verlauf immer mehr Schultern und Oberkörper zum Vorschein. Gibt sie der Komposition einfach nur Raum oder geht sie innerlich auf Distanz zum Menschen?

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Leseecke

Vor ein paar Monaten habe ich mit der Plattenstube einen Testballon gestartet: Was fange ich mit meiner Freizeit in Phase III an? Über 1000 Schallplatten sollten Material genug sein, um über die Musik zu schreiben, die ich persönlich gerne höre oder wo der Kauf einer LP ein Griff in die Kloschüssel war. Ich merkte schnell, dass ich zwar gern und viel Musik höre, über das Machen und die Details des musikalischen Lautseins jedoch wenig weiß. Also habe ich das Helium aus dem Ballon gelassen und den Test Plattenstube kurzerhand für beendet erklärt.

Ab 2001 arbeitete ich nebenberuflich als Freier Autor für (gedruckte) Fotofachzeitschriften. Nach nach meiner Krebstherapie und der stetig wachsenden Honorardrückerei durch die Verlage, gab ich 2016 den Nebenjob schließlich auf. In den letzten Jahren meiner Autorentätigkeit hatte ich für die PhotoKlassik gelegentlich über Fotografen und ihre Arbeiten philosophiert. Mir gefiel diese Art und Weise des Herangehens und Schreibens, ganz ohne den neusten Technikklatsch oder einem Schwanzlängenvergleich im fotografischen Breitensport. Genau hier setzt die Leseecke an: In diesem Segment brilliere ich mit etwas mehr Erfahrung und weiß bestens bescheid, wie man schlechte Fotos richtig gut macht.

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