Mein Holocaust – Tova Reich

Ich beginne mit einem Zitat. Unter der Überschrift „Ganz schlimm“ steht geschrieben: „Darf man eine Satire über den Holocaust schreiben? Die Antwort lautet ‚Nein‘. Tova Reich versucht es trotzdem und scheitert.“ Ich erlaube mir ein paar formale Undinge an dem Zitat zu ändern. Der Deutsche tut sich, erwartungsgemäß, schwer mit seiner Vergangenheit. Die einen sehen darin einen Fliegenschiss, andere wiederum ein ewiges Makel, welches in der Zeitachse lieber in ein Nazideutschland verschoben wird. Angesichts der Übermacht einer politischen Korrektheit darf ich fragen, worüber noch gelacht werden darf? Deutsche Comedian sind mittlerweile nur noch lächerlich, das politische Kabarett im linken Morast versunken und menschliche Fehlbarkeiten völlig gleichgestellt. Es ist kein Wunder, auf der Straße nur noch wandelnde Miesmuscheln auf zwei Beinen zu begegnen.

Eine Jüdin beschließt, Christin zu werden und in ein Kloster zu gehen. Dieses Kloster steht unweit des Vernichtungslagers Auschwitz, einem wichtigen Standbein der jüdischen Erinnerungsindustrie in den USA. Zu allem Überfluss ist die Novizin die Enkelin des Direktors des prestigeträchtigen US-amerikanischen Holocaust Memorial Center. Es ist die klassische Story um das Schwarze Schaf einer Familie, die über Generationen alles daran setzt, das Gedenken an die Opfer der industriellen Vernichtung von Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit am Laufen zu halten. Dieser Kreis der Opfer erweitert sich im Laufe des Buches und nimmt kuriose Züge an, wenn Empfindungen und Wachstumsdenken statt Verstand und Vernunft überhand nehmen. Ich greife noch einmal auf ein Zitat zurück: „Das alles ist verquaster Nonsens und außerdem geschmacklos.“

„Mein Holocaust – Tova Reich“ weiterlesen

Figürliche Malerei 1963-2009 – Gerhard Richter

In diesem Beitrag oute ich mich als ein begeisterter Betrachter der Arbeiten Gerhard Richters. Leider gelingt es mir nicht mehr nachzuvollziehen, wie ich auf ihn aufmerksam wurde. Mag sein, dass ich den gutgemeinten Rat erhielt, weil ich mich in meinen Fotografien mit der Unschärfe als Gestaltungsmittel auseinandersetze. Mag sein, dass eine meiner freien Malereien an Arbeiten von Gerhard Richter erinnert und ich darüber den Hinweis bekam. Konkret sind meine Gedanken mit dem Film ‚Werk ohne Autor‘ und der zweimalige Besuch der Ausstellung ‚Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin‘.

Im Gegensatz zu anderen Bildbänden, die im Rahmen der Leseecke hier vorgestellt werden, ist ‚Figürliche Malerei 1963-2009‘ aus dem Jahr 2024 eine junge Veröffentlichung. In dem Bildband werden 50 gemalte Menschenbilder in einer (chronologischen) Reihenfolge gezeigt, die von Gerhard Richter selbst zusammengestellt wurden. Darunter befinden sich Ema (Akt auf einer Treppe), Lesende, Betty und Ella, wobei Bildtitel bei Gerhard Richter wenig zu sagen haben. Letztgenannte Arbeit ziert auch das Buchcover. Mit dieser Aufzählung habe ich gleichzeitig meine Favoriten verraten. Es ist schön, diese und alle weiteren gewählten Arbeiten betrachten zu können, Richters Werke in ihrer vollen Größe und in den Details zu genießen, ist um vieles beeindruckender.

„Figürliche Malerei 1963-2009 – Gerhard Richter“ weiterlesen

Jan Saudek

Mein erster Gedanke: Mit Miroslav Tichy und Jan Saudek kenne ich zwei ehemalige ČSSR-ler, die die Fotografie auf ihre ganz einzigartige Weise kreativ beeinflußt haben. Der zweite Gedanke: Jan Saudek inszeniert im Stil eines schrill-bunten Wanderzirkus, dessen Ruhm immer zwei Städte im Voraus gastiert. Der dritte Gedanke geht an eine eigene Arbeit: Nicht wenige Menschen betrachten Modelle, die sich als Akt fotografieren lassen, als eine Art Freiwild. Männer wie Frauen vergreifen sich als Aussenstehende in ihrem Urteil oder reißen an sich, was sie glauben an sich nehmen zu können.

Besagte Arbeit (Foto 1 und Foto 2) hat damals wenig Begeisterung beim Modell hervorgerufen. Dabei ist der Fotograf, der mit seiner Kamera ihren Intimbereich sehr aufdringlich abfotografiert, ihr späterer Ehemann. Ich weiß nicht mehr, was genau sie ‚gestört‘ hat: Moralische Bedenken, Unbehagen der Situation wegen oder ein versteckter Überdruss, der jede Freude an Sexualität und Intimität platt macht. Vielleicht war es auch die gruselige Atmosphäre der einen Langzeitbelichtung. Ich selbst zähle die beiden Aufnahmen zu meinen stärkeren Digitalfotografien.

„Jan Saudek“ weiterlesen

Meisterwerke – Henri Cartier-Bresson

Künstler allgemein und Fotografen im Speziellen sind ganz besondere Menschen. Sie kramen einen hohen hölzernen Sockel hervor, stellen sich darauf und beginnen über ihren schweren Weg der Künstlerschaft zu sinnieren. Der Fotograf bekam im Alter eines Kindes die Kamera des Opas, Vaters oder Onkels geschenkt und fortan waren beide bis zum heutigen Tage miteinander verschmolzen. Irgendwann hatte der Herr Fotograf den kreativen Einschuss, etwas ganz Außergewöhnliches getan zu haben und gab der Heiligen Krücke einen bedeutungsschwangeren Namen. Stellt sich ein gewisser Erfolg ein, ist die Suppe während des Aufwärmens gut umzurühren und fertig ist das Menü. Sarkasmusmodus aus.

Henri Cartier-Bresson steht für den ‚entscheidenden Augenblick‘, Martin Zurmühle hat das ‚Vier-Augen-Modell‘ sowie das ‚Doppelte Dreieck‘ erschaffen und Ansel Adams und Fred Archer begeistern selbst Digitalfotografen mit dem erdachten Zonensystem. Man möge mir gerne Neid oder andere niedere Instinkte unterstellen, für mich steht Kunst auch für Emotionen, für eigene Gedanken, Intuition und viel kreative Arbeit. Aus meiner Sicht das Dumme an der Heldenvergötterung ist, das sie ewig nachschwingt und über Generationen weiter fortpflanzt. Am Ende bleibt ein steriler Klumpen Wissen, der, dem Fortschritt sei dank, so nur noch schwer anwendbar ist.

„Meisterwerke – Henri Cartier-Bresson“ weiterlesen