Vernunftbild

Ich bin zur Einsicht gelangt, dass im Zufall mehr Vernunft (und Demut) steckt als im angeblich bewußten Handeln des Menschen überhaupt.

War es um 2014 oder 2015? Ich ziehe mit einer Kamera durch den Bürgerpark Pankow, fotografiere die Menschen im Stil meiner ‚Menschen in der Großstadt‚ und vergrabe diesen Film. In Gartenerde, Wind und Wetter, also Klima ausgesetzt. War es für ein Jahr? Ich könnte im Lichtbildprophet suchen, habe aber keinen Bock darauf. Der Zeitraum täte auch nichts zur Sache. Fakt ist: Ich grabe den vergrabenen Film aus, entwickle ihn und von dem, was ich einst aufgenommen habe ist absolut Nichts zu sehen. Kein Bild da, wie der Mensch ein Bild erwartet. Ich ärgere mich darüber, waren doch ein paar schöne Szenen dabei.

Egal.

Was ich diesem ca. 1,5 Meter Film entnehme sind Zufälle, Zufallsbilder. Ich taufe das Ergebnis ‚Aleatorisches Fotogramm‘, neudeutsch und knackiger ‚Aleatogram‚. Ich bin nicht der Erste, der diesen Begriff benutzt. Durch meine Wortwahl stoße ich auf das wunderbare Werkstattbuch ‚Neue und alte Radiertechniken sowie photochemische Reproduktionsverfahren‚. Laut Google ist die Palette an ‚aleatorischen‘ Bildern groß, von wahrlich zufällig bis digitalgeprägte Effekthascherei realistischer Abbildungen.

Eigentlich möchte ich immer wieder die Idee neu aufgreifen: Fotografieren, den Film dem Zufall Natur aussetzen und daraus Bilder schaffen. Andere waschen einen Film mit oder brennen ihn an. Mir ist das zu zielgerichtet, zu kontrolliert. Doch die Chemotherapie und vor allem die Aufgabe der Villa Schaf nimmt mir den Kreativraum ‚Erdreich‘.

In diesem Jahr nehme ich den aleatorischen Filmstreifen wieder in die Hand und fertige bei Gelegenheit neue Zufallsbilder an. Auch bei der Arbeiten mit dem überlagerten Fotopapier und Fotoplatten kommt es zu Zufallsbildern: Was eben noch an dem gleichen Material funktioniert, klappt im nächsten Moment nicht mehr. Ein Bogen Papier oder ein Glasnegativ will nicht so wie ich es mir vorstelle. Ich suche innerlich nach Möglichkeiten Zufälle für bildhafte Interpretationen zu generieren ohne dabei das digitaltypische Wiederholen bekannter Muster. Zufall soll Zufall sein.

Zufälligen Charakter trägt Krakelier. Ich trage den Krakeliereffekt-Lack auf einen Bogen Tintenstrahl-Transparentfolie auf. Der Gelatine wegen auf der Druckseite versteht sich. Irgendwo habe ich gelesen, dass Holzleim als Zwischenschicht denselben Krakeliereffekt bringen soll. Bei Gelegenheit werde ich es mal ausprobieren. Nachdem alles getrocknet ist, trage ich dünn schwarze Abtönfarbe auf. Dünn. Für Grauabstufungen muss das Schwarz nicht decken. Ich nehme Pinsel und Schaumstoffroller, wische wild durcheinander. Nach dem Trocknen wird gekratzt, geschabt, eben alles getan, was irgendwie eine zufällige Grauabstufung schafft. Abschließend schneide ich mir 35 mm-Streifen und habe handgemachte aleatorische Negative.

Lithprint auf überlagertem ORWO-Fotopapier, im DIY-Vergrößerer oder ganz klassisch im Meopta-Belichter. Die ersten Ergebnisse nenne ich Vernunftbild. Der Begriff ist bereits besetzt, von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und seinem ‚Die Stärke des Mannes (Vernunftbild)‘. Dennoch bleibe ich dabei, denn in meinem Zufalllichtbildern steckt vielleicht mehr Vernunft (der religiös angehauchte Mensch wird wohl von Demut reden) als im scheinheiligen Getue der digitalen Jetztzeit.

Autor: Lichtbildprophet

Ronald Puhle a.k.a. 'Lichtbildprophet' ist kein Fotograf. Als 'Lichtbildpoet' malt Puhle seine Bilder mit Licht und bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Der 'Photoalchemist' in ihm sucht ständig nach Wegen, neue Interpretationsmöglichkeiten für seine Arbeiten zu finden.

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