Aus welcher Perspektive sollte ich mich einem künstlerischem Gesamtwerk nähern? Beame ich mich gedanklich in die Zeit des Künstlers zurück oder maße ich mir an, das Schaffen aus meiner Jetztzeit zu beleuchten? Beide Perspektiven haben für mich ihr Für und Wider, wenn ich eine gewisse historische Distanz wahre. Im Moment ist der Zeitgeist sehr bemüht, kreative Frauen aus der Vergessenheit zu holen, um ihr künstlerisches Schaffen auf einen feministischen Sockel im Hier zu stellen. Zwei Dinge stören mich daran: Die Wiederentdeckte kann sich gegen die Überhöhung – wenn sie denn wollte – nicht wehren und es fehlt an der realwissenschaftlichen Distanz. Fotografie ist Kunst und Kunst ist ein persönliches Bekenntnis. Ich mag überzogenes Vereinnahmen aus heutiger Zeit nicht.
Annelise Kretschmer fotografiert die Köpfe der Menschen und hat dabei den Hang zum besonderen Blick des Fotografierten. Beim ersten Durchblättern ist hier und da die eingefangene Mimik sehr eindringlich, wirkt für mich beinahe schon fetischhaft (siehe Seite 79, 81, 89 und 91). Es bedarf weiterer Anläufe des Betrachtens, um mir diese gewisse Beklemmung zu nehmen. Auf der anderen Seite sind es die Portraits auf den Seiten 105 und 109, die für mich eine Distanz schaffen, als sei ich als Betrachter gerade unerwünscht. Mir fällt auf, dass Annelise Kretschmer mit den Jahren auf Distanz zu den Portraitierten geht. Bilden anfänglich Kopf und Hals die Basis des Portraits, kommen im weiteren zeitlichen Verlauf immer mehr Schultern und Oberkörper zum Vorschein. Gibt sie der Komposition einfach nur Raum oder geht sie innerlich auf Distanz zum Menschen?
Hin und her gerissen lege ich mich fest: Ich möchte Annelise Kretschmer nicht als eine Portraitfotografin sehen, obwohl der Bildband überwiegend aus Portraits aller Art besteht. Im ersten Teil des Bildbandes sind Aufnahmen abseits der Portraits zu sehen. Sie haben einen ganz besonderen Drang zum Detail und sind in ihrer Umsetzung teilweise schwer zu beschreiben. Es ist wie der Einschluß in eine Speisekammer: Da ist die Enge des Raumes aber auch das Wissen, genügend Lebensmittel zum Überleben für sich zu haben. Was für eine Analogie. Selbst die Rückseite des Buchcovers ist solch ein Beispiel. Für mich ist es die Stimmung, die die Zusammenstellung der Aufnahmen anläßlich der Ausstellung „Annelise Kretschmer – Entdeckungen. Fotografien 1922 – 1975“, besonders macht. Dummerweise kann ich mich nicht erinnern, in welchem Zusammenhang ich zu diesem Bildband gekommen bin. Das würde mich heute interessieren.
Annelise Kretschmer
Photographien
Herausgeber: Hannelore Fischer und Käthe Kollwitz Museum Köln
132 Seiten
Emons
2016
978-3-95451-933-0