Berlin-Friedrichsfelde. Ein deutscher Nationalfriedhof – Joachim Hoffmann

Eine gewisse Vorliebe für Friedhöfe sollte meinen fotografischen Arbeiten zu entnehmen sein. Vor ein paar Wochen sind die Perle und ich zufällig auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde gelandet. Eigentlich wollten wir entlang dem Grenzgraben Marzahn-Hohenschönhausen, vorbei am Südbecken zum Landschaftspark Herzberge. Zur linken Hand bot sich überraschend der Zugang in Höhe des Revolutionsdenkmals an.

Den Zentralfriedhof Friedrichsfelde kenne ich nur aus zwei Perspektiven: Die DDR-Oberen stiefelten medienwirksam Mitte Januar zu Karl, Rosa & Co. und die S-Bahn fährt zwischen Lichtenberg und Friedrichsfelde Ost am Haupteingang vorbei. Nun stehe ich mit der Perle an einem herrlichen Herbsttag im weiten Grün der Parklandschaft und habe keine Kamera dabei. Ich muss mindestens noch einmal wiederkommen.

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Live in Arles 1975 – Can

Wird heute Musikmaterial, das sich in einem Archiv langweilt, in Vinyl gepresst und audiophile Scheiße zu Geld gemacht? Nach der Pleite mit der Led Zeppelin 4 LP-Box „Live ’69 & ’73“ liegt die nächste Katastrophe auf dem Plattenteller. War die Led Zeppelin Live-Katastrophe ein legendäres Konzert, ist die Wortwahl diesmal „einzigartig“ und eine „gefeierte“ Live-Serie. Holla, die Waldfee, sie ruft: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Zugegeben, Can ist nicht vergleichbar mit feministischen Jammerarien von Ed Swift, keine emotionale Powerband wie Chapter 7 nebst Gesichtsbemalung, es geht mehr um improvisierte und vor allem handgemachte Rockmusik von vor 50 Jahre (das ist ein halbes Jahrhundert), in der noch fast alles erlaubt ist. Das ist jedoch kein Freibrief, den verzinkten Blecheimer herauszuholen, ein Mikrofon reinzuhängen und das Tonband mitlaufen zu lassen. Die Rille liefert ein dumpfes, von fast allen Höhen befreites Gedröhne, so als sei der teure Plattenspieler ein damals noch üblicher Mittelwellen-Empfänger.

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Pain Gain – Pain Gain

Ich wage ein Experiment: Das Erstlingswerk Pain Gain von Pain Gain klingt via Streaming hörbar, jedoch digital schlecht. In der Regel ist das identische Werk von Vinyl abgespielt, um Längen besser. Außerdem wollen die 8% Rabatt meines Musikexpress-Abo bei JPC genutzt werden. Hinzukommen zwei Aspekte: Laut Label, aufgeschnappt bei RollingStone-Online, handelt es sich bei Pain Gain um eine australische Supergroup. Der Musikexpress bringt in seiner Rezension Celine Dion ins Spiel. Letztgenanntes kann ich nicht bestätigen: Celine jammert und schreit und ich zitiere aus einer alten Tarzanverfilmung, als Tarzan im Radio eine Opernsängerin singen hört: Frau krank.

Wer den in meinen Ohren gelungensten Titel des Albums als Anspieltipp hören möchte, nimmt das letzte Lied Dead Dog Dream. Damit möchte ich nicht sagen, dass es mit den anderen Titel abwärts geht. Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, mit etwas mehr Talent und Risiko beim Abmischen, dazu etwas Konfetti und Glitzer ins Klangbild, hat die Scheibe Potential. Gut, es ist Dream Pop und wer möchte beim Träumen, Kuscheln und Knutschen durch Konfetti & Co. gestört werden. Und was mein Experiment betrifft: Von Vinyl genossen ist Pain Gain besser, wären da nicht die kleinen akustischen Ausreisser.

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Immediate Family – Sally Mann

„Immediate Family“ ist ein kontroverses Buch: Es zeigt im privaten Kreis die ständige Konfrontation mit den alltäglichen Geschehnissen des Lebens. Es verheimlicht oder beschönigt nichts, es versteckt nichts und es dichtet nichts hinzu. Mit einer gesunden Portion Neid bewundere ich Sally Mann’s Arbeit. Sie hat den wahren Wert der Kindheit und beginnenden Jugend erkannt und in einzigartigen Aufnahmen festgehalten. Wer bei diesen Bildern andere Gedanken entwickelt, sollte seine krankhafte Einstellung zum Menschen und zum Leben kritisch hinterfragen.

Was hat Sally Mann mit „Immediate Family“ genau getan? Was ruft selbsternannte Erretter und ihr Schandmaul auf den Plan? Sally Mann fotografiert im Zeitraum von 1984 bis 1991 ihre Kinder in unterschiedlichen Situationen ihres Familienalltags. Über alle gezeigten Aufnahmen hinweg gedacht, kommt in mir der Gedanken an eine Gartenidylle, Ferien und die beinahe grenzenlose Freiheit auf. Der Großteil der Aufnahmen zeigt die Kinder unbekleidet, was bei Erscheinen des Buches 1992 die Schutz- und Moralexperten auf den Plan gerufen hat. Das Kuriose an der Sache ist: Die Kinder waren an der Bildauswahl beteiligt, zeigten keine Bedenken hinsichtlich ihrer Nacktheit und sprachen sich gegen eine geplante spätere Veröffentlichung des Bildbandes aus.

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Die Leiden des jungen Baby Boomers

Früher konnte ich über den Weihnachtsmarkt gehen, einen Apfel oder eine Apfelsine mit meinem Taschenmesser schälen und essen. Die Post kam pünktlich und ich kannte den Postboten. Er brachte schon seid Ewigkeiten die Post, trug eine Uniform und war eine Respektsperson. Nach den Zügen der Deutschen Reichsbahn konnte ich allgemein die Uhr stellen. Ich bin ins Rathaus gegangen und im Eingang regelte ein Pförtner den Einlass und es gab keine Security mit Taschenkontrolle. Im Freibad hieß es Sommer, Sonnenschein, Spaß und das Menü a la Saison: Bockwurst, eine halbe Scheibe Brot und einen Klacks Senf. Schwule und Lesben waren das Normalste von der Welt und es hat auch niemand wirklich interessiert. Menschen, die sich für Hunde, Bäume oder Einhörner gehalten haben, wurden fürsorglich in der Geschlossenen behandelt. Die einzige Ausnahme für Verkleiden & Co. war der Fasching oder ein Kostümfest, bei dem jeder Indianer oder Cowboy sein wollte. Auf Arbeit gab es deutsche Kollegen und es wurde Deutsch gesprochen. Auf der Straße, in Läden und Restaurants wurde Deutsch gesprochen und alles war voll mit Menschen. Poller und Sperren gab es selten zu sehen, Taschenkontrollen gehörten nicht zum Alltag. Von Anschlägen, Messerangriffen und Gruppenvergewaltigungen wusste selbst die Gerüchteküche nicht zu berichten. Die Schulausbildung orientierte sich an den Naturwissenschaften, ich habe das Nähen, Sticken und Werkeln gelernt und ging als Unterrichtsfach in einer Firma arbeiten. Ob ich wollte oder nicht, ich mußte 18 Monate zum Wehrdienst, war in der Zeit mit Frau und Kind viel zu selten zu Hause, doch diese erlebte Erfahrung hat mein Weltbild bis heute positiv geprägt.

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