Ich bin erstaunt, wie naiv meine Gedanken sein können. Ein Beispiel: Allen Ernstes glaubte ich, dass es unter gläubigen Leidensgenossen keinen Verrat gibt. Das Lesen des Sachbuches „Stella Goldschlag: Eine wahre Geschichte“ von Peter Wyden belehrt mich eines Besseren. Das nächste Beispiel: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Juden jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager Vorhaltungen machen, ein Vernichtungslager überlebt zu haben. Das Essay „Die Untergegangenen und die Geretteten“ von Primo Levi eröffnet mir diese andere Perspektive. Ein Auslöser für diese Haltung könnte Stella Goldschlag gewesen sein.
In dem Gedankenchaos habe ich irgendwann die Überlegung zugelassen, dass Juden womöglich auch NSDAP gewählt haben. Anstoß war der Film „Endlich Tacheles“ von Jana Matthes und Andrea Schramm, in dem es um böse und gute SS-Offiziere in einem Computerspiel geht. Meine Gedankenfragmente möchte ich um Viktor Klemperer und seine „LTI“ ergänzen. Dieser Titel ist für mich persönlich sehr wichtig, um zu verstehen, wie eine Gesellschaft die Sprache für ihre Zwecke missbraucht.
Warum mein Radien ziehen im Geiste? Wir leben in einer Ära, in der kritische Rückschauen an der Tagesordnung sind und bis dato respektierte Existenzen auch mal rückwirkend ruiniert werden. Wir meinen heute vieles besser zu wissen und vergessen dabei, dass selbst eine ideologische Übermotivation Vergangenes nicht ungeschehen macht. Wie lange ist Stella Goldschlag Opfer und ab wann ist sie Täter? Heute wissen wir, dass das Tausendjährige Reich keine dreizehn Jahre besteht. Wie sieht die Situation aus Sicht derer aus, die diese Zeit durchleben und nicht einfach entfliehen können? Es ist heute leicht zu sagen: Man hätte erkennen müssen. Hätte man wirklich und vor allem aus der Perspektive des Opfers, das tagtäglich ums eigene Überleben kämpft?
Für mich steht außer Zweifel, dass die Deutschen in Nazideutschland wußten, was um sie herum geschieht. Solange sie selbst nicht betroffen sind und ihren Vorteil aus der Judenverfolgung ziehen können, akzeptieren sie die Vorgänge stillschweigend. Es stellt sich mir eine zentrale Frage: Ist das Schweigen der aktiven und passiven Täter verwerflich oder sind es die Opfer, die zu aktiven Tätern werden? Wie treffe ich in der Situation des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung eine Entscheidung, die heute – also damals – und zu jeder späteren Zeit ihren Bestand hat? Steht mir als Leser des Buches, in der dritten Generation danach, überhaupt ein Urteil zu? Dazu das Gedankenspiel. dass ich selbst in einem Land geboren bin, das für einige Zeitgenossen eine Diktatur war, was ich wiederum so nicht empfunden habe.
Stella Goldschlag ist ein Lebenslauf, eine Lebensgeschichte ihrer Zeit und ich möchte nicht mit ihr tauschen. Am Ende ihres Weges ist sie keine gefeierte Heldin und wird rechtlich dafür belangt. Sie kann ihre Eltern nicht vor der Vernichtung retten und versucht ab diesem Zeitpunkt, nur noch ihr eigenes Überleben zu sichern. Das Konvertieren zum Christentum und der späte Suizid sind in meinen Augen ihr Versuch, sich von ihrer Verantwortung zu befreien. Peter Wyden hat keine Klageschrift verfasst, noch ist „Stella Goldschlag“ eine Urteilsbegründung. Das macht das Buch für mich empfehlenswert. Es beschreibt und richtet nicht. Das würde ich mir in den vielen anderen Fällen der Vergangenheitsnachbesserung ebenso wünschen.
Stella Goldschlag: Eine wahre Geschichte
Peter Wyden
384 Seiten
Steidl
2019
978-3-95829-608-4