Mein Holocaust – Tova Reich

Ich beginne mit einem Zitat. Unter der Überschrift „Ganz schlimm“ steht geschrieben: „Darf man eine Satire über den Holocaust schreiben? Die Antwort lautet ‚Nein‘. Tova Reich versucht es trotzdem und scheitert.“ Ich erlaube mir ein paar formale Undinge an dem Zitat zu ändern. Der Deutsche tut sich, erwartungsgemäß, schwer mit seiner Vergangenheit. Die einen sehen darin einen Fliegenschiss, andere wiederum ein ewiges Makel, welches in der Zeitachse lieber in ein Nazideutschland verschoben wird. Angesichts der Übermacht einer politischen Korrektheit darf ich fragen, worüber noch gelacht werden darf? Deutsche Comedian sind mittlerweile nur noch lächerlich, das politische Kabarett im linken Morast versunken und menschliche Fehlbarkeiten völlig gleichgestellt. Es ist kein Wunder, auf der Straße nur noch wandelnde Miesmuscheln auf zwei Beinen zu begegnen.

Eine Jüdin beschließt, Christin zu werden und in ein Kloster zu gehen. Dieses Kloster steht unweit des Vernichtungslagers Auschwitz, einem wichtigen Standbein der jüdischen Erinnerungsindustrie in den USA. Zu allem Überfluss ist die Novizin die Enkelin des Direktors des prestigeträchtigen US-amerikanischen Holocaust Memorial Center. Es ist die klassische Story um das Schwarze Schaf einer Familie, die über Generationen alles daran setzt, das Gedenken an die Opfer der industriellen Vernichtung von Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit am Laufen zu halten. Dieser Kreis der Opfer erweitert sich im Laufe des Buches und nimmt kuriose Züge an, wenn Empfindungen und Wachstumsdenken statt Verstand und Vernunft überhand nehmen. Ich greife noch einmal auf ein Zitat zurück: „Das alles ist verquaster Nonsens und außerdem geschmacklos.“

„Mein Holocaust“ ist Satire und Satire ist eine Kunstform, Dinge durch Spott, Humor und Übertreibung zu kritisieren. Allein der Titel spielt auf jenes unlesbare Buch an, das man zur ganzheitlichen Besserung der Deutschen im Land der Täter Jahrzehnte unter Verschluss hält und noch heute lieber verbrannt als gedruckt sieht. Der Rest der Welt, völlig frei von Rassismus und Antisemitismus darf es hingegen ungestört lesen. „Mein Holocaust“ zielt aber nicht auf dieses deutsche Problem nebst Vergangenheitsbewältigung ab. In den USA gibt es, so sagt es Google und seine KI, mindestens 20 bis an die 45 eigenständige Museen und Bildungszentren zum Holocaust. Diese Einrichtungen entstanden auf Initiative von Jimmy Carter, der von 1977 bis 1981 Präsident der USA war. Dieses explizite Beleuchten und Gedenken an die Verbrechen während der Hitler-Diktatur sorgte damals für Kontroversen, unter anderem auch zum Gedenken an andere ethnische Gruppen, die Opfer eines Genozid wurden. Randnotiz: In Deutschland liegt die Zahl der Museen, Bildungszentren und Gedenkstätten zurecht um den Faktor 10 höher als in den USA.

Es ist ein Leichtes, die Vergangenheit aus der Gegenwart zu betrachten und darüber zu richten. Es grenzt an Dummheit, eine Satire aus einer Perspektive zu betrachten und darüber zu richten, für die sie gar nicht geschrieben ist. Das Dumme ist: Viele Ideen und Visionen aus den USA werden in der ganzen Welt aufgesogen und als Heilsbringer hirnlos übernommen, ohne die ursächlichen Randbedingungen in den USA zu berücksichtigen. Vieles relativiert sich, würden die Universalgelehrten und Weltverbesserer hinter den Bildschirmen ihren Horizont vor dem Verbreiten von Parolen und Phrasen erweitern. Eine mahnende Erinnerungskultur an den Holocaust und andere Verbrechen an der Menschheit ist wichtig und notwendig. Darüber sind nach meinem Dafürhalten keine Scherze erlaubt. Auswüchse, wie sie in den USA mit der Welle der errichteten Holocaust-Museen aufkamen und von Tova Reich in ihrem Buch „Mein Holocaust“ wunderbar karikiert werden, das muss selbst der sensibelste Mahner aushalten können. „Mein Holocaust“ ist ein zu Unrecht gescholtenes Buch, wohl weil der Kern der Kritik nicht verstanden wird. Die Thematik der übertriebenen Anteilnahme ist heute genauso präsent wie damals, hat das private Umfeld ergriffen und verfehlt in der Übertreibung das einst gutgemeinte Ziel.

Mein Holocaust
Tova Reich
336 Seiten
Deutsche Verlags-Anstalt
2008
978-3-421-04369-6

Autor: Der Herr Makkerrony

Der "Herr Makkerrony", das ist Ronald Puhle aus Berlin und der Macher des weltbekannten und einzigartigen Magazins "Der Lichtbildprophet". Heute führt der ehemalige Laboringenieur das hektische Leben eines Rentners, das er persönlich sein "Phase3" nennt. Seit einem Vierteljahrhundert praktiziert der Herr Makkerrony die Fotografie und war ca. 15 Jahre als freier Autor für verschiedene Fotofachzeitschriften (z.B. fotoMagazin, Dipitalphoto, FotoPraxis und PhotoKlassik) tätig. Seine Arbeiten bestechen durch die bodenständige Aufnahmetechnik (LoFi - Fotografie), den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere und der Anwendung des Lith Print-Verfahren. Nebenbei lenkt sich Makkerrony mit freier, abstrakter Malerei ab, liest gerne und ist ein begeisterter Hörer analoger Musik von der Schallplatte. In seinem Atelier Flackerlight ist jedes Modell willkommen, das sich von ihm auf besondere Weise fotografieren lassen möchte.

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