Lese ich Rezensionen, zum Beispiel über Musik, und höre mir dazu das bejubelte Werk in Apple Musik an, klafft da eine gewaltige Lücke zwischen Realität und Dichtung. Gut, Geschmäcker sind verschieden. Aber mal ehrlich: Singsang auf politische Korrektheit getrimmt, queeres Rumschwulen befohlen und hirnloses Eindreschen auf nichtlinke Lebensmodelle, machen manch Veröffentlichung wirklich nicht besser. Der Computer, mein bester Produzent, dazu eine depressiv dreinschauende Zuckerpuppe, die 30 mal Fotze oder Bitch pro Titel quiekt, das ist Lärmverschmutzung und Ressourcenverbrennung. In diesem melacholisch-emotionalen Absacker paßt es wie die Faust aufs Auge, „Lieblingsfarben und Tiere“ von Element of Crime abzuspielen und dreimal pro Biertulpe rauszuhauen, dass früher alles besser war.
Letztgemachte ist genauso unwahr wie die Aussage, die heutigen jungen Künstler können richtig toll Musik machen und bräuchten keine KI und elektronische Softwareinstumente. Nette Anekdote: Musikexpress kürt die 500 (!) besten Alben aller Zeiten und unter den auserkorenen Meisterwerken ist kaum etwas Neuzeitliches zu finden. Zu den ‚Besten‘ werden Alben gezählt, die um meine Geburt und Kindheit herum entstanden sind und die sogar in meiner Vinylothek zu finden sind. So weit kann mein Verständnis von guter bis herausragender Musik vom berufenen Munde einer straff gendernden Musikzeitschrift nicht sein.
„Lieblingsfarbe und Tiere“ entführt mich gedanklich in eine laue Sommernacht, ohne Großstadtlärm, dafür viel Sinnieren über Gott und die Welt, ohne den Herrn selbst persönlich anzusprechen. Warum auch immer muss ich beim Lauschen an die Einstürzenden Neubauten der Neuzeit denken. Eine Parallelwelt, derselbe Tiefgang und doch auf einer anderen Ebene. Es liegt wohl am Spiel mit den Worten und gelegentlicher Doppeldeutigkeit. Irgendwie ist diese Gabe der geschundenen Generation Zombie abhanden gemacht. Hier wird lieber sinnentstellter Phrasenpamps produziert und auf Antidepressiva ins kleine Plüsch-Mikrofon gebrüllt.
Befrage ich das Internet nach Element of Crime, haut mir beinahe jeder Musikinfluencer die Story um die Ohren, dass die Band für ihre Singles keine Top Chartplatzierung erzielen konnten, jedoch die letzten Alben durch die Decke gingen. Es macht mir keinen Spaß mehr, dass Internet nach irgendetwas zu befragen. Ich kann KI nicht sagen, dass sie lügt und darf denen, die voneinander einfach nur abpinseln, nicht die Ohren lang ziehen. Also die nächste Schwarze Scheibe von Element of Crime aufgelegt, die Abendsonne angepeilt und ein gut gekühltes Kraftmalz vernascht. Ich darf nicht vergessen, zwischendrin festzustellen, dass früher alles besser war. Oder eben auch nicht. Nur gab es das Internet noch nicht und die Bequemlichkeit war noch nicht so ausgeprägt.