Es befinden sich einige Bildbände von Karsten Thomas in meiner kleinen Bibliothek. Das liegt nicht daran, dass ich ein großer Fan des deutschen Fotografen bin. Eher ist es der Tatsache geschuldet, dass der Konkursbuchverlag hin und wieder Bücher im Konvolut abgibt. Genau hier habe ich zugeschlagen und bin so an eine Reihe Bildbände von Karsten Thomas gekommen. Es lässt sich für den Leser daran ablesen, dass weitere Bildbände von Karsten Thomas im Magazin Lichtbildprophet besprochen werden.
Ich möchte mit „Lust an sich“ beginnen, einem der ersten Bildbände, die von Karsten Thomas erschienen sind. Ohne wirklich alle seine Bildbände zu kennen, halte ich den Bildband für die vielfältigste Arbeit, die er veröffentlicht hat. Ich meine mit Vielfalt die Ausarbeitung auf unterschiedlichen fotografischen Medien, der aus meiner Sicht der Hauptwesenszug eines Bildes ist. Doch der Hauptgrund, mit „Lust an sich“ zu beginnen, ist die Formulierung im Klappentext, dass die Frau bei Karsten Thomas kein Objekt und Opfer ist.
Der Bildband erschien 1995. Ich frage mich, warum im Zusammenhang mit Aktfotografie eine Rechtfertigung nahezu zwang- bis krampfhaft folgt, die den abgebildeten Menschen am ganzen Körper barfuß zeigt. Nackt, wie er geboren wurde und was das Leben aus diesem Körper im Laufe der Zeit macht. Was ist daran falsch? Ich könnte über Sichtweise hinwegsehen, wenn nicht eine Generation später das „Objekt Frau“ derart ideologisch verbrannt ist, weil sich gute Menschen über natürliche Gegebenheiten stellen und eine bessere Welt denken wollen. Es ist also eher ein innerer Aufschrei, weshalb „Lust an sich“ der erste hier vorgestellte Karsten Thomas Bildband ist.
Ich habe bereits die Vielseitigkeit der Ausarbeitungen hervorgehoben. Das sagt mir zu. Wo ich schon einmal bei den Textbeiträgen in diesem Bildband bin: Eine Fotoreihe muss in keine Richtung spektakulär sein. Es ist der visuelle Rote Faden, der von der ersten bis zur letzten Seite ausgelegt sein will. Hier und da eine kleine erotische Provokation, wer Lust mit Trieb interpretiert, ist mit diesem Bildband falsch beraten. Im Vergleich zu späteren Bildbänden Karsten Thomas, ist „Lust an sich“ angenehm zurückhaltend, eher scheu angelegt. Ich mag mich wiederholen, es ist die Liebe zur Vielfalt und nicht die Perfektion, die das Handwerk eines Meisters ausmacht.
Lust an sich
Karsten Thomas
152 Seiten
Konkursbuchverlag
1995
3-88769-092-3