Nahezu quadratisch, dem Format, welchen eine ausgleichend-beruhigende Wirkung nachgesagt wird, kommt der handliche Bildband in seinen etwa 15 mal 16 Zentimeter daher. Außer ‚Nan Goldin‘ gibt es auf dem Cover wenig andere Hinweise und Unterstützung für den Interessenten. Der Verlagsname übertrumpft in größeren Buchstaben den Buchtitel selbst. Es liegen Gegensätze und Provokation in der Luft, auch wenn die Aufnahmen auf Vorder- und Rückseite des Buchcovers anderes vermuten lassen. Erst das Internet liefert nach und kann entwirren. Wenn jeder Mensch sich in seiner Blase als Nabel der Welt sehen darf, ist nicht jedem anderen Menschen geläufig, wessen Arbeiten er gerade sieht.
Gebetsmühlenartig lese ich von roher Intimität, Verwundbarkeit, Drogenkonsum und zärtliche Gewalt, gefolgt von AIDS, LGBTQ und die Wunderkraft der heiligen weichen Wissenschaft Soziologie. Salopp formuliert reden wir vom Singen und Klatschen, wo alles kann, aber nichts muss. Beginnend 1973, Nan Goldin ist 20 Jahre alt, folgen auf 128 Seiten Text und Fotografien über 27 Lebensjahre der US-amerikanischen Fotografin Nan(cy) Goldin. Abgesehen von meinen Eindrücken beim Betrachten der Bilder, schaue ich, was andere Quellen über Goldin und ihre Arbeiten schreiben. Ich lese Aktivistin, Machtverhältnisse in Beziehungen, patriarchale Gesellschaft, Dominanz, Unterwerfung bis hin zur Radikalität. Es reicht. Das ist mir zu viel Ideologie und unterschwellige Gewalt.
In meiner digitalen Zeit habe ich ein paar Langzeitbeobachtungen mit der Kamera aufgenommen: Malzirkel von Olaf Nehmzow, die Berliner Band K(l)eingeld oder die langjährige Zusammenarbeit mit Modellen. Immer steckte ich in dem jeweiligen Biotop mitten drin, war ein Teil davon. So ist es kein Wunder, dass ich Ereignisse der positiven als auch negativen Art parallel zu meinen Aufnahmen als Erfahrung mitgenommen habe. Dazu gehören, dass sich die Fotografierten in einer Form wiedergegeben sahen, die sie von sich nicht kannten. Oder ich den langsamen Zerfall einer Gemeinschaft zusehen musste. Und so weiter und sofort. Darauf gründend einen Helden aus mir zu machen, der die sich abspielenden kleinen und großen Katastrophen und Dramen schonungslos festhält, ist pure Übertreibung und zu viel des Guten.
Nan Goldin war mit ihrer Kamera mittendrin und hat, im positiven Sinn, im Stil des Schnappschusses Momente festgehalten. Ohne eine Verbindung zu den gesellschaftskritischen Bezügen, einem in ihrer Empathie begründeten Gespür für Ungerechtigkeiten, wäre sie nicht zum Sprachrohr ausgegrenzter und benachteiligter Menschen geworden, egal wo die Ursache darin liegt. Daraus verbal eine übermenschliche Heldenverehrung zu zimmern, geht zu weit. Die Realität schonungslos aufzuzeigen, ist das eine. Im richtigen Moment zu schweigen, die andere, wohl schwierigere Aufgabe.
Nan Goldin (55s)
Nan Goldin und Guido Costa
128 Seiten
Phaidon
2010
978-0-7148-5945-3