Mich über die schnelllebige Zeit auszulassen, ist genauso dumm wie über Schönheit zu fabulieren. Es geht letztlich um Empfindung und Wahrnehmung, was schlußendlich in Gefühlen endet. Schwups befinde ich mich in einer Dauerschleife und stehe der Welt aller Gutmenschen in nichts nach: Gefühle. Ich fühle mich gemobbt, ich fühle mich depressiv, ich fühle mich ungeliebt, ich fühle mich ausgegrenzt, ich fühle mich verfolgt, ich fühle mich gehasst, ich fühle mich krank, ich fühle mich identitätslos und ich fühle mich wie ein Gummibärchen. In Sachen Gefühlen sind wir Weltmeister. Wenn wir wollen und Weltmeisterschaften anstehen, dann holen wir die großen Gefühle heraus und machen mit unserer Emotionskeule alles platt. Das klingt gefühlt ziemlich aggressiv, ist von mir aber so nicht gemeint. Der richtigen Gefühle wegen, überdehne ich ein wenig den verbalen Bogen. Das sei mir, Mister Empathie persönlich, erlaubt.
Ich bin ein Naturmensch. Der Mensch, also auch ich, ist Teil der Natur. Ich lebe in der Natur, auch wenn ein Großteil meiner Umgebung eher menschgemachter Beton ist. Emotionen, für mich ein anderes Wort für Gefühle, sind Teil der Natur, Teil einer Form der Kommunikation mit meinem Umfeld, sie sind aber nicht das bestimmende Element der Natur. Blicke ich auf den Menschen von heute, der seinen Fokus auf Empfindungen, Wahrnehmungen und vor allem auf sein persönliches Wohlergehen legt, dann sind Gefühle heute total emotional und damit die Krönung der Übermenschwerdung. Das ist natürlich großer Unsinn und bringt den Menschen keinen Schritt weiter. Doch die Realität ist so grausam, dass nur überufernde Gefühle der Rettungsanker des Lebens sind.
Es wurde gewählt und dummerweise nicht so, wie es die politische Mitte gerne gewollt hätte. Da sind die Bösen rechts und, plötzlich ist eine Teilerblindung geheilt, das sind die Bösen links. Die Gefühle eskalieren und es wird ladungsweise mit Angst- und Schreckensszenarien argumentiert. Irgendwann muss doch eine unentschlossene Weichbirne auf die leidenden Gefühle der Anderen eingehen und sei es nur aus Mitleid. Geschichte wird nach Belieben geglättet oder zerknittert, Gefahren erkannt oder verleugnet und wenn alles nichts hilft, hilft die maßlose Übertreibung. So sind Radikale eben unterschiedlich radikal, ganz individuell abgestimmt auf die Bedürfnisse des politischen Gefühlsgegners. Den Opfern der Radikalität ist es eben nicht egal, wer hetzt, verfolgt, mobbt und Trauma verursacht.
Beginnen wir das Rennen zwischen dem Angsthasen und dem wehrhaften Igel. Niemand hat die Absicht, dem jeweils Anderen etwas anzutun und doch bemühen wir uns langgedienter Gefühle. Sie sind die Pflöcke der Polemik, die Heringe der Parolen und Phrasen, der Sand in den ideologisch überreizten Augen. Alte Weisheiten, egal ob bestätigt oder nur dahingesagt, sind heute Narrative und sie haben das verbriefte Recht benutzt zu werden. Um der bewährten Masche bedingungslos folgen zu können, ist der Verstand an der Garderobe abzugeben. Ein Schlagwort muss genügen, dem gefühlsfehlgeleiteten Gegenüber einen geistigen Tunnel ins Gesicht zu schlagen. Die Chance auf Widerworte muss genommen, jedweder Widerstand gebrochen werden.
Ich bin dem Gefühlsstress überdrüssig und fühle mich emotional müde. Lange ist es her, doch ich hatte wirklich mal geglaubt, dass menschliche Willenskraft Berge versetzen kann. Mein Fehler war, ich habe die Bequemlichkeit und die damit einhergehende Dummheit des Menschen völlig unterschätzt. Kein Argument ist zu blöd, um nicht doch als große Erkenntnis bemüht und verbreitet zu werden. Lieber schweigen, kein Risiko eingehen, Entscheidungen verweigern und am Ende öffentlich auf gesichert unverstanden und rebellisch machen. Gott sei es gedankt, dass ich in einer Zeit lebe, in der es mehr Wahrheiten und Fakten als Menschen auf Erden gibt, die alle über der Natur stehen. Nicht der Realitätsbezug und die Machbarkeit entscheiden, es sind der Jubelfaktor und der Angstkoeffizient, der meine gefühlsechte Eskalation zum Siedepunkt treibt. Fühlt euch verfolgt, depressiv, gejagt, gehasst, gemobbt, ausgegrenzt oder gefickt, es geht für mich wirklich in Ordnung. Seid Angsthase und wehrhafter Igel. Jeder von euch ist ein Gewinner, weshalb ich so stolz auf euch bin.