Wechselbad der Gefühle

‚Gandalf‘ lädt zu sich ein. Also nicht persönlich. Darum muss ich mich selbst kümmern. Er macht Vorschläge, wann wir uns zur nächsten Kontrolle treffen und ich mach dann den Termin.

Im September 2018 haben wir uns auf Anfang 2019 geeinigt. Nun hat es doch bis Ende Februar gedauert. Es kostet mich Überwindung einen Termin bei meinen Onkologen zu machen. Anfänglich war es der Geruch in der Praxis, der Übelkeit in mir hervorgerufen hat. Das hat sich mittlerweile gelegt. Selbst vom gelegentlichen Duft des Burger-Bräters, der eine Etage tiefer seinem Geschäft nachgeht, wird mir nicht mehr schlecht. Nein, es ist diese Ungewissheit in der Woche nach dem Besuch bei ‚Gandalf, dem Weißen‘: Kommt ein Anruf und ich muss noch einmal hin, weil sich ein Wert verschlechert hat? ‚Sauron‘ gar zurück gekehrt ist? Auch wenn ich versuche diesen Seelendruck gelassen zu nehmen, mein Unterbewußtsein lässt sich nicht täuschen. Er, der Druck, ist latent da.

Bis jetzt zeigte ‚Gandalf“s Daumen immer klar nach oben. Selbst der kritische Nierenwert bessert sich allmählich, auch wenn er noch nicht im Optimum ist. Juhu, könnte man meinen. Aber kommen die gelegentlichen Schmerzen in der Lendengegend vom Rücken oder sind es die Nieren? Mein Schmerzempfinden hat sich zu sehr verändert, so dass ich alte Erinnerungen an Vor-Chemo-Zeiten nicht verwenden kann. Ich muss neue Bewertungsmaßstäbe finden und ansetzen. ‚Gandalf‘ wird mich fragen wie es mir geht. Die eine oder andere Schwester auch. Mein Lieblingsspruch: ‚Wie sie sehen, ich bin noch da!‘.

Was soll ich auch sagen? Der Hals und die Achsel- und Leistengegend sind meine best überwachten Körperregionen. Ein Deal mit ‚Gandalf‘ sieht vor, dass ich mich bei verdächtigen ‚Dicken Dingern‘ sofort bei ihm melde. Dann müsste ich mich auch einem PET/CT unterziehen, wogegen ich mich unter den aktuellen Bedingungen verweigere. 2016 gab es genug Strahlendosen für mich, wurde genug Chemie in mich rein gekippt, alles mit dem hehren Ziel, dass ich weitermachen darf. Der Preis ist hoch, nennt sich ‚Lebensqualität‘ und ist heute ein einsames Leben in mich drin.

Wenn es ein Problem gibt, dann wäre es die Fatique. Noch empfinde ich so etwas wie ein Pflichtbewußtsein. Es treibt mich jeden Morgen aus dem Bett, hämmert lautstark in mir ‚Du kannst nicht den ganzen Tag in der Kiste liegen bleiben‘. Ich bin froh zu einer Zeit erzogen worden zu sein, in der dem Menschen auch Pflichten beigebracht wurden und nicht nur auf das Recht des Einzelnen ohne jedwedes Pflichtgefühl Wert gelegt wird. Das Nerven des Zoster ‚Saruman‘ ertrage ich gelassen, der Beipackzettel des Medikaments um die Schmerzen zu lindern war abschreckend genug.

Das Wartezimmer ist leer. ‚Kommen sie rein‘ im Vorbeigehen rufend nimmt mich ‚Gandalf‘ mit in sein Sprechzimmer. Er springt vom Sie ins Du, wieder zurück, dass irritiert mich. Von Anfang an. Damals war ich mit meiner Tochter bei ihm, die er für mein junge Frau oder Geliebte hielt. Nein, meine midlife crisis ist entweder ausgefallen oder steht mir noch bevor. Wie gehabt die Frage nach den B-Symptomen: Gewichtsverlust und Nachtschweiß. Nein, habe ich nicht. Schmerzende Lymphknoten nach Alkoholgenuß – mangels Alkoholgenuß kann ich dazu nichts sagen. PET/CT. Ich erinnere ihn an unseren Deal: ‚Will ich nicht, zumindest jetzt nicht‘.

‚Gandalf‘ weiß um mein Hobby der Fotografie. Wir kommen auf das Thema und er beschreibt mir eines meiner Bilder, dass ihm gefällt. Es ist ausgerechnet jenes, welches Claire von Frameworks Berlin absichtlich schief gerahmt hat und was sofort verkauft wurde. Ich erzähle ihm die Geschichte. Glücklicherweise habe ich es noch einmal abgezogen, so dass eine zweite Version noch da ist. Ich möchte sie ihm gerne geben. Ich gebe gerne meine Kunst, vor allem wenn sie so wie sie ist angenommen wird. Und so rückt das Negative um mein Hodgkin ‚Sauron‘ Lymphom Dank der Kunst in den Hintergrund. Schöne heile Welt, wäre da nicht das Warten, ob die Praxis in den nächsten Tagen anruft oder nicht.

In den letzten Wochen gab es mehrfach positive Äußerungen zu meinen Lichtbild-Arbeiten. Ende 2018 sollte ich mich – nach dem Feedback eines feigen Spinners – noch quasi umbringen, weil ich und meine Bildwerke kaum zu ertragen sind. Im Heute melden sich Leute mit unterschiedlicher Motivation bei mir, weil sie das Andere in den Bildern schätzen. Wenn dann auch noch ein Modell dabei ist, was sich auch noch ablichten lässt, dann bin ich froh und zufrieden, dass es für mich in dieser Lebensqualität so weitergeht.

Dessen darf ich mir jedoch nicht sicher sein. Wenn diese ‚Dicken Dinger‘ wieder auftauchen, dann wachsen sie schnell und greifen genauso zügig um sich. Ich muss auf der Hut sein, auch wenn mein neuer Hausarzt der Meinung ist, dass eine Überweisung zum Onkologen das Prädikat ‚auf Wunsch des Patienten’* verdient hat. Ich bräuchte seinen Überweisungsschein nicht, dennoch fühle ich mich wie ein Lügner, der den Krebs nur zum Erhaschen von Aufmerksamkeit erfindet. Soviel Arroganz und Überheblichkeit darf ich nicht ignorieren, nur sind die Hausärzte in Marzahnium dünn gesät.

Ich bekomme den Tipp mit einer Selbsthilfe, Leben nach dem Krebs & Co.. Genau das will ich nicht. Ich möchte nicht über die Leiden nachdenken. Weder über die eigenen, noch über die der anderen. Ich werde jeden Tag mit dem Thema konfrontiert. Jeden Tag sticht es irgendwo, pfeift der Tinnitus, jeden Tag meldet sich der Zoster, jeden Tag möchte ich nicht freiwillig aufstehen. Den Tipp aktiv Sport zu betreiben find‘ ich lustig, vor allem wenn die Gelenke schmerzen. Mir ist es ein Bedürfnis in meiner Röhre lebend über meine Bilder mit der Aussenwelt zu kommunizieren. Anders hört mir niemand zu, redet mir keiner dazwischen. Und so, wie es so ist, ist es gut für mich. Allein. Ich bin zufrieden, wirklich.

* Übersetzt: Es besteht aus medizinischer Sicht kein Grund für die Überweisung

Autor: Lichtbildprophet

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.