Mein erster Gedanke: Mit Miroslav Tichy und Jan Saudek kenne ich zwei ehemalige ČSSR-ler, die die Fotografie auf ihre ganz einzigartige Weise kreativ beeinflußt haben. Der zweite Gedanke: Jan Saudek inszeniert im Stil eines schrill-bunten Wanderzirkus, dessen Ruhm immer zwei Städte im Voraus gastiert. Der dritte Gedanke geht an eine eigene Arbeit: Nicht wenige Menschen betrachten Modelle, die sich als Akt fotografieren lassen, als eine Art Freiwild. Männer wie Frauen vergreifen sich als Aussenstehende in ihrem Urteil oder reißen an sich, was sie glauben an sich nehmen zu können.
Besagte Arbeit (Foto 1 und Foto 2) hat damals wenig Begeisterung beim Modell hervorgerufen. Dabei ist der Fotograf, der mit seiner Kamera ihren Intimbereich sehr aufdringlich abfotografiert, ihr späterer Ehemann. Ich weiß nicht mehr, was genau sie ‚gestört‘ hat: Moralische Bedenken, Unbehagen der Situation wegen oder ein versteckter Überdruss, der jede Freude an Sexualität und Intimität platt macht. Vielleicht war es auch die gruselige Atmosphäre der einen Langzeitbelichtung. Ich selbst zähle die beiden Aufnahmen zu meinen stärkeren Digitalfotografien.
Als unbunte Aufnahme, also ohne die farblich gesetzten Akzente betrachtet, mögen Saudek’s Arbeiten nahe an der Pornografie liegen. Das Kolorieren der Aufnahmen hat hingegen wieder etwas von dem Versuch, mit Hilfe einer gesunden Portion Kitsch Wohlwollen bei den moralisch sattelfesten Kritikern zu erzwingen. Kitsch erklärt alles zur Banalität und zur Karikatur seiner selbst. Pornographie als Karikatur?! Da Body Positivity heute ganz wichtig ist und das Zerrbild der stets und ständig unterdrückten Frau mehr denn je der Vergangenheit anzugehören hat, ist auch in Saudek’s Arbeiten mit einem bunten Überzug als moralisches Gleitmittel alles wieder gut? Schließlich lässt sich der Vorwurf Pornografie genauso schnell aus- und absprechen, wie konservatives Gedankengut nazistisch oder zumindest rechts zu verorten ist.
Der Bildband ‚Jan Saudek‘ von Taschen ist eine erfreuliche Abwechslung im Dschungel der erotischen Fotografie, wo es mir schwer fällt, hier den Gedanken Erotik zu denken. Der Bildband ist vielleicht mehr Satire und Ironie als Erotik, auf alle Fälle zeigt er eine Inszenierung des Wesens Menschen, der sich zum König und Zerstörer eines Planeten mit dem Namen Erde aufgeschwungen hat. Dieses Wesen steht über den Dingen und symbolisiert in seiner ganzen Gestik für den perfekten Zerfall. Es spielt keine Rolle, dass Jan Saudek laut Begleittext seine eigenen Dramen und keinen übermenschlichen Weltschmerz inszeniert. Letztgenannter sähe wohl auch nicht viel anders aus. Er ist eben, wie er ist.
Jan Saudek
199 Seiten
Taschen
1998
3-8228-7429-9