Wo fange ich bei diesem Bildband an? Er kam noch vor der Jahrtausendwende heraus, da war für mich die Welt schon nicht mehr so ganz in Ordnung. Mein Musikgeschmack hat sich von den Hitlisten entfernt und neben dem Familienleben stecke ich im Fernstudium fest. Eine Kollegin gibt den Rat, mir für die Zeit nach dem Studium ein Hobby zu suchen, denn ich wüßte sonst nichts mit meiner wiedergewonnenen Freizeit anzufangen. Ich beherzige den Ratschlag und keine zwei Jahre später beginne ich mit einer nebenberuflichen Karriere als Freier Autor beim fotoMAGAZIN. Weitere Verlage und Fotofachzeitschriften und vier Bücher folgen. Die Mini-Karriere endet 15 Jahre später: Nach der Chemotherapie bin ich nicht mehr in der Lage, so flüssig und konzentriert zu schreiben wie vorher. Außerdem, wer will 2015 noch gedruckte Zeitschriften oder Bücher kaufen, wo es im Internet doch alles kostenlos und rund um die Uhr gibt.
Im Rahmen der Leseecke habe ich bereits darüber philosophiert, dass zu meinen fotografischen Idolen der Anfangszeit Helmut Newton und Leni Riefenstahl zählen. Später, am Ende meiner digitalen Phase, ist es Miroslav Tichy und er ist es bis heute geblieben. Nehme ich jedoch Helmut Newton als perspektivische Basis, dann sei mir der Gedanke erlaubt, dass Ellen von Unwerth die kleine Schwester des großen Helmut ist. Beim Durchblättern von „Couples“ sehe ich gedachte Linien als Parallelen zwischen den beiden. Ellen möchte etwas mehr provozieren, etwas mehr wagen, den Tick lauter und schriller sein. Als kleine Schwester, das Nesthäkchen einer fotografischen Ära, darf und muss sie so sein. Alles wirkt auf mich lockerer, nahezu spielerisch und das gefällt mir.
Dann passiert etwas: Ich befrage Google nach Ellen von Unwerth, „Couples“ und Google’s KI mischt sich ein. Sie redet davon, dass der Bildband „Couples“ die Erotik, Zweisamkeit und Intimität feiert. Habe ich schon verraten, dass ich bei der Wortwahl, etwas Beliebiges ‚zu feiern‘ innerlich eskaliere? Dasselbe gilt für ‚Party machen‘. ‚Feiern‘ und ‚Party machen‘ gehören zum Wortschatz derer, die zum Lachen in den Keller gehen und selbst beim Resteficken übrig bleiben. „Couples“ ist kein Gelage dieser Art. Der unbemerkte Beobachter mit der Kamera ist harte Arbeite. Insbesondere dann, wenn das Ergebnis nicht gekünstelt oder gestellt wirken soll. Und dann das Buch selbst: Allein die Größe (etwa A5) und die über 300 Seiten des Bildbandes beschäftigen den Betrachter gutgehend. Hier und da ist es eine Herausforderung, eine Fotografie in Gänze zu erfassen, weil die Bindung sich beharrlich auf natürliche Weise wehrt.
Und noch etwas lässt meine Augenbraue nach oben gehen: Im Vorwort von Ingrid Sischy taucht das Wortpaar ‚politisch korrekt‘ auf. Fast 25 Jahre später ist die Phrase beinahe zum Schimpfwort verkommen, hier benutzt im Zusammenhang mit der Arbeitsweise von Ellen von Unwerth, die eben nicht auf politische Korrektheit abzielt, sondern der Vision der Fotografin treu bleibt. Der Mensch zeigt und gibt sich so, wie er ist und lebt, egal ob es gefällt oder nicht. So wirken die gezeigten Aufnahmen unterschiedlicher Paarkombination oft ausgelassen und frei vom Zwang der Inszenierung. Bedingt durch die Motive und Farbaufnahmen assoziiere ich die Bilder mit Lärm und persönlichem Unbehagen. Die letzte Aufnahme des Bildbandes bringt mich wieder runter: Schwarzweiß, eine kleine Menschenhand hält den Finger einer Frau. Mutter und Tochter. Für mich eine sehr politisch korrekte Aussage!
Couples
Ellen von Unwerth
320 Seiten
Schirmer/Moser
1998
9-783829-605083