Das erotische Lichtbild

Von welch noblen Geist ist Mensch getragen, wenn er sich in die Untiefen des sittlichen Zerfalls begibt und der restlichen Menschheit wissenschaftlich glaubhaft macht, was gut und was böse für seine schwache Seele ist. Eine kleine Anzahl Menschen nimmt Höllenqualen auf sich und errettet die restliche Welt. Nein, es geht nicht um Jesus oder Donald Trump. Über diese beiden Seelenretter stehen andere, viel unscheinbarere und mittlerweile verstorbene Zeitgenossen. Es sind die Herausgeber des Ergänzungsbandes „Die Erotik in der Photographie – Die sexualbezügliche Bedeutung der intimen Photographie und die Beziehungen des erotischen Lichtbildes zur Psychopathie Sexualis“. Was für ein Deutsch.

Was macht den Unterschied zwischen guter und böser Nacktfotografie? Keine Ahnung? Zu allererst natürlich fortschrittlichste Technik und dann deren perfekte Beherrschung. Mag der Fotograf sein Modell, welches aus dem näheren Umfeld stammt, er mit seinen Augen ausziehen, die gute Erotikfotografie nimmt sich in dem intimen Punkt absolut zurück und bewahrt Contenance. Deshalb wird in dem vorgestellten Buch über jedes gezeigte Bildwerk ein fachmännisches Urteil gefällt, was für den Menschen gut und was ganz schlecht ist. Zur letzten Kategorie gehören, so mein persönlicher Eindruck, ausnahmslos französische Schmuddelbildchen für den internationalen Verkauf.

Sarkasmusmodus aus.

Was macht diesen Bildband für mich erwähnenswert? Zu allererst ist es die aktive Einflussnahme auf die Meinungsbildung des Lesers. Ich mag an dieser Stelle nicht Betrachter sagen, denn es handelt sich nicht um einen erotischen Bildband. Es geht um Wissenschaft, so jedenfalls das Ansinnen in der Vorbemerkung. Die Gangart erinnert mich an die politische Korrektheit und ihre Stilblüten in der heutigen Zeit. Auf der anderen Seite zeigt der Bildband keine Zurückhaltung, was die Spielweisen der Erotik angeht. Sicherlich ist das Wie nicht derart brutal und entwürdigend inszeniert wie es heute der Fall ist, doch schon damals wußte offensichtlich Mensch, was für seine Fantasie gut ist. Dennoch darf der Käufer nicht zu viel erwarten. Es gibt weit bessere erotische Vintage-Bildbände.

In der Tat wirkt „Das erotische Lichtbild“ etwas prüde, wohl gemerkt wissenschaftlich prüde. Es folgt keinem roten Faden, außer dem der Abarbeitung verschiedener Betätigungsfelder der Intimität und ihrer bildhaften Umsetzung als Photographie. Mich beschleicht das Gefühl, dass neben aller gebotener Distanz des herausgebenden Kollegiums, nicht doch die eine oder andere Vorliebe in der Bildauswahl eine Rolle gespielt hat. Das macht das Buch schon einzigartig, gefolgt von den Ausführungen in der Vorbemerkung und den Bildkritiken. Es ist amüsant, was der damals fortschrittliche Mensch vor gut 100 Jahren gedacht hat. Gern sehe ich seine Reaktion, wenn er sähe, was heute die Menschen in Sachen Sexualität und Intimität bewegt.

Das erotische Lichtbild
Herausgeber: Erich Wulffen, Erich Stenger, Otto Goldmann, Paul Englisch und R. Brettschneider
128 Seiten
Edition Winkler-Hermaden
2016
978-3-9504199-1-7

Autor: Der Herr Makkerrony

Makkerrony ist ein begnadeter Photoalchemist aus Berlin und der Macher des Magazins "Der Lichtbildprophet", dem weltbekannten und einzigartigen Blog für experimentelle Lichtbildkunst (auch Fotografie genannt). Er gilt als der Begründer des Fotografischen Depressionismus und Erfinder der Lichtbildschreibmaschine. Seine Werke bestechen durch die bodenständige Aufnahmetechnik (LoFi - Fotografie), den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere und der Anwendung des Lith Print-Verfahren. Unter echten Kennern der Szene gilt Makkerrony deshalb als der Farbige unter den Schwarzweißen.

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