Mein Verständnis ist dann mal alle

Das Modell es mit Termin- und Zeitabsprachen nicht so genau nimmt und ich doch mehr Verständnis für die Situation der jungen Dame zu haben habe, das kenne ich seit Anfang an meiner scheinfotografischen Karriere. Die ganze Welt erwartet und verlangt von mir umfassendes Verständnis. Zum Beispiel die Betreiber des Berliner öffentlichen Nahverkehrs. Zur Zeit muss ich mit einem Schienenersatzverkehr oder der weiträumigen Umfahrung zurechtkommen. Ich gebe mir mehr Zeit und umfahre, weiträumig. Es vergeht nur kein Tag, an dem mal was nach Fahrplan läuft: Bahn minutenweise zu früh oder zu spät, S-Bahn fällt aus oder sie fährt, wie sie will. Man hat seitens der BVG und S-Bahn Berlin für die Verzögerungen und Ausfälle zwar keine Schuld, bittet mich aber um Verständnis. Mittlerweile nervt mich diese Masche gewaltig, weil sie auf widerliche Weise in alle Bereiche des Lebens eingezogen ist: Persönlich hat keiner Schuld und man bittet mich um Verständnis. Ja, ich muss sogar Verständnis haben, so zumindest die Forderung.

Terminabsprache. Soweit alles klar, denke ich, nur würde ich gerne wissen, wo genau wir uns treffen wollen. Selbst der kelinste Ort in Berlin kann ziemlich groß sein. Schweigen. Vierzehn Tage. Zur Verabredung kommt es auch nicht, geschweige denn, dass eine Erklärung kommt, warum die Antwort auf sich warten lässt und die Terminabsprache vielleicht nur ein ‚Spaß‘ um mehr persönliche Aufmerksamkeit war. Nix, schweigen. Und wenn ich der Prinzessin gewaltig verbal die Leviten lesen würde, käme nur ein blödes Sorry und ich sollte doch bitte Verständnis haben, dass ausgerechnet an dem Verabredungstag urplötzlich Oma’s wöchentliche Badetag ist. Oder man wieder so eine Depri hat, weil man seinen Hintern nicht von der Couch bekommt und nicht weiß, wie man sich selbst beschäftigen könnte. Oder was weiß ich. Die Liste der Ausreden ist lang wie lächerlich.

Um mich herum sind viele, die unsere Welt retten und verbessern wollen. Selbstverständlich unter Wahrung ihrer Rechte und zum eigenen Vorteil. Jedoch haben die wenigsten, so scheint es mir zumindest, ihr eigenes Leben im Griff! Haben sich in dieser jetzigen Zeit so die Prioritäten verschoben, dass die kleinen Dinge der eigenen Lebens aus dem Fokus geraten sind? Interessant ist, dass die Weltretter alles verbessern wollen, was sie nicht selbst tangiert. Andere müssen gefälligst etwas tun. Und die Leute, die mich gerade belehren, wie ich mein Vegi-bio-öko-Leben zu leben und gefälligst die Umwelt zu retten habe, kaufen ihre verfickte Bio-Schönheitscreme weiterhin in Plastikdosen, fahren mit dem Auto ihre Brut in den Kindergarten um die Ecke und dann allein zur Arbeit. In der Nacht brennt die LED-Lampe, weil Klein-Lasse Angst im Dunkeln hat. Weil es draußen grad so warm ist, muss die Klimaanlage rund um die Uhr brummen. Und weil es gerade so total übelst In ist, geht es heute zu einem ‚Fridays for Future‘-Event in der ebenfalls klimatisierten Tram! Leute: Wer hat hier den Blick für die Realität verloren?

Ich frage etwas an und bitte um ein kurzes Feedback. Nach zwei Tage bitte ich noch einmal. Mir zeigt die App, dass die Nachricht gelesen wurde. Nur ich bekomme keine Antwort. Was ist daran so schwer nicht einmal fünf Minuten zu investieren und mir kurz mitzuteilen, dass gerade viel zu tun ist aber man sich in ein paar Tagen bei mir melden wird. Gern auch mit ‚versprochen‘. Oder das man mir sagt, man hat kein Interesse und ich sollte besser den Kontakt löschen. Das wäre – immerhin – eine Aussage. Es fällt mir schwer ruhig zu bleiben. Wenn die Angefragten reagieren, so meine Erfahrung, habe ich gefälligst zu springen. Aus dem Stand und sofort. Erlaube ich mir dieselbe Vorgehensweise, also einfach schweigen und warten, muss ich mir anhören, was für ein egoistischer Blödie ich doch bin. Die Antwortverweigerer sind dann in der Bucht die Kritiker, die dem Anbieter mangelnde Kommunikation unterstellen und eine negative Bewertung abgeben. Der Griff an die eigene Nase ist eben der längere Weg der eigenen dreckigen Hand.

Wir haben mehrfach darüber gesprochen, wie etwas aussehen sollte, welche Angaben ich gerne hätte und es sollte ein Beschnitt auf ein Format erfolgen. Doch dann kommt etwas mit dem Vermerk: Mach mal bitte, ich möchte. Es geht um Kunst, um die Kunst der anderen. Nicht um meine. Da kann ich eben nicht mal machen, weil jemand möchte. Denn wenn ich mache, dann würde ich die Vorlage in die Tonne schmeißen. Sie entspricht weder dem abgesprochenen Format, es ist keine Luft um dem Motiv, zu viele Unwichtigkeiten im Bild und das Motiv letztlich nichtssagend. Es ist ein Bild für den Schuhkarton, dessen Inhalt nur die Verwandten oder der Nachlassverwalter zusehen bekommt. Ich darf gegen diese Ignoranz gegen meine Person nicht poltern. Mehr und mehr wächst in mir der Tyrann heran. Der Mensch kann mit dem Allgemeingut ‚Freiheit‘ nichts anfangen, weil er selbstverliebt und bequem ist. Der Mensch macht sich keine Gedanken darüber, dass durch seine egoistische Pflege der Individualität andere Menschen leiden müssen. Es ist doch schließlich grenzenlose Freiheit. Und da wir uns in der Diktatur der Gutmenschen befinden, muss ich als Teil der individualisierten Masse das Ausleben der einzelnen Macke mit Verständnis und ohne Widerspruch ertragen. Sonst bin ich Nazi, schwulenfeindlich und weit abseits der politischen Mitte. Kritische Worte? Nur Positives! Der Rest ist Mobbing und böses Bashing!

Mein Verständnis ist alle!
Ich habe keines mehr!
Verständnis ist bei mir Aus!
Und ich kaufe mir auch kein neues.

Mit dem was ich tue unterstütze ich weder eure Bequemlichkeit noch möchte ich eure Blödheit fördern. Wenn ihr meint, jeden Freitag für eine Zukunft kämpfen zu wollen und die restlichen sechs Tage der Woche gewohnt euer geldgeiles Ego pflegt, dann bitte. Der zwischenmenschliche Aspekt wird heute völlig überbewertet. Hauptsache es ist irgendeiner da, für jede beliebige Lebenssituation und Tageszeit griffbereit ist. Und wenn es dann doch mal Fragen gibt, dann kann man ja mal auf Youtube nach einer Lösung schauen. Das ist ja nicht so schlecht und allemal besser als Wikipedia, wo der Homo digitalis lesen muss. Weiter so Smombie, schleich dich und steh im Weg. Oder drängle dich den Blick nach unten gewandt wo hin, denn wo du bist, da ist der Nabel der Welt. Und diese deine Welt soll für dich mal schön den Mond flach halten.

Ich bitte für meine Situation nicht um Verständnis. Das ist totaler Quatsch. Ich bitte um Entschuldigung, weil ich nicht so sinnfrei und weltpolitisch selbstbeschäftigt in den Tag leben kann wie ihr es tut. Meine Kinderstube bestand aus Erziehung, dem Lernen von Benehmen und Anstand. Fragen, ob ich etwas haben kann oder um Hilfe, wenn ich etwas nicht weiß. Bitte und Danke sagen. Es sind die Lego-Bausteine des zwischenmenschlichen Zusammenlebens. Von Freiheit, Tun und lassen dürfen was man will, davon war selten die Rede. Und doch gab es Abenteuer, war die Zeit spannend und trotz der vielen Schläge aufregend. Ich habe Natur ohne Sagrotan kennengelernt, bin über Felder gerannt, war im Wald unterwegs und weiß heute, dass Obst und Gemüse nicht am Aldi-Baum wächst.

Mir schwirrt vieles im Kopf herum, was ich noch tun möchte. In erster Linie für mich und vielleicht hat auch die Nachwelt irgendwann etwas davon. Ich bitte auch nicht um Verständnis, dass ihr euch zu einer Verantwortung bekennen und einfach nur entschuldigen solltet, statt lieblos und heuchlerisch um Verständnis zu bitten. Es ist schwer dem Bekloppten zu erklären, dass er der Bekloppte ist. Glaubt an den Schein des Seins, der Rest regelt sich von selbst. Wirklich, da bin ich mir absolut nicht sicher. Aber ihr bestimmt, weil es so bequem und einfach ist.

Das hier mit euch ist nicht mehr meine Welt!

Autor: Lichtbildprophet

Ronald Puhle a.k.a. 'Lichtbildprophet' ist kein Fotograf. Als 'Lichtbildpoet' malt Puhle seine Bilder mit Licht und bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Der 'Photoalchemist' in ihm sucht ständig nach Wegen, neue Interpretationsmöglichkeiten für seine Arbeiten zu finden.