Meisterwerke – Henri Cartier-Bresson

Künstler allgemein und Fotografen im Speziellen sind ganz besondere Menschen. Sie kramen einen hohen hölzernen Sockel hervor, stellen sich darauf und beginnen über ihren schweren Weg der Künstlerschaft zu sinnieren. Der Fotograf bekam im Alter eines Kindes die Kamera des Opas, Vaters oder Onkels geschenkt und fortan waren beide bis zum heutigen Tage miteinander verschmolzen. Irgendwann hatte der Herr Fotograf den kreativen Einschuss, etwas ganz Außergewöhnliches getan zu haben und gab der Heiligen Krücke einen bedeutungsschwangeren Namen. Stellt sich ein gewisser Erfolg ein, ist die Suppe während des Aufwärmens gut umzurühren und fertig ist das Menü. Sarkasmusmodus aus.

Henri Cartier-Bresson steht für den ‚entscheidenden Augenblick‘, Martin Zurmühle hat das ‚Vier-Augen-Modell‘ sowie das ‚Doppelte Dreieck‘ erschaffen und Ansel Adams und Fred Archer begeistern selbst Digitalfotografen mit dem erdachten Zonensystem. Man möge mir gerne Neid oder andere niedere Instinkte unterstellen, für mich steht Kunst auch für Emotionen, für eigene Gedanken, Intuition und viel kreative Arbeit. Aus meiner Sicht das Dumme an der Heldenvergötterung ist, das sie ewig nachschwingt und über Generationen weiter fortpflanzt. Am Ende bleibt ein steriler Klumpen Wissen, der, dem Fortschritt sei dank, so nur noch schwer anwendbar ist.

Ich betrachte Cartier-Bresson seine Meisterwerke und vergesse den entscheidenden Augenblick, der namentragend für das Vorwort des Fotografen für den Bildband ist. Ob die Bildkomposition perfekt ist, mag ich nicht feststellen zu können. Es wäre Pedanterie in Perfektion, mit einem Zirkel den Goldenen Schnitt und die Fibonacci-Folge in seinen Aufnahmen zu suchen. Seine Arbeiten überzeugen, sie zeugen von einer geringen Distanz zum Motiv und sind mir persönlich den Zacken zu perfekt ausgearbeitet. In meinen Augen darf eine Sache nie perfekt sein. Das widerspricht den Gegensätzen in der Natur, die mit Leben und Tod den größten Gegensatz geschaffen hat.

Da hänge ich in einer Schleife: Der Glaube an die Technik, die Beinahe-Perfektion versus den Fehlern und Unzulänglichkeiten, die ein Initialzünder für eigene Gedanken sind. Zumindest geht es mir so. Um bei Cartier-Bresson zu bleiben: Ich möchte mehr als nur Sekunden ein der Realität angenähertes Bild betrachten. Das Bild ist gut, wenn ich es immer wieder ansehen kann und mir neue, gänzlich andere Gedanken kommen. Irgendwann lösen sich die Denkströme und ich tauche in völlig andere Dimensionen ab. Cartier Bresson schafft für seine fotografische Visionen die Reportagefotografie, wie Detlev Motz eben der Erfinder und Motor der Wettbewerbsfotografie ist. Das ist das Lametta der Fotografie, der Kunst, weshalb diese Menschen eben ein besonderes Völkchen sind.

Meisterwerke
Henri Cartier-Bresson
128 Seiten
Schirmer/Mosel
2004
9-783829-601498

Autor: Der Herr Makkerrony

Makkerrony ist ein begnadeter Photoalchemist aus Berlin und der Macher des Magazins "Der Lichtbildprophet", dem weltbekannten und einzigartigen Blog für experimentelle Lichtbildkunst (auch Fotografie genannt). Er gilt als der Begründer des Fotografischen Depressionismus und Erfinder der Lichtbildschreibmaschine. Seine Werke bestechen durch die bodenständige Aufnahmetechnik (LoFi - Fotografie), den kreativen Einsatz überlagerter Fotomaterialien, insbesondere ORWO-Fotopapiere und ORWO-Dokumentenpapiere und der Anwendung des Lith Print-Verfahren. Unter echten Kennern der Szene gilt Makkerrony deshalb als der Farbige unter den Schwarzweißen.

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