In meiner heutigen Leseecke geht es nicht um einen Bildband zur Fotografie oder anderen Formen der bildenden Kunst. Ich möchte über Heiner Müller’s „Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen“ meine Gedanken festhalten. Ausgangspunkt ist meine erste Leseecke-Rezension „Der Tod ist ein Irrtum – Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller„. Ich wollte mehr über Heiner Müller erfahren, den ich bewusst am 04. November 1989 das erste Mal wahrgenommen habe. Zwar kann ich mich nicht mehr an den Inhalt seiner Rede auf der großen Demonstration am Alexanderplatz erinnern, doch das tut mittlerweile nichts mehr zur Sache. Die DDR, die friedliche Revolution und die gefressenen Kinder der Revolution sind längst vergessen.
Ich trage seit einigen Jahren Zweifel an der heutigen Darstellung der DDR und damit meiner Kindheit und Jugend mit mir herum. Da war vor einigen Monaten der Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen, in der ich mich als Besucher einer geführten Gruppe anschließen muss. Da ist der Gruppenführer, der wegen einer Coca Cola und Westjeans unbedingt in den Westen wollte. Es sind da aber auch die jungen Autoren, die die DDR bemühen und Assoziationen herstellen, die sie allein ihres Alters wegen nicht erlebt haben können. Zeitgeschichte vom Hörensagen, gefärbt von Erinnerungen und vom Verdrängen.
Kann ein Heiner Müller in seiner Blase als reisender Künstler das Leben in und mit der DDR wahrheitsgemäß wiedergeben? Was ist überhaupt Wahrheit, wo heute doch jeder seine eigene Wahrheit hat? Was mich an dem Buch fasziniert, ist der beinahe ideologisch freie Blick auf einen Staat, der besser als das kapitalistische Pendant sein wollte und durch seine nationalsozialistische Blaupause in der Umsetzung zum Scheitern verurteilt war. Die Realsozialisten waren in ihren Ideen keinen Deut besser als der braune Terror, auch wenn sie nicht Millionen Menschen aus rassischen oder politischen Gründen ermordet haben. Das Leben in der DDR war nicht von den Dramen und Konflikten getrieben, wie es heute gerne zur politisch-ideologischen Abschreckung beschrieben wird. Die DDR war ein anderes Leben, weder besser aber auch nicht schlechter.
Ich habe in zwei Staaten gelebt, aber niemand interessiert sich für diese Lebenserfahrung. Dabei bildet Erfahrung den Weg in die Zukunft. Für die einen bin ich der Verlierer, für den der Gewinner wohl ewig zahlen muss. Für die anderen bin ich nicht Opfer genug, um über meine Erlebnisse und Erfahrungen ohne jeden ideologischen Einschlag reden zu können. Betrachte ich gerade heute die ideologischen Umtriebe bis hin zum fortwährenden Polemisieren der gesichert rechtsradikalen anderen Meinung, fühle ich mich an die DDR der Jahre ab 1984 erinnert. Der Mensch ist ein Objekt, lieber tot weil besetzbar, und spielt als Subjekt trotz aller Beteuerungen keine Rolle. Dieser Eindruck einer anderen DDR spiegelt sich in „Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen“ wider und ich bin froh, das so zu lesen. Ich lebte und liebte in der DDR, nicht an jeder Straßenecke stand ein Russe mit gezückter Maschinenpistole und es war in diesem Land nicht stets und ständig dunkel bis regnerisch.
Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen
Heiner Müller
528 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
2009
978-3-462-04100-2